Philosophie & Ethik
Die lateinische Philosophiesprache wurde wesentlich von Cicero geprägt, der griechische Begriffe systematisch ins Lateinische übertrug. Zentrale Texte für die Prüfung sind De officiis, De finibus und die Tusculanae Disputationes. Daneben sind Seneca (Epistulae morales) und Lukrez (De rerum nātūra) wichtige Quellen. Das philosophische Vokabular ist stark von der Gegenüberstellung stoischer und epikureischer Positionen geprägt.
Seele, Geist und Erkenntnis
| Lemma | Bedeutung | Hinweis |
|---|---|---|
| animus, -ī m. | Geist, Sinn, Mut; Seele | der rationale, bewusste Geist; Pl. animī – Hochmut, Haltung |
| anima, -ae f. | Seele, Atem, Lebenshauch | Lebensprinzip; animam agere – im Sterben liegen |
| mēns, mentis f. | Verstand, Gesinnung | intellektuelles Denkvermögen; mente captus – geistesgestört |
| ratiō, -ōnis f. | Vernunft; Berechnung; Plan | das Unterscheidungsmerkmal des Menschen; ratiōnem reddere – Rechenschaft ablegen |
| sapientia, -ae f. | Weisheit | höchste Tugend der Stoiker; sapiens – der Weise |
| vēritās, -ātis f. | Wahrheit | vērum dīcere – die Wahrheit sagen; Gegenteil: mendācium – Lüge |
| cōnscientia, -ae f. | (Mit-)Wissen, Gewissen | inneres Bewusstsein; bona cōnscientia – gutes Gewissen |
animus vs. anima: animus bezeichnet den rationalen Geist und die bewusste Seele; anima den Lebenshauch und das biologische Lebensprinzip. Bei Cicero und in der Stoa ist animus der philosophisch relevante Begriff; anima tritt häufiger in poetischen und medizinischen Kontexten auf.
Ethik: Tugenden und Grundbegriffe
| Lemma | Bedeutung | Hinweis |
|---|---|---|
| virtūs, -ūtis f. | Tugend, Tapferkeit, Tüchtigkeit | von vir – der Mann; umfasst alle ethischen Qualitäten |
| vitium, -ī n. | Fehler, Laster, Schwäche | Gegenbegriff zu virtūs |
| iūstitia, -ae f. | Gerechtigkeit | eine der vier Kardinaltugenden der Stoa |
| fortitūdō, -inis f. | Tapferkeit, Standhaftigkeit | Kardinaltugend; auch: innere Stärke gegenüber Schicksal und Schmerz |
| temperantia, -ae f. | Mäßigung, Selbstbeherrschung | Kardinaltugend; griech. σωφροσύνη (sōphrosynē) |
| prūdentia, -ae f. | Klugheit, Einsicht | Kardinaltugend; praktische Urteilskraft; von prōvidēre – voraussehen |
| honestum, -ī n. | das sittlich Gute, das Ehrenhafte | bei Cicero (De officiis) dem ūtile übergeordnet |
| ūtile, -is n. | das Nützliche | zentraler Begriff der Güterabwägung; ūtilitās – Nützlichkeit |
| bonum, -ī n. | das Gute | summum bonum – das höchste Gut (zentrales Diskussionsthema in De finibus) |
| malum, -ī n. | das Übel, das Böse | Gegenbegriff zu bonum; mala vitāre – Übel meiden |
| beātus, -a, -um | glücklich, selig | vīta beāta – das glückliche Leben (Ziel aller antiken Ethik) |
| vīta beāta | das glückliche Leben | jede Schule definiert es anders: Tugend (Stoa), Lust (Epikur), Mittelweg (Cicero) |
Die vier Kardinaltugenden der Stoa (iūstitia, fortitūdō, temperantia, prūdentia) bilden bei Cicero das Grundgerüst der Ethik. honestum vs. ūtile: In De officiis untersucht Cicero, was zu tun ist, wenn das sittlich Gute mit dem Nützlichen in Konflikt gerät – für ihn ist das honestum stets vorrangig.
Affekte und Triebfedern
| Lemma | Bedeutung | Hinweis |
|---|---|---|
| voluptās, -ātis f. | Lust, Vergnügen | bei Epikur das höchste Gut; bei der Stoa abzulehnender Affekt |
| dolor, -ōris m. | Schmerz, Kummer | bei Epikur: zu meidendes Übel; Cicero: Tusculanae Disputationes II behandelt dolor |
| cupiditās, -ātis f. | Begierde, Verlangen | stoisch: einer der vier Hauptaffekte (pathē), zu bekämpfen |
Philosophen und Schulen
| Lemma | Bedeutung | Hinweis |
|---|---|---|
| philosophia, -ae f. | Philosophie, Weisheitsliebe | griech. Lehnwort; philosophiam colere – der Philosophie nachgehen |
| philosophus, -ī m. | Philosoph | griech. Lehnwort; Cicero sieht sich selbst als Vermittler griech. Philosophie nach Rom |
| Stōicus, -ī m. | Stoiker | Adj. stōicus: Kernlehren sind Tugend als höchstes Gut, Gleichmut (apatheia), Vernunft |
| Epicūrēus, -ī m. | Epikureer | Adj. epicūrēus: höchstes Gut ist voluptās als Abwesenheit von Schmerz und Unruhe |
Stoa vs. Epikur: Die Stoa lehrt, allein die Tugend (virtūs) sei das höchste Gut; Schmerz und Lust sind indifferentia (gleichgültig). Epikur definiert das höchste Gut als seelische Lust (voluptās animi) und Schmerzfreiheit (ataraxia). Cicero steht der Stoa näher, nimmt aber in De finibus und den Tusculanen beide Positionen kritisch auf.