Die Bürgschaft

Textskriptum Nr. 18 · weiterer Prüfungstext · Schwierigkeit: mittel–schwer

Einleitung

Ein junger Mann namens Moerus will den Tyrannen Dionysios von Syrakus töten. Er wird gefangen, gesteht und bittet um Aufschub – sein Freund Selinuntius stellt sich als Bürge zur Verfügung. Das Ergebnis ist eine Geschichte über Freundschaft und Treue: Der Tyrann zeigt sich am Ende von Menschlichkeit überwältigt.

Quelle: Textskriptum Nr. 18 (weiterer Prüfungstext). Nach Hyginus, Fabulae. Gemeinfreie Vorlage.

Lateinischer Text

In Sicilia Dionysius tyrannus crudelissimus cum esset, Moerus tyrannum voluit interficere; quem satellites cum deprehendissent armatum, ad regem perduxerunt. Qui interrogatus respondit se regem voluisse interficere. Quem rex iussit crucifigi; a quo Moerus petit tridui commeatum, ut sororem suam collocaret et daret tyranno Selinuntium amicum suum, qui sponderet eum tertio die venturum. Cui rex indulsit commeatum ad sororem collocandam dicitque Selinuntio, nisi ad diem Moerus venisset, eum eandem poenam passurum, Moerumque dimisit. Qui collocata sorore cum reverti vellet, repente tempestate orta flumen ita crevit, ut nec transiri nec transnatari posset; ad cuius ripam Moerus consedit et flere coepit timens, ne amicus pro se periret. Cum iam horae novem tertii diei praeterissent neque Moerus revertisset, tyrannus iussit duci Selinuntium ad crucem. Qui cum duceretur, vix tandem Moerus superato flumine consequitur carnificem exclamatque a longe: „Sustine, carnifex, adsum, pro quo ille spopondit!" Quod factum tyranno nuntiatum est. Dionysius eos perduci ad se iussit vitamque Moero concessit rogavitque eos, ut se in amicitiam reciperent.

Wortschatz-Hilfen

Wort / WendungBedeutung
satellitesLeibwächter, Schergen
cum deprehendissent armatumals sie ihn bewaffnet ergriffen hatten (Konj. Plqpf.)
rex iussit crucifigider König befahl, ihn zu kreuzigen (Passiv-Inf.)
tridui commeatumUrlaub von drei Tagen (Gen. qualitatis)
sororem collocaredie Schwester verheiraten
qui sponderet … venturumder bürgen solle, dass er kommen werde (Rel. + AcI)
indulsit commeatumgewährte den Aufschub (+ Dat.)
nisi ad diem venisset … passurumwenn er nicht rechtzeitig käme, werde er … erleiden (AcI)
tempestate ortaals ein Unwetter aufgezogen war (Abl. abs.)
ut nec transiri nec transnatari possetso dass er weder durchwaten noch durchschwimmen konnte
ne amicus pro sē periretdamit der Freund nicht für ihn zugrunde gehe (Verb der Furcht)
Sustine, carnifex!Halte ein, Henker! (Imperativ)
rogavitque eos, ut sē … reciperentbat sie, ihn in ihre Freundschaft aufzunehmen

Grammatische Hinweise

Übersetzungen

Wörtliche Übersetzung

Als in Sizilien der grausamste Tyrann Dionysios herrschte, wollte Moerus den Tyrannen töten; als seine Leibwächter ihn bewaffnet ergriffen hatten, führten sie ihn zum König. Befragt, antwortete er, er habe den König töten wollen. Der König befahl, ihn zu kreuzigen; von ihm bat Moerus um einen dreitägigen Aufschub, um seine Schwester zu verheiraten, und gab dem Tyrannen seinen Freund Selinuntius als Bürgen, der dafür bürgen solle, dass er am dritten Tag kommen werde. Der König gewährte ihm den Aufschub, um die Schwester zu verheiraten, und sagte dem Selinuntius, wenn Moerus nicht fristgerecht käme, werde er dieselbe Strafe erleiden, und entließ Moerus. Als dieser, nachdem er die Schwester verheiratet hatte, zurückkehren wollte, schwoll plötzlich, als ein Unwetter aufgezogen war, der Fluss so an, dass er weder durchwatet noch durchschwommen werden konnte; an seinem Ufer setzte sich Moerus hin und begann zu weinen, aus Furcht, der Freund könnte für ihn sterben. Als bereits neun Stunden des dritten Tages vergangen waren und Moerus nicht zurückgekehrt war, befahl der Tyrann, Selinuntius zum Kreuz zu führen. Als dieser geführt wurde, holte Moerus, der kaum noch den Fluss überquert hatte, schließlich den Henker ein und rief von weitem: „Halte ein, Henker, ich bin da, für den jener gebürgt hat!" Diese Tat wurde dem Tyrannen berichtet. Dionysios ließ sie zu sich führen, schenkte Moerus das Leben und bat sie, ihn in ihre Freundschaft aufzunehmen.

Idiomatische Übersetzung

Moerus wollte den Tyrannen Dionysios von Sizilien ermorden. Er wurde gefasst, gestand – und bat um drei Tage Aufschub, um seine Schwester zu verheiraten. Sein Freund Selinuntius stellte sich als Bürge. Wenn Moerus nicht rechtzeitig zurückkäme, würde Selinuntius sterben. Moerus heiratete die Schwester aus – doch auf dem Rückweg stieg der Fluss nach einem Unwetter so an, dass er ihn nicht überqueren konnte. In Verzweiflung weinte er am Ufer: Was, wenn sein Freund um seinetwillen stirbt? Neun Stunden verstrichen. Selinuntius wurde schon zum Kreuz geführt – da kam Moerus keuchend noch rechtzeitig an. Der Tyrann war so ergriffen, dass er beiden das Leben schenkte und bat, ihn als Freund aufzunehmen.

Übungsfragen

  1. Erkläre rex iussit crucifigi: Welche Konstruktion steht nach iubere?
  2. Analysiere qui sponderet eum tertio die venturum: Finaler Relativsatz + AcI.
  3. Bestimme tempestate orta: Konstruktionsart und Zeitverhältnis.
  4. Erkläre timens, ne amicus pro sē periret: Welche Konstruktion folgt auf timere?
  5. Welche Qualitäten zeigen Moerus und Selinuntius? Was bewegt den Tyrannen am Ende?