Römische Religion
Der römische Staatskult war kein privater Glaube, sondern eine öffentliche Pflicht: pietās bedeutete die korrekte Ausübung der religiösen Handlungen, nicht innere Überzeugung.
Staatskult und pietās
Die römische Religion war primär eine des Handelns, nicht des Glaubens. Im Zentrum stand der Gedanke des pāx deōrum (Friede mit den Göttern): Solange die rituellen Pflichten (officia) korrekt erfüllt wurden, würden die Götter dem Staat gewogen bleiben. Versäumnisse im Kult galten als Ursache öffentlicher Katastrophen.
- pietās: Pflichterfüllung gegenüber Göttern, Staat und Familie – keine Emotion, sondern Haltung
- fās: das gottgewollte, religiös erlaubte Handeln (Gegenteil: nefās)
- nefās: das religiös Verbotene, Frevlerische – z. B. das Verletzen eines Bundesvertrages
- auspicia: Vogelschau zur Gottbefragung vor wichtigen Staatsakten
- sacrum / profānum: Das Heilige ist dem Bereich der Götter geweiht; das Profane liegt davor (prō fānō)
Priesterkollegien
Die Priester Roms waren keine Berufsgeistlichen, sondern Magistrate mit kultischen Zusatzfunktionen – oft gleichzeitig Senatoren und Redner. Die wichtigsten Kollegien:
- pontifex maximus: oberster Aufseher über den Staatskult, Hüter des Kalenders und der Sakralgesetze; Augustus machte das Amt dauerhaft zum Teil der Kaisergewalt
- augurēs: Deuter der Vogelzeichen (auspicia); ihre Zustimmung war Voraussetzung für Volksversammlungen, Magistratswahlen und Kriegserklärungen
- flāminēs: je ein Spezialpriester für einzelne Götter (z. B. flāmen Diālis für Jupiter, flāmen Mārtialis für Mars)
- virgines Vestālēs: sechs Priesterinnen, die das ewige Feuer der Göttin Vesta hüteten – höchste weibliche Würde in Rom
- haruspicēs: etruskische Eingeweideschauer, die aus Opfertieren die Zeichen der Götter lasen
Die zwölf olympischen Götter (interpretātiō Graeca)
Rom übernahm das griechische Götterpantheon (interpretātiō Graeca): Griechische Götter wurden mit römischen Göttern identifiziert, ihre Mythen und Bilder übernommen. Das erlaubte eine reiche Bildungs- und Literaturkultur, ohne den Staatskult zu erschüttern.
| Röm. Name | Griech. Name | Funktion |
|---|---|---|
| Iuppiter | Zeus | König der Götter, Himmelsgott, Hüter der Verträge |
| Iūnō | Hera | Göttin der Ehe und der Frauen; Schutzgöttin Roms |
| Mārs | Ares | Kriegsgott; Vater des Romulus – besonders in Rom verehrt |
| Minerva | Athene | Göttin der Weisheit, des Handwerks und des gerechten Krieges |
| Venus | Aphrodite | Göttin der Liebe; Ahnfrau des iulischen Geschlechts (Caesar, Augustus) |
| Mercurius | Hermes | Götterbote, Gott des Handels und der Reisenden |
| Apollō | Apollon | Gott der Künste, der Weissagung und der Heilung; Schutzgott des Augustus |
| Diāna | Artemis | Göttin der Jagd und des Mondes; Zwillingsschwester Apollos |
| Vesta | Hestia | Göttin des Herdfeuers; ihr ewiges Feuer = Lebenskraft Roms |
| Neptūnus | Poseidon | Gott des Meeres und der Erdbeben |
| Vulcānus | Hephaistos | Gott des Feuers und der Schmiedekunst |
| Cerēs | Demeter | Göttin des Getreides und der Fruchtbarkeit; besonders von der Plebs verehrt |
Kaiserkult und orientalische Religionen
In der Kaiserzeit entstanden neue Formen der Frömmigkeit: Der verstorbene Kaiser wurde nach dem Tod als dīvus vergöttlicht; im östlichen Teil des Reiches wurde er bereits zu Lebzeiten kultisch verehrt. Daneben breiteten sich orientalische Mysterienreligionen aus – Isis-Kult (Ägypten), Mithraskult (Iran), Christentum (Palästina) –, die persönliche Erlösung, Jenseitshoffnung und moralische Gemeinschaft versprachen, was der Staatskult nicht bot.