Hercules tötet den nemeischen Löwen
Textskriptum Nr. 1 · früherer Klausurtext · Schwierigkeit: mittel
Einleitung
Hercules (griech. Herakles) ist der bekannteste Held der antiken Mythologie. Als erster seiner zwölf Bußaufgaben (labōrēs) für König Eurystheus musste er das Fell des nemeischen Löwen herbeibringen – eines Ungeheuers im Peloponnes, das durch keine menschliche Waffe verwundbar war.
Quelle: Textskriptum für die Latein-Ergänzungsprüfung an österreichischen Universitäten, Nr. 1 (früherer schriftlicher Klausurtext). Text nach Hyginus, Fabulae, schullateinisch adaptiert.
Lateinischer Text
Wortschatz-Hilfen
| Wort / Wendung | Bedeutung |
|---|---|
| mandavit, ut … esset afferenda | befahl, dass … gebracht werden solle (Gerundivum im indir. Befehl) |
| Nemeus | nemeisch (Adj. zu Nemea, einer Landschaft im Peloponnes) |
| Typhon, Typhonis | Typhon (der Riesenvater des Löwen) |
| pharetram | Köcher (Akk. Sg.) |
| oleastrum | wilder Ölbaum |
| quoquoversus | nach allen Seiten, in jede Richtung |
| dumetum | Gebüsch, Dickicht |
| iaculatus est | schoss (Deponens: iaculārī) |
| cutis, -is f. | Haut, Fell |
| cervici impegit | schlug auf den Nacken |
| resipiscere | wieder zu Sinnen kommen |
| ollam aheneam | bronzener Kessel (Topf) |
Grammatische Hinweise
- in eō constitit, ut … esset afferenda (Satz 1): Gerundivum im Konsekutivsatz – „bestand darin, dass … gebracht werden sollte."
- non poterat vulnerari armis humanis (Satz 2): Passiv-Infinitiv nach possum + Ablativus instrumenti.
- dorso imposuerat pharetram, alteri manui arcum, alteri clavam (Satz 4): parallele Dative (dorso, alteri manui) mit asyndetischer Reihung.
- Nemeam cum venisset (Satz 5): cum + Konjunktiv Plusquamperfekt (temporal); Akkusativ des Ziels bei Städten.
- impetum facturus saliens … invectus est (Satz 9): Futurpartizip + Partizip Präsens + PPP in Verbindung.
- tam vehementer territus est, ut reperet (Satz 13): Konsekutivsatz mit Konjunktiv Imperfekt.
Übersetzungen
Wörtliche Übersetzung
1) Die erste Aufgabe, die der König dem Hercules auftrug, bestand darin, dass von ihm das Fell des nemeischen Löwen herbeigebracht werden sollte. 2) Dieses Ungeheuer, das in den Wäldern des Peloponnes hauste, konnte mit menschlichen Waffen nicht verwundet werden. 3) Manche sagten, jener sei der Sohn des Riesen Typhon, andere, er sei vom Mond auf die Erde gefallen. 4) Also brach Hercules auf; auf dem Rücken hatte er den Köcher, in der einen Hand den Bogen, in der anderen eine Keule aus einem wilden Ölbaum. 5) Als er nach Nemea gekommen war, ließ Hercules die Augen nach allen Seiten schweifen, um das Tier zu finden, bevor er von ihm erblickt würde. 6) Schließlich lief der Löwe herbei, um mit erbeuteter Beute in seine Höhle zurückzukehren. 7) Der Held, der das Tier von weitem herankommen sah, rettete sein Leben, indem er sich in ein Gebüsch verbarg; dann wartete er, bis der Löwe näher kam, und schoss einen Pfeil ab. 8) Doch das Geschoss drang nicht durch die Haut, sondern fiel, vom Brustkorb abgewiesen, dem Ungeheuer zu Füßen. 9) Hercules streckte die Hand aus, um einen weiteren Pfeil zu nehmen, da erblickte der Löwe den Mann und stürzte sich springend auf seinen Gegner, um anzugreifen. 10) Dieser schlug mit der rechten Hand die geschwungene Keule auf den Nacken des Tieres, so dass der Löwe mit zitternden Beinen und schwankendem Kopf stehen blieb. 11) Damit er nicht wieder zu Sinnen käme, kam Hercules dem Löwen zuvor: er näherte sich von hinten und drückte mit beiden Armen die Kehle so zusammen, dass der Löwe erstickt wurde. 12) Dann zog er ihm das Fell ab und kehrte zurück. 13) Der König aber, als er Hercules das Fell des grässlichsten Tieres bringen sah, erschrak so heftig, dass er in einen bronzenen Kessel kroch.
Idiomatische Übersetzung
Als erste seiner zwölf Aufgaben musste Hercules dem König Eurystheus das Fell des nemeischen Löwen bringen – eines Ungeheuers im Peloponnes, das mit keiner Waffe zu verwunden war. Die einen glaubten, er sei ein Sohn des Riesen Typhon, andere, er sei vom Mond gefallen. Gut ausgerüstet machte Hercules sich auf den Weg. Seine Pfeile prallten wirkungslos ab. Da verbarg er sich, wartete geduldig und hieb dem heranspringenden Löwen die Keule auf den Nacken – genug, um ihn zu betäuben, und erwürgte ihn dann mit bloßen Händen. Beim Anblick des Helden mit dem Löwenfell erschrak Eurystheus so sehr, dass er sich in einem bronzenen Kessel versteckte.
Übungsfragen
- Erkläre die Gerundivum-Konstruktion pellis … sibi esset afferenda (Satz 1).
- Warum waren Waffen gegen den Löwen wirkungslos (Satz 2)? Bestimme die Konstruktion.
- Welche drei Waffen trägt Hercules bei sich (Satz 4)? Bestimme die Kasus der Ortsangaben.
- Analysiere den Konsekutivsatz in Satz 13 vollständig (Einleitung, Modus, Tempus).
- Warum weicht Eurystheus vor Hercules zurück? Welche Aussage macht der Text über seinen Charakter?