Rhetorik und Stilfiguren

Die Römer verfassten keine Texte ohne rhetorische Formung – selbst Caesars scheinbar nüchternes Latein ist durchkalkuliert. Die Kenntnis der wichtigsten Stilfiguren ist für die Textinterpretation unerlässlich.

Die fünf Aufgaben des Redners (officia ōrātōris)

Cicero und Quintilian lehrten, dass eine vollendete Rede fünf Phasen der Entstehung durchläuft:

Stilfiguren (figurae)

FigurDefinitionLateinisches Beispiel
Alliteration Gleicher Anlaut aufeinanderfolgender Wörter vēnī, vīdī, vīcī (Caesar bei Sueton)
Anapher Wiederholung desselben Wortes am Satzanfang nihil agis, nihil mōlīris, nihil cōgitās … (Cicero, Catil. I,2)
Asyndeton Reihung ohne verbindendes Bindewort abiit, excessit, ēvāsit, ērūpit (Cicero, Catil. II,1)
Polysyndeton Reihung mit mehrfacher Konjunktion et … et … et … / -que … -que … -que …
Chiasmus Überkreuzstellung zweier Satzglieder (ABBA) ōdī et amō (Catull 85) – Verb–Konjunktion–Konjunktion–Verb
Parallelismus Gleiche syntaktische Struktur zweier Glieder (ABAB) bonīs amīcus, malīs inimīcus
Hyperbaton Trennung zusammengehöriger Wörter durch Einschub magna cum laude (Attribut und Nomen durch Präposition getrennt)
Trikolon Dreigliedrige Reihung, oft klimaktisch vēnī, vīdī, vīcī – drei Verben, jedes kürzer vorzustellen als das folgende Ergebnis
Klimax Steigerung der Aussage von Glied zu Glied vēnī, vīdī, vīcī (auch als Klimax: kommen → sehen → siegen)
Metapher Übertragener Ausdruck ohne expliziten Vergleich flamma amōris – Liebe als Feuer (kein „wie")
Personifikation Einer Sache werden menschliche Züge zugeschrieben pātria loquitur – das Vaterland spricht (bei Cicero, Catil. I,18)
Litotes Verneinung des Gegenteils als verhüllende Aussage nōn ignōrō = ich weiß sehr wohl; nōn minimē = in höchstem Maß
Ironie Gegenteil des Gemeinten – oft durch Kontext erschlossen ō praeclārum custōdem ovium lupum! (Cicero, Phil. III,27 – abwertend über Antonius)
Hendiadyoin Zwei Substantive statt Substantiv + Adjektiv (Eines durch zwei) vī et armīs = mit Waffengewalt (eigtl. „mit Gewalt und Waffen")
Rhetorische Frage Frage ohne Antworterwartung; Antwort liegt auf der Hand Quō ūsque tandem abūtēre, Catilīna, patientiā nostrā? (Cicero, Catil. I,1)

Weitere wichtige Begriffe der elocutio

Stilfiguren erkennen in der Prüfung

Im Latinum werden Stilfiguren oft in der Interpretationsaufgabe abgefragt: „Nennen Sie eine Stilfigur und erläutern Sie ihre Wirkung." Zur Beantwortung stets: (1) Figur benennen, (2) betroffene Wörter zitieren, (3) Wirkung im Kontext erklären.

Häufig geprüfte Figuren: Anapher, Chiasmus, Trikolon, Alliteration, rhetorische Frage. Weniger oft: Hendiadyoin, Litotes.