Karl der Große entgeht einem Anschlag

Textskriptum Nr. 2 · früherer Klausurtext · Schwierigkeit: mittel

Einleitung

Notker Balbulus (der Stotterer, um 840–912), Mönch in St. Gallen, verfasste die Gesta Karoli Magni – Anekdoten über Karl den Großen. Der vorliegende Text schildert, wie Karls illegitimer Sohn Pippin (der Bucklige) ein Attentat auf den Kaiser plante und wie die Verschwörung durch einen versteckten Kleriker aufgedeckt wurde.

Quelle: Textskriptum Nr. 2 (früherer Klausurtext). Nach Notker Balbulus, Gesta Karoli Magni (um 884). Gemeinfreie Vorlage.

Lateinischer Text

1) Karolus a filio per concubinam progenito nomine Pippini paene morti damnatus est, sed hoc modo res est patefacta: 2) Cum Pippinus in ecclesia Sancti Petri³ cum quibusdam nobilibus de morte imperatoris consiliatus esset, finito consilio eos iussit explorare, si quis usquam esset absconditus. 3) Et ecce, ut timuerunt, invenerunt unum clericum sub altari latitantem; quem comprehendentes ad iuramentum cogerunt, ne proditor coniurationis fieret. 4) Qui, vitae servandae causa, iurare non renuit, sed illis recedentibus iuramentum neglegens ad palatium properavit. 5) Cumque per septem ostia cum maxima difficultate tandem ad cubiculum imperatoris pervenisset portamque pulsavisset, Karolus maxime est admiratus, quis eo tempore eum praesumeret inquietare. 6) Praecepit tamen feminis, quae reginam vel filias comitari solebant, ut exirent et viderent. 7) Quae exeuntes cognoscentesque hominem vilissimum clausis ostiis cum ingenti risu se per angulos conabantur abscondere. 8) Sed imperator diligenter a mulieribus quaesivit, quid haberent, responsumque accipiens quendam insanientem vestibus vilissimis indutum⁴ se sine mora postulare alloqui iussit eum admitti. 9) Qui statim procidens ad pedes illius cuncta patefecit ex ordine. 10) Ita omnes illi coniuratores dignissima poena sunt affecti, ipse quoque Pippinus in exilium missus. ³ gemeint ist der Dom von Regensburg ⁴ indutus: bekleidet

Wortschatz-Hilfen

Wort / WendungBedeutung
per concubinam progenitoder von einer Nebenfrau geborene (Sohn)
patefacta estwurde aufgedeckt, enthüllt
consiliatus essethatte beraten (Deponens: consiliari)
explorareauskundschaften, nachsehen
latitantemversteckt sitzend, sich versteckend (Partizip Präsens)
ne … fieretdamit er nicht … werde (Finalsatz mit Negation)
vītae servandae causaum sein Leben zu retten (Gerundivum + causa)
iuramentum neglegensden Eid missachtend (Part. Präs.)
properaviteilte (zu properare)
praesumeret inquietaresich anmaßte zu stören
vestibus vilissimis indutusin ärmlichsten Kleidern gekleidet
procidens ad pedeszu Füßen fallend (Partizip)
ex ordineder Reihe nach, vollständig
dignissima poena affectimit der verdienten Strafe belegt

Grammatische Hinweise

Übersetzungen

Wörtliche Übersetzung

1) Karl wurde von seinem Sohn, der von einer Konkubine geboren und Pippin mit Namen war, fast dem Tod ausgeliefert, aber auf folgende Weise wurde die Sache aufgedeckt: 2) Als Pippin in der Kirche des heiligen Petrus mit einigen Adligen über den Tod des Kaisers beraten hatte, befahl er ihnen nach Abschluss der Beratung nachzusehen, ob irgendwo jemand verborgen sei. 3) Und tatsächlich fanden sie, wie sie befürchtet hatten, einen Kleriker, der sich unter dem Altar versteckte; sie ergriffen ihn und zwangen ihn zu einem Eid, damit er nicht zum Verräter der Verschwörung werde. 4) Dieser weigerte sich, um sein Leben zu retten, nicht zu schwören, aber als jene sich entfernt hatten, ließ er den Eid außer Acht und eilte zum Palast. 5) Als er durch sieben Tore schließlich mit größter Mühe zum Schlafgemach des Kaisers gelangt war und an die Tür klopfte, wunderte sich Karl sehr, wer sich zu dieser Stunde anmaße, ihn zu stören. 6) Er befahl jedoch den Frauen, die die Königin oder seine Töchter zu begleiten pflegten, hinauszugehen und nachzusehen. 7) Diese gingen hinaus, erkannten den ärmlichsten Mann, schlossen die Türen und versuchten sich mit lautem Gelächter in den Ecken zu verstecken. 8) Aber der Kaiser fragte die Frauen eingehend, was sie hätten, und da er zur Antwort erhielt, ein Wahnsinniger in ärmlichsten Kleidern verlange ihn ohne Verzug zu sprechen, ließ er ihn hereinbitten. 9) Dieser fiel sofort zu seinen Füßen und legte alles der Reihe nach offen. 10) So wurden alle jene Verschwörer mit der verdienten Strafe belegt, und auch Pippin selbst wurde in die Verbannung geschickt.

Idiomatische Übersetzung

Karl der Große wäre beinahe von seinem unehelichen Sohn Pippin ermordet worden – doch die Verschwörung flog durch Zufall auf. Pippin hatte sich mit Adligen in der Regensburger Kathedrale zur Mordplanung getroffen. Auf sein Geheiß suchten die Verschwörer nach Lauschern – und fanden tatsächlich einen Kleriker unter dem Altar. Den schworen sie zur Verschwiegenheit. Doch kaum waren sie weg, eilte er zum Palast. Er kämpfte sich durch sieben Türen, klopfte ans kaiserliche Schlafgemach – die Zofen, die ihn in seinen Lumpen sahen, kicherten und versteckten sich. Karl ließ ihn dennoch einlassen, und der Mann deckte alles auf. Alle Verschwörer wurden bestraft, Pippin ins Exil geschickt.

Übungsfragen

  1. Erkläre vītae servandae causa (Satz 4): Welche Konstruktion liegt vor?
  2. Analysiere Cumque … pervenisset … admiratus est (Satz 5): Modus und Zeitform im Nebensatz.
  3. Warum schwört der Kleriker den Eid, und warum bricht er ihn sofort? Was sagt das über sein Dilemma?
  4. Bestimme dignissima poena affecti (Satz 10) grammatisch.
  5. Warum lachen die Frauen (Satz 7)? Was verrät das über die soziale Stellung des Klerikers?