Übersetzungsstil
In der Latinums-Prüfung ist eine Übersetzung gefragt, die das lateinische Original korrekt wiedergibt und im Deutschen verständlich klingt. Beides muss zusammenfinden: wer zu wörtlich übersetzt, produziert unverständliches Deutsch; wer zu frei übersetzt, riskiert inhaltliche Fehler. Der Weg führt über eine zweistufige Arbeitsweise.
Zwei Pole der Übersetzung
| Wörtlich (Rohübersetzung) | Idiomatisch (Reinübersetzung) |
|---|---|
| folgt dem lateinischen Satzbau | folgt dem deutschen Sprachgefühl |
| übersetzt jede Form 1:1 | wandelt Strukturen um, wo nötig |
| zeigt grammatisches Verständnis | zeigt sprachliche Beherrschung |
| sinnvoll als Zwischenschritt | das Endergebnis in der Klausur |
Das Vorgehen in der Prüfung: zuerst wörtlich übersetzen, um alle Formen korrekt aufzulösen – dann idiomatisch umformulieren, damit das Deutsche stimmt. Wer nur einen Schritt macht, macht meist einen Fehler.
Konkrete Umformungen
| Lateinisch | Wörtlich | Idiomatisch |
|---|---|---|
| Hostibus victīs Caesar in Italiam rediit. | „Den Feinden besiegt worden seienden, kehrte Caesar nach Italien zurück." | „Nachdem Caesar die Feinde besiegt hatte, kehrte er nach Italien zurück." |
| Liber legendus est. | „Das Buch ist ein zu lesendes." | „Das Buch muss gelesen werden." |
| Cōnstat eum vēnisse. | „Es steht fest, ihn gekommen zu sein." | „Es steht fest, dass er gekommen ist." |
Faustregeln
- Partizipien → Nebensätze oder Substantivierungen: Lateinische Partizipialkonstruktionen (Abl. abs., PC) werden im Deutschen fast immer zu Nebensätzen (als, nachdem, weil, obwohl) oder zu präpositionalen Wendungen (nach seiner Ankunft, trotz der Niederlage). Eine wörtliche Partizipübertragung klingt im Deutschen stets unnatürlich.
- Hyperbata auflösen: Lateinisch weit getrennte Bezugswörter (magnās … cōpiās) werden im Deutschen zusammengeführt. Adjektiv und Substantiv stehen im Deutschen in der Regel direkt beieinander.
- Historisches Präsens → deutsche Vergangenheit: Wenn der Kontext eindeutig vergangen ist, das historische Präsens ins Deutsche als Imperfekt oder Perfekt übersetzen. Wörtliches Präsens klingt sonst stilistisch falsch.
- Konjunktionen konkretisieren: cum + Konjunktiv lässt mehrere Deutungen zu (als / nachdem / weil / obwohl). Im Deutschen die kontextuell passendste Konjunktion wählen und bei der Korrektur begründen können.
- Passiv → Aktiv umbauen: Deutsches Passiv ist oft umständlich. Ā mīlitibus capta est lässt sich eleganter als „Die Soldaten nahmen sie gefangen" formulieren als „Sie wurde von den Soldaten gefangen genommen".
- Infinitivkonstruktionen: AcI wird meist zu einem dass-Satz. Infinitiv-Futur (ventūrum esse) → „dass er kommen werde" (nicht: „kommen wird").
Was zählt in der Prüfung?
Die Bewertung einer Übersetzung folgt üblicherweise zwei Kriterien:
- Inhaltliche Richtigkeit: Alle grammatischen Strukturen korrekt erkannt und wiedergegeben. Fehler bei Kasus, Tempus, Modus oder Konstruktionstyp geben Abzug.
- Sprachliche Qualität: Das Deutsche ist verständlich, grammatisch korrekt und stilistisch akzeptabel. Grob unverständliche oder grammatisch falsche Sätze zählen als Fehler, auch wenn die lateinische Analyse stimmt.
Im Zweifelsfall: lieber eine korrekte, etwas steife Übersetzung als eine freie, bei der unklar ist, ob die Grammatik verstanden wurde. Die Prüferin / der Prüfer bewertet das grammatische Verständnis, nicht den literarischen Stil.