König Oedipus

Textskriptum Nr. 13 · weiterer Prüfungstext · Schwierigkeit: mittel–schwer

Einleitung

Die Oedipus-Sage gehört zu den bekanntesten griechischen Mythen. Dem König Laios von Theben wurde prophezeit, sein Sohn werde ihn töten. Das ausgesetzte Kind wird gerettet, wächst als Adoptivkind in Korinth auf und erfüllt das Schicksal unwissentlich – er tötet seinen Vater, löst das Rätsel der Sphinx und heiratet seine eigene Mutter.

Quelle: Textskriptum Nr. 13 (weiterer Prüfungstext). Nach Hyginus, Fabulae. Gemeinfreie Vorlage.

Lateinischer Text

Laio, Labdaci filio, regi Thebanorum, ab Apolline erat responsum, ut mortem de manu filii sui caveret. Itaque cum Iocasta, uxor eius, peperisset, iussit infantem exponi. Quem inventum Polybus, rex Corinthi, eiusque uxor, quod orbi erant liberis, pro suo educaverunt eumque Oedipum nominaverunt. Postquam Oedipus ad puberem aetatem pervenit, fortissimus praeter ceteros erat, eique per invidiam aequales obiciebant eum subditum¹⁸ esse Polybo. Quod Oedipus sensit non falso¹⁹ sibi obici. Itaque, cum veros parentes cognoscere voluisset, Delphos est profectus patremque obviam habuit²⁰. Oedipus iratus, quia ille sibi viam dari iusserat, inscius patrem suum de curru detraxit et occidit. Tunc regnum paternum et Iocastam matrem inscius accepit uxorem, ex qua procreavit liberos. Interim Thebis sterilitas frugum et penuria incidit ob Oedipodis scelera. Dum haec Thebis geruntur, Corinthi Polybus decedit. Quo audito Oedipus moleste ferre²¹ coepit existimans patrem suum obisse; sed cum audivisset, quorum parentum filius esset et vidisset se tot scelera nefaria fecisse, ex veste matris fibulas detraxit et se luminibus²² privavit. ¹⁸ subditus: unterschoben ¹⁹ falso (Adverb): fälschlich ²⁰ obviam habere: begegnen ²¹ moleste ferre: traurig sein, betrübt sein ²² lumen: hier = Auge(nlicht)

Wortschatz-Hilfen

Wort / WendungBedeutung
ut … cavereter solle sich hüten vor … (indir. Befehl)
infantem exponi iussitbefahl, das Kind auszusetzen (AcI im Passiv)
orbi … liberiskinderlos (Adj. orbus + Abl.)
pro suo educaveruntzogen ihn als ihr eigenes (Kind) auf
per invidiamaus Neid
subditusunterschoben (PPP von subdere)
non falso sibi obicinicht zu Unrecht vorgeworfen werde (AcI)
obviam habuitbegegnete (= obviam venit)
sibi viam dari iusserathatte befohlen, ihm Platz zu machen
sterilitas frugumUnfruchtbarkeit der Felder
moleste ferretraurig sein, betrübt sein
fibulas detraxitriss die Fibeln (Spangen) ab
sē luminibus privavitberaubte sich des Augenlichts (= blendete sich)

Grammatische Hinweise

Übersetzungen

Wörtliche Übersetzung

Laios, dem Sohn des Labdakos, dem König der Thebaner, war von Apollon beschieden worden, er solle sich vor dem Tod durch die Hand seines Sohnes hüten. Als daher seine Frau Iokaste ein Kind geboren hatte, befahl er, das Kind auszusetzen. Dieses wurde gefunden; Polybos, König von Korinth, und seine Frau zogen es, weil sie kinderlos waren, als ihr eigenes auf und nannten es Oidipus. Nachdem Oidipus das Jünglingsalter erreicht hatte, war er tapferer als alle anderen, und seine Altersgenossen warfen ihm aus Neid vor, er sei Polybos untergeschoben. Das empfand Oidipus als ihm nicht zu Unrecht vorgeworfen. Als er daher seine wahren Eltern kennenlernen wollte, brach er nach Delphi auf und begegnete seinem Vater. Oidipus zog ihn, erzürnt, weil jener ihm befohlen hatte, Platz zu machen, unwissend vom Wagen und tötete ihn. Dann übernahm er unwissend das väterliche Reich und nahm Iokaste, seine Mutter, zur Frau, mit der er Kinder zeugte. Unterdessen fiel über Theben Unfruchtbarkeit der Felder und Mangel wegen der Verbrechen des Oidipus herein. Während dies in Theben geschah, starb in Korinth Polybos. Als Oidipus das hörte, begann er traurig zu werden, in der Meinung, sein Vater sei gestorben; als er aber gehört hatte, wessen Eltern Kind er sei, und gesehen hatte, dass er so viele verruchte Verbrechen begangen hatte, riss er die Fibeln vom Gewand seiner Mutter und raubte sich das Augenlicht.

Idiomatische Übersetzung

Apollon hatte König Laios prophezeit: Dein Sohn wird dich töten. Das neugeborene Kind wurde daher ausgesetzt. Ein Hirtenpaar aus Korinth fand es und zog es unter dem Namen Oidipus auf. Als Jugendlicher hörte Oidipus von Gerüchten, er sei gar nicht der echte Sohn des Polybos. Auf dem Weg nach Delphi, um die Wahrheit zu erfahren, geriet er in einen Streit mit einem fremden Mann auf einem Wagen – und tötete ihn im Zorn: seinen Vater Laios. In Theben löste er das Rätsel der Sphinx, wurde König und heiratete – unwissend – seine eigene Mutter Iokaste. Eine Seuche traf Theben. Als Oidipus endlich die volle Wahrheit erfuhr, blendete er sich selbst.

Übungsfragen

  1. Erkläre ab Apolline erat responsum, ut … caveret: Konstruktion und Modus.
  2. Warum wirft man Oidipus vor, er sei subditus (unterschoben)?
  3. Analysiere cum audivisset … et vidisset sē … fecisse: Modus, Tempus, AcI.
  4. Was bedeutet sē luminibus privavit? Erkläre den Ablativ.
  5. Wie erfüllt sich die Prophezeiung des Apollon, obwohl Laios alles tat, um sie zu verhindern?