Formenlehre – Allgemein

Latein ist eine flektierende Sprache: Wörter verändern ihre Form, um ihre Rolle im Satz auszudrücken. Die Formenlehre (Morphologie) beschreibt diese Veränderungsmuster.

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Was ist Formenlehre?

Im Lateinischen werden Wörter nach festgelegten Mustern verändert, um ihre Rolle im Satz auszudrücken. Diese Veränderung heißt Flexion (von flectere – biegen). Die Formenlehre (morphologia) beschreibt alle Flexionsmuster.

Im Gegensatz zu Sprachen wie Englisch, bei denen die Wortstellung die grammatische Funktion trägt, kodiert das Lateinische sie direkt in der Wortendung. Puella magistrum amat und Magistrum puella amat bedeuten dasselbe: Das Mädchen liebt den Lehrer – weil die Endungen (-a = Nominativ, -um = Akkusativ) die Rollen festlegen, nicht die Stellung.

Stamm + Suffix: zwei Arten der Verwendung

Jede Wortform besteht aus einem Stamm (Grundbedeutung) und einem oder mehreren Suffixen. Entscheidend ist, welche Art von Suffix angefügt wird:

1. Flexionssuffixe – grammatische Funktion ausdrücken

Die Grundbedeutung bleibt gleich, nur die Rolle im Satz ändert sich. Bei Nomen drückt die Kasusendung Funktion und Kasus aus:

FormKasusFunktionBeispielsatz
puella Nominativ Sg.Subjekt Puella cantat. – Das Mädchen singt.
puellae Genitiv Sg.Zugehörigkeit liber puellae – das Buch des Mädchens
puellam Akkusativ Sg.direktes Objekt Magistra puellam laudat. – Die Lehrerin lobt das Mädchen.

■ Stamm (puell-) → Grundbedeutung: Mädchen · ■ Kasusendung → Funktion im Satz

Bei Verben werden mehrere Flexionssuffixe gestapelt – alle fünf grammatischen Kategorien in einer Form:

legēmus (wir lasen)

■ Stamm (leg-) → lesen; Aktiv · ■ Bindevokal (-ē-) → 3. Konj. · ■ Tempussuffix (-bā-) → Imperfekt · ■ Personalendung (-mus) → 1. Pl.

2. Derivationssuffixe – neue Wörter bilden

Hier ändert sich die Wortklasse oder die Grundbedeutung; es entsteht ein völlig neues Wort:

FormSuffixBildung / BedeutungDeutsch
libertās-tāsVerbaladjektiv → Abstraktum (Zustand)Freiheit
liberātiō-tiōVerb → Verbalsubstantiv (Vorgang)Befreiung
liberātor-torVerb → Nomen agentis (Person)Befreier
liberālis-ālisSubstantiv → Adjektiv (Zugehörigkeit)freigebig

Präfixe modifizieren die Grundbedeutung: ex- + īre = exīre (hinausgehen) · in- + īre = inīre (eintreten) · trans- + īre = trānsīre (hinübergehen).

Zwei Bereiche der lateinischen Grammatik

BereichGegenstandFlexionsartKategorien
Formenlehre (morphologia) Form einzelner Wörter Deklination (Nomen, Adj., Pron.) · Konjugation (Verb) · Steigerung Kasus, Numerus, Genus · Person, Tempus, Modus, Genus verbi
Satzlehre (syntaxis) Aufbau von Sätzen Satzglieder, Konstruktionen, Nebensätze

Beide Bereiche greifen ineinander: Wer die Formen beherrscht, kann die Satzlehre leichter verstehen – und umgekehrt.

Warum Formen lernen?