Römische Mythologie und Gründungssagen

Die römischen Gründungsmythen sind keine bloßen Märchen – sie dienten der moralischen Erziehung und politischen Legitimation. Livius erzählt sie mit aufklärerischem Vorbehalt, Vergil macht sie zum Fundament eines neuen Augustus-Roms.

Die Aeneas-Sage

Aeneas, trojanischer Held und Sohn der Göttin Venus, flieht nach der Zerstörung Trojas mit seinem Vater Anchises, seinem Sohn Ascanius und den trojanischen Penaten-Göttern. Nach langer Irrfahrt – mit Aufenthalt in Karthago bei Königin Dido – landet er in Latium, kämpft gegen den König Turnus und gründet die mythische Vorgeschichte Roms. Durch seinen Nachkommen Iulus (= Iulius) begründet er die Abstammungslinie des Caesarischen Geschlechts.

Literarische Quelle: Vergil, Aeneis (29–19 v. Chr.) – das augusteische Nationalepos.

Textbeispiel: Vergil, Aeneis I,1–7

Romulus und Remus

Die Zwillinge Romulus und Remus, Söhne des Kriegsgottes Mars und der Vestalin Rhea Silvia, werden als Kinder ausgesetzt und von einer Wölfin gesäugt. Aufgewachsen unter Hirten, gründen sie gemeinsam eine neue Stadt am Tiber. Ein Streit über die Lage der Stadtmauer und die Deutung der Auguren eskaliert: Remus überspringt Romulus' Maueranlage und wird dabei erschlagen. Romulus wird erster König der Stadt, die seinen Namen trägt.

Literarische Quelle: Livius, Ab urbe condita I,3–7.

Textbeispiel: Livius, Ab urbe condita I,7 – Der Augurenstreit

Der Raub der Sabinerinnen

Roms früheste Bevölkerung bestand ausschließlich aus Männern – Flüchtlinge, Abenteurer, Hirten. Um Nachkommen zu sichern, lud Romulus die Nachbarvölker zu Festspielen ein und ließ bei einem abgesprochenen Signal die unverheirateten Frauen der Sabiner entführen. Auf den folgenden Krieg reagierten die sabinischen Frauen mit einem mutigen Eingreifen: Sie stellten sich zwischen die kämpfenden Heere und bewirkten eine Versöhnung und Vereinigung der Völker. Der Mythos legitimiert die Einbeziehung der Sabiner in die römische Bürgerschaft.

Literarische Quelle: Livius, Ab urbe condita I,9–13; Ovid, Ars amatoria I,101–134.

Lucretia und Brutus

Lucretia, Frau des Tarquinius Collatinus, wird von Sextus Tarquinius, dem Sohn des Königs, vergewaltigt. Sie berichtet ihrem Vater und Mann, verlangt Rache, schwört sie herbei – und tötet sich dann mit einem Dolch, um ihre Ehre (pudīcitia) zu bewahren. L. Iunius Brutus, zunächst als Narr (brutus = stumpf) getarnt, reißt den Dolch aus ihrer Wunde, schwört Rache und entfacht den Volksaufstand, der die Könige vertreibt und die Republik begründet.

Literarische Quelle: Livius, Ab urbe condita I,57–59; Ovid, Fasti II,721–852.

Horatius Cocles

Als der etruskische König Porsenna mit einem Heer auf Rom marschiert, hält Horatius Cocles als Einziger die Tiberbrücke (Pons Sublicius) gegen das gesamte feindliche Heer. Er gibt seinen Mitbürgern Zeit, die Brücke abzureißen, und springt dann – schwer verwundet – in vollem Rüstung in den Tiber. Er überlebt und schwimmt ans andere Ufer. Die Brücke fällt; Rom ist gerettet.

Literarische Quelle: Livius, Ab urbe condita II,10.

Textbeispiel: Livius, Ab urbe condita II,10 – Horatius Cocles

Mucius Scaevola

Im Krieg gegen Porsenna schleicht sich der Römer Gaius Mucius ins feindliche Lager, um den König zu töten. Er erschlägt irrtümlich den Schreiber und wird gefangengenommen. Vor Porsenna streckt er seine rechte Hand ins Feuer und lässt sie verbrennen – um zu zeigen, dass die Römer den Schmerz nicht fürchten. Beeindruckt entlässt Porsenna ihn und schließt Frieden. Mucius trägt fortan den Beinamen Scaevola (der Linkshändige).

Literarische Quelle: Livius, Ab urbe condita II,12–13.

Cincinnatus

L. Quinctius Cincinnatus lebte zurückgezogen auf seinem kleinen Landgut, als ihn im Jahr 458 v. Chr. eine Gesandtschaft des Senats beim Pflügen findet und zum Diktator beruft. Er legt den Pflug weg, übernimmt das Kommando, rettet in 15 Tagen eine eingeschlossene Armee, triumphiert – und kehrt dann sofort zum Pflügen zurück. Er gilt als Inbegriff der altrömischen Tugend: virtūs, Pflichterfüllung und Bescheidenheit.

Literarische Quelle: Livius, Ab urbe condita III,26–29.

Horatier und Curiatier

Im Streit zwischen Rom und Alba Longa einigen sich beide Seiten, den Konflikt durch einen Zweikampf je dreier Vertreter zu entscheiden. Die drei römischen Brüder Horatier treten gegen die drei albanischen Curiatier an. Zwei Horatier fallen, doch der dritte täuscht die Flucht vor, lässt die verwundeten Curiatier einzeln aufholen und erschlägt sie nacheinander. Roms Sieg ist gesichert – der siegreiche Horatier erschlägt jedoch beim Triumph seine Schwester, die einen der Curiatier geliebt hatte: ein tragisches Nachspiel, das die Grenze zwischen Tapferkeit und Grausamkeit auslotet.

Literarische Quelle: Livius, Ab urbe condita I,24–26.