Römischer Alltag
Domus und īnsula, thermae und Forum – das alltägliche Leben, das hinter Senecas Briefen, Plinius' Schilderungen und den Vokabeln der Prüfungstexte steht.
Wohnen: domus und īnsula
Domus – das Stadthaus der Wohlhabenden
Die domus war das repräsentative Wohnhaus der besser gestellten Römer: nach außen hin abgeschlossen (keine Fenster zur Straße), nach innen zum Lichthof hin geöffnet. Die wichtigsten Räume:
- ātriumm: zentraler Empfangssaal mit Öffnung im Dach (compluvium) und Wasserbecken darunter (impluvium)
- tablīnum: Arbeitszimmer des pater familiās, zwischen Atrium und Garten
- peristȳlium: umgang von Säulen umgebener Garten – griechischer Einfluss; privater Erholungsraum
- triclīnium: Speisezimmer mit drei Speisesofas (je drei Personen) um einen Tisch
- culīna: Küche, meist kleinräumig und im hinteren Teil des Hauses
Īnsula – das Mietshaus
Die große Mehrheit der Stadtbevölkerung Roms wohnte in mehrstöckigen Mietshäusern (īnsulae). Die Untergeschosse waren begehrter (weniger Treppensteigen, weniger Brandgefahr), die Obergeschosse billiger und riskanter. Īnsulae hatten oft keine Küchen und keine Toiletten; man kochte auf Kohlebecken und benutzte öffentliche Latrinen. Feuer war ständige Gefahr.
Thermae – die Badeanstalt
Die öffentlichen Bäder (thermae) waren das Sozialzentrum Roms: günstiger Eintritt, manchmal kostenlos; Männer und Frauen getrennt oder zu verschiedenen Tageszeiten. Typischer Ablauf: Übungen im palaestra (Sportplatz) → tepidārium (Warmbad) → caldārium (Heißbad) → frīgidārium (Kaltbecken). Die Kaiserthermen (Caracalla, Diokletian) fassten Tausende Badegäste gleichzeitig.
Seneca beklagte sich in Epistulae 56, dass der Lärm der Therme über ihm sein Schreiben störe – ein lebendiges Dokument des Alltagslebens.
Das Forum als Stadtmittelpunkt
Das forum Rōmānum war das politische, religiöse und wirtschaftliche Herz Roms: Hier standen die Basiliken (Gerichtsgebäude und Markthallen), Tempel (templum Vestae, templum Saturnī), die Rednertribüne (rōstrā) und der comitium (Volksversammlungsplatz). Ciceros Reden erklangen hier; Caesar wurde hier ermordet; Augustus baute das forum Augustī daneben.
- rōstrā: Rednerbühne, verziert mit Schiffsschnäbeln (rōstra) aus dem Krieg gegen Antium (338 v. Chr.)
- basilica: Gerichts- und Markthalle; Grundrissform später von christlichen Kirchen übernommen
- tabernae: Läden und Werkstätten an den Rändern des Forums
Kleidung: toga und tunica
Das Alltagskleidungsstück war die tunica: ein einfaches, kurzärmeliges Hemd aus Wolle oder Leinen, das bei der Arbeit gegürtet wurde. Die toga – das halbkreisförmige Wollgewand der freien römischen Männer – war Festkleid und Symbol der Bürgerschaft. Sie war unpraktisch und aufwendig anzulegen; der Alltag spielte sich in der Tunika ab.
- toga virīlis / toga pūra: weiße Männertoga ab dem 16./17. Lebensjahr
- toga praetexta: mit purpurnem Saum – für Magistrate und freigeborene Kinder
- toga picta: bestickte Triumphaltoga für siegreiche Feldherren
- palla: rechteckiges Übergewand der Frauen, dem griechischen himation ähnlich
Essen und Trinken: cēna
Das Hauptmahl des Tages war die cēna am späten Nachmittag. Ein aufwendiges Gastmahl gliederte sich in drei Gänge: gustātiō (Vorspeisen, z. B. Eier, Oliven), cēna im engeren Sinne (Fleisch, Fisch, Gemüse) und secundae mēnsae (Nachspeisen, Früchte, Süßes). Man lag dabei auf Speisesofas (triclīnium), Ellenbogen gestützt.
Brot, Olivenöl und Wein (stark mit Wasser verdünnt) waren Grundnahrungsmittel für alle Schichten. Garum – fermentierte Fischsauce – war das Allzweckgewürz Roms, vergleichbar mit heutigem Worcestershiresauce oder Sojasoße.
Lūdī – Öffentliche Spiele
Die lūdī (Spiele) waren ein zentrales Instrument der politischen Kommunikation: Magistrate finanzierten sie aus eigener Tasche, um Popularität zu gewinnen. Drei Haupttypen:
- lūdī gladiātōriī: Gladiatorenkämpfe im Amphitheater (amphitheātrum), z. B. dem Kolosseum (fertiggestellt 80 n. Chr.); ursprünglich Leichenspiele
- lūdī circēnsēs: Wagenrennen im Circus Maximus; bis zu 250.000 Zuschauer; vier Rennvereine (factīōnēs: weiß, rot, blau, grün)
- lūdī scaenicī: Theatervorstellungen (Komödie, Tragödie, Mimus); wichtig für die Verbreitung literarischer Bildung
Kalender: Kalendae, Nōnae, Īdūs
Der römische Kalender hatte keine Tagesdurchnummerierung. Stattdessen orientierte man sich an drei festen Punkten im Monat:
| Punkt | Lage im Monat | Erklärung |
|---|---|---|
| Kalendae | 1. Tag | Monatsanfang; Namensgeberin des Kalenders (calendārium) |
| Nōnae | 5. oder 7. Tag | 7. in März, Mai, Juli, Oktober; 5. in allen anderen Monaten |
| Īdūs | 13. oder 15. Tag | 15. in März, Mai, Juli, Oktober; 13. in allen anderen Monaten |
Datierung: Man zählte rückwärts bis zum nächsten Festpunkt. ante diem quartum Īdūs Mārtias = 4 Tage vor den Iden des März = 11. März. Die berühmten „Iden des März" (15. März) – der Tag der Ermordung Caesars 44 v. Chr. – werden bei Sueton und Shakespeare erwähnt.
Plinius' Datumsangabe des Vesuvausbruchs (Epistulae VI,16): nōnum Kal. Septembrēs = 9 Tage vor den Kalenden des September = 24. August 79 n. Chr.