Die Herkunft des Zauberers Merlin

Textskriptum Nr. 6 · früherer Klausurtext · Schwierigkeit: mittel

Einleitung

Geoffrey of Monmouth (um 1100–1155) erzählt in seiner Historia Regum Britanniae die Sage von König Vortigern, der eine uneinnehmbare Burg bauen lässt. Magier raten ihm, das Fundament mit dem Blut eines vaterlosen Jünglings zu besprengen. So wird Merlin aufgespürt, der als Kind eines Dämons gilt.

Quelle: Textskriptum Nr. 6 (früherer Klausurtext). Nach Geoffrey of Monmouth, Historia Regum Britanniae (12. Jh.). Gemeinfreie Vorlage.

Lateinischer Text

1) Vortigernus¹² rex turrim sibi iusserat aedificari fortissimam, sed quicquid uno die aedificabatur, proxima nocte absorbebatur a terra. 2) Consuluit igitur magos suos, qui dixerunt, ut iuvenem sine patre quaereret quaesitumque interficeret, ut sanguine eius fundamentum turris irrigaretur. 3) Legati missi ad talem hominem quaerendum reppererunt duos iuvenes litigantes, quorum alter Merlinus dicebatur, alter Dinabutius. 4) Dixit Dinabutius ad Merlinum: „Numquam nobis eadem erit nobilitas: ego enim ex regibus originem duxi, de te autem nescitur, quis sis, cum patrem non habeas." 5) Legatis interrogantibus, quis esset, responsum est patrem eius ignotum esse. 6) Adductus est ergo Merlinus cum matre ad regem, qui diligenter a matre perquirebat, de quo viro iuvenem concepisset. 7) Illa ait: „Domine mi rex, unum tantum scio: apparebat mihi dormienti quidam in specie pulcherrimi iuvenis et amplectens me saepissime osculabatur, deinde evanescebat. 8) Cumque hoc modo me diu frequentavisset, tandem me gravidam dereliquit, sed aliter non cognovi virum." 9) Admirans autem Vortigernus rogavit magos, num id, quod dixerat mulier, fieri potuisset. 10) Illi responderunt: „Inter lunam et terram habitant maligni spiritus, quos daemones vocamus, qui, cum volunt, assumunt humanas figuras et cum mulieribus coeunt. 11) Forsitan aliquis illorum huic mulieri stuprum intulit et iuvenem hunc generavit." ¹² Vortigern: britischer König

Wortschatz-Hilfen

Wort / WendungBedeutung
turrim … iusserat aedificarihatte befohlen, einen Turm zu bauen (AcI nach iubere)
absorbebatur a terrawurde von der Erde verschluckt
ut … irrigareturdamit … besprengt werde (Finalsatz, Passiv)
litigantesstreitend (Part. Präs.)
originem ducereAbstammung herleiten, abstammen von
nescitur, quis sises ist unbekannt, wer du bist (indir. Frage)
perquirebatforschte nach (Impf.)
concepissetempfangen hatte (Konj. Plqpf.)
apparebat … dormientierschien mir im Schlaf (Dat. Part. Präs.)
in speciein Gestalt von (+ Gen.)
gravidam dereliquitschwanger zurückließ
maligni spiritusböse Geister
stuprum intulitSchande antun, Gewalt antun

Grammatische Hinweise

Übersetzungen

Wörtliche Übersetzung

1) König Vortigern hatte befohlen, sich einen sehr festen Turm zu bauen, aber was auch immer an einem Tag gebaut wurde, wurde in der nächsten Nacht von der Erde verschluckt. 2) Er befragte daher seine Magier, die sagten, er solle einen Jüngling ohne Vater suchen und ihn nach dem Auffinden töten, damit das Fundament des Turmes mit seinem Blut besprengt werde. 3) Die ausgesandten Boten fanden bei der Suche nach einem solchen Menschen zwei streitende Jünglinge, von denen einer Merlin, der andere Dinabutius genannt wurde. 4) Dinabutius sagte zu Merlin: „Niemals wird uns dasselbe Ansehen zukommen: Ich nämlich leite meine Abstammung von Königen her, von dir aber ist unbekannt, wer du bist, da du keinen Vater hast." 5) Als die Boten fragten, wer er sei, wurde geantwortet, sein Vater sei unbekannt. 6) Merlin wurde also mit seiner Mutter zum König geführt, der die Mutter eingehend befragte, von welchem Mann sie den Jüngling empfangen habe. 7) Sie sagte: „Mein Herr König, nur eines weiß ich: Mir erschien im Schlaf jemand in Gestalt eines sehr schönen Jünglings, der mich umarmte und auf das Häufigste küsste, dann verschwand er. 8) Und als er mich auf diese Weise lange besucht hatte, ließ er mich schließlich schwanger zurück, aber anders habe ich den Mann nicht kennengelernt." 9) Vortigern fragte erstaunt die Magier, ob das, was die Frau gesagt hatte, möglich gewesen sein könnte. 10) Diese antworteten: „Zwischen Mond und Erde wohnen böse Geister, die wir Dämonen nennen, die, wenn sie wollen, menschliche Gestalten annehmen und mit Frauen verkehren. 11) Vielleicht hat einer von ihnen dieser Frau Gewalt angetan und diesen Jüngling gezeugt."

Idiomatische Übersetzung

König Vortigern wollte eine uneinnehmbare Burg bauen lassen – aber was tagsüber errichtet wurde, versank jede Nacht in der Erde. Seine Magier gaben den Rat: Er solle einen vaterlosen Jüngling finden und töten und das Fundament mit dessen Blut benetzen. Die Abgesandten stießen auf zwei streitende Jünglinge; einer war Merlin, von dem niemand wusste, wer sein Vater war. Seine Mutter erklärte dem König, ein schöner Jüngling sei ihr im Traum immer wieder erschienen, habe sie umarmt und geküsst – und sei wieder verschwunden. So sei sie schwanger geworden. Die Magier erklärten dies: Zwischen Mond und Erde hausten Dämonen, die Menschengestalt annehmen konnten.

Übungsfragen

  1. Analysiere turrim sibi iusserat aedificari (Satz 1): Welche Konstruktion steht nach iubere?
  2. Erkläre die beiden Finalsätze in Satz 2 (mit ut).
  3. Bestimme Legatis interrogantibus (Satz 5): Konstruktionsart und Funktion.
  4. Was ist an responsum est patrem eius ignotum esse (Satz 5) grammatisch besonders?
  5. Warum braucht Vortigern ausgerechnet einen vaterlosen Jüngling?