Caesar, Bellum Gallicum VI,14
Die Druiden: Bildung, Erkenntnislehre und Unsterblichkeitsglaube· Schwierigkeit: leicht–mittel
Einleitung
Im sechsten Buch des Bellum Gallicum beschreibt Caesar die gesellschaftliche Ordnung Galliens. Kapitel 13 behandelt die privilegierte Stellung der Druiden; Kapitel 14 – der vorliegende Text – schildert ihre Ausbildung, ihren Umgang mit Schrift und Wissen sowie ihren zentralen Glaubenssatz von der Unsterblichkeit der Seele.
Quelle: C. Iulius Caesar, De bello gallico VI,14. Gemeinfreier Text nach der Ausgabe von Alfred Klotz.
Lateinischer Text
Wortschatz-Hilfen
| Wort / Wendung | Bedeutung |
|---|---|
| a bello abesse consuerunt | pflegten dem Krieg fernzubleiben (consuesse = Perf. v. consuescere) |
| tributa pendunt | zahlen Steuern (pendere = zahlen) |
| militiae vacationem | Befreiung vom Kriegsdienst (Gen. obiect.) |
| sua sponte | aus eigenem Antrieb, freiwillig |
| in disciplinam conveniunt | kommen zur Ausbildung zusammen |
| versuum ediscere | Verse auswendig lernen |
| annos … vicenos | zwanzig Jahre lang (Distributivzahl als Akk. der Dauer) |
| fas esse existimant | halten es für gottgewollt/erlaubt |
| litteris mandare | schriftlich festhalten, der Schrift anvertrauen |
| non interire animas | dass die Seelen nicht sterben (AcI) |
| metu mortis neglecto | wenn die Todesfurcht beseitigt ist (Abl. abs.) |
| de … motu, de … magnitudine | über … die Bewegung, über … die Größe |
Grammatische Hinweise
- a bello abesse consuerunt: Inf. Präs. nach consuere (Gewohnheitshandlung); a bello abesse = Abl. separationis.
- Tantis excitati praemiis: PPP Abl. causae – „durch so große Vorteile angespornt" – vorangestellte Partizipialkonstruktion.
- Neque fas esse existimant ea litteris mandare: AcI nach existimant; Subjekt des AcI ist implizit eos (die Druiden); fas esse = es sei gottesrechtlich erlaubt.
- In primis hoc volunt persuadere: persuadere + AcI (statt Dat. + ut); hoc verweist prolepisch auf den AcI.
- non interire animas, sed … transire: AcI mit parallelen Infinitiven; animas = Akk.-Subjekt.
- metu mortis neglecto: Abl. abs. mit PPP – „wenn die Todesfurcht beseitigt wurde" – konzessiv-konditionale Nuance.
Übersetzungen
Wörtliche Übersetzung
Die Druiden pflegten dem Krieg fernzubleiben und zahlen keine Steuern. Sie haben Befreiung vom Kriegsdienst und Immunität von allen Abgaben. Durch so große Vorteile angespornt kommen viele freiwillig zur Ausbildung zusammen und werden von Eltern und Verwandten geschickt. Es heißt, dass man dort eine große Zahl von Versen auswendig lernt. So bleiben manche zwanzig Jahre lang in der Ausbildung. Sie halten es nicht für gottgewollt, diese Dinge der Schrift anzuvertrauen, obwohl sie bei fast allen übrigen öffentlichen und privaten Angelegenheiten griechische Buchstaben benutzen.
In erster Linie wollen sie davon überzeugen, dass die Seelen nicht sterben, sondern nach dem Tod von einem zum anderen übergehen, und sie meinen, dadurch am meisten zur Tapferkeit anzuspornen, wenn die Todesfurcht beseitigt wird. Außerdem diskutieren sie viel über die Sterne und ihre Bewegung, über die Größe der Welt und der Länder, über die Natur der Dinge, über Macht und Gewalt der unsterblichen Götter, und unterweisen darin die Jugend.
Idiomatische Übersetzung
Die Druiden hielten sich von Kriegsdienst fern und waren von Steuern und Abgaben befreit. Diese Vorteile lockten viele Freiwillige – und auch von Eltern und Verwandten Geschickte – in ihre Ausbildung. Man lernte dort angeblich eine Unzahl von Versen auswendig, manche blieben volle zwanzig Jahre. Ihre Lehre hielten sie nicht für schriftgeeignet, obwohl sie sonst griechische Schrift für öffentliche wie private Zwecke nutzten.
Ihr Kernglaubenssatz lautet: Die Seele stirbt nicht, sondern wechselt nach dem Tod den Körper. Damit, so meinten sie, lässt sich Tapferkeit am wirksamsten fördern – durch die Überwindung der Todesfurcht. Daneben unterwiesen sie die Jugend in Astronomie, Kosmologie, Naturlehre und Göttertheologie.
Übungsfragen
- Welche zwei gesellschaftlichen Privilegien der Druiden nennt Caesar am Textanfang?
- Erkläre Tantis excitati praemiis: Konstruktionsart und Funktion im Satz.
- Warum vertrauen die Druiden ihre Lehre nicht der Schrift an? Welches Argument gibt Caesar an?
- Formuliere den Unsterblichkeitsglauben der Druiden in eigenen Worten und erkläre, warum er nach Caesar moralisch wirksam sein soll.
- Welche Wissensgebiete unterrichteten die Druiden? Nenne alle im Text genannten.