Hahn und Fuchs – eine Fabel

Textskriptum Nr. 5 · früherer Klausurtext · Schwierigkeit: leicht–mittel

Einleitung

Die Fabel vom Hahn und Fuchs gehört zur äsopisch-mittelalterlichen Fabeltradition (Romulus-Sammlung). Der listige Fuchs versucht den Hahn von einem Baum herunterzulocken, indem er einen Frieden aller Tiere vorspiegelt. Der Hahn durchschaut die Lüge und dreht den Spieß um.

Quelle: Textskriptum Nr. 5 (früherer Klausurtext). Mittelalterliche Fabeltradition (Romulus-Sammlung, nach Äsop). Gemeinfreie Vorlage.

Lateinischer Text

1) Esuriens quondam vulpes ad decipiendas gallinas, quae gallo duce arborem excelsiorem, quo ei aditus non erat, ascenderant, gallum blandis verbis adiit. 2) Quem cum comiter salutavisset, „Quid in excelso agis?" inquit. „Nonne audivisti nova haec recentia tam salutaria nobis?" 3) Gallus se audivisse negavit. Tum vulpes: „Huc accessi," ait, „ad communicandum tecum gaudium magnum. 4) Animalium omnium concilium celebratum est, in quo pacem perpetuam omnium animantium inter se firmaverunt, ita ut omni sublato timore nulli ab altero insidiae aut iniuriae fieri possent, sed pace et concordia omnes fruerentur. 5) Licet abire omnibus, quo velint, secure. Descendite igitur, et hunc festum agamus diem!" 6) Agnita vulpis fallacia gallus: „Bonum," inquit, „affers nuntium et mihi gratum," et simul collum altius protendit et longius prospecturus in pedes se erexit. 7) „Tu quid aspicis?" vulpes cum dixisset, gallus respondit: „Duos magno cursu, ore patulo advenientes canes." 8) Tum tremebunda vulpes: „Valete," inquit, „mihi fugere necesse est, antequam illi adveniant," et simul coepit abire. 9) Hic gallus: „Quo fugis, aut quid times? Nam pace constituta nihil est timendum." 10) „Dubito," inquit vulpes, „an canes isti audiverunt decretum pacis." Hoc modo dolo illusus est dolus.

Wortschatz-Hilfen

Wort / WendungBedeutung
esurienshungrig (Part. Präs. von esurire)
ad decipiendas gallinasum die Hühner zu täuschen (Gerundivum, final)
quo ei aditus non eratwohin ihr kein Zugang war (Rel.-Satz)
blandis verbismit schmeichelhaften Worten (Abl. instr.)
comiterhöflich, freundlich
salutariaheilsam, günstig (Adj.)
concilium celebratum esteine Versammlung wurde abgehalten
animantiumder Lebewesen (Gen. Pl. von animans)
omni sublato timorenachdem alle Furcht beseitigt wurde (Abl. abs.)
fruerentursie mögen genießen (Konj. Impf. von frui + Abl.)
fallaciaList, Täuschung
ore patulomit offenem Maul (Abl.)
tremebundazitternd, bebend
dolo illusus est dolusList wurde durch List überlistet

Grammatische Hinweise

Übersetzungen

Wörtliche Übersetzung

1) Ein hungriger Fuchs trat einst mit schmeichelhaften Worten an den Hahn heran, um die Hühner zu täuschen, die unter der Führung des Hahns auf einen höheren Baum gestiegen waren, wohin ihm kein Zugang war. 2) Als er ihn freundlich gegrüßt hatte, fragte er: „Was tust du da oben? Hast du diese frischen Neuigkeiten nicht gehört, die so günstig für uns sind?" 3) Der Hahn sagte, er habe sie nicht gehört. Da sagte der Fuchs: „Ich bin hergekommen, um dir eine große Freude mitzuteilen. 4) Eine Versammlung aller Tiere hat stattgefunden, bei der sie untereinander einen ewigen Frieden aller Lebewesen beschlossen haben, so dass, nachdem alle Furcht beseitigt worden ist, keinem vom anderen Nachstellungen oder Unrecht geschehen könnten, sondern alle Frieden und Eintracht genießen sollten. 5) Es ist allen erlaubt, wohin sie wollen, sicher zu gehen. Kommt also herunter und feiert diesen festlichen Tag!" 6) Als der Hahn die List des Fuchses erkannt hatte, sagte er: „Du bringst eine gute und mir willkommene Botschaft," und zugleich streckte er den Hals höher und richtete sich auf die Füße auf, um weiter zu schauen. 7) Als der Fuchs gefragt hatte: „Was schaust du?", antwortete der Hahn: „Zwei Hunde, die mit großem Lauf und offenem Maul herannahen." 8) Da sagte der zitternde Fuchs: „Lebt wohl, ich muss fliehen, bevor jene ankommen," und zugleich begann er wegzugehen. 9) Da sagte der Hahn: „Wohin fliehst du oder was fürchtest du? Denn nachdem Frieden geschlossen wurde, ist nichts zu fürchten." 10) „Ich zweifle," sagte der Fuchs, „ob jene Hunde den Friedensbeschluss gehört haben." Auf diese Weise wurde List durch List überlistet.

Idiomatische Übersetzung

Ein hungriger Fuchs versuchte einen Hahn vom Baum herunterzulocken. Die Hühner hatten sich auf einen Baum gerettet, den der Fuchs nicht erklimmen konnte. Mit schmeichelhaften Worten erzählte er dem Hahn von einem Tierfrieden: Alle Tiere hätten Frieden geschlossen, niemand müsse mehr irgendwen fürchten. Der Hahn tat so, als glaube er das, streckte den Hals und erspähte zwei Hunde, die heranrannten. Der Fuchs erschrak und wollte fliehen. Der Hahn fragte unschuldig: „Warum? Es herrscht doch Frieden!" – „Ich bezweifle," gab der Fuchs zu, „dass die Hunde davon wissen." So wurde List durch List überlistet.

Übungsfragen

  1. Erkläre ad decipiendas gallinas (Satz 1): Konstruktion und Funktion.
  2. Analysiere den Konsekutivsatz in Satz 4 vollständig.
  3. Was bedeutet Agnita vulpis fallacia (Satz 6)? Bestimme die Konstruktion.
  4. Erkläre die Pointe im letzten Satz: Was meint dolo illusus est dolus?
  5. Welche moralische Aussage (Moral) enthält die Fabel? Formuliere sie auf Latein und Deutsch.