Lateinische Literaturgeschichte
Von Ennius' Nationalpos bis zu Augustinus' Bekenntnissen – ein Überblick über tausend Jahre lateinischer Literatur in vier Epochen.
Epochenübersicht
| Epoche | Zeit | Hauptautoren |
|---|---|---|
| Archaisch | ca. 240–80 v. Chr. | Plautus, Terenz, Ennius, Cato d. Ä. |
| Goldene Latinität | ca. 80 v. Chr. – 14 n. Chr. | Cicero, Caesar, Sallust, Lukrez, Catull, Vergil, Horaz, Tibull, Properz, Ovid, Livius |
| Silberne Latinität | ca. 14–120 n. Chr. | Seneca, Lucan, Plinius d. Ä./J., Tacitus, Sueton, Iuvenal, Martial, Quintilian |
| Spätantike | ca. 120–500 n. Chr. | Apuleius, Tertullian, Hieronymus (Vulgata), Augustinus, Ambrosius |
Archaische Latinität (ca. 240–80 v. Chr.)
Ennius (239–169 v. Chr.)
Vater der lateinischen Epik; sein Hauptwerk Annālēs erzählte die römische Geschichte in Hexametern von Aeneas bis zur Gegenwart. Er führte den Hexameter dauerhaft in die lateinische Dichtung ein – Vergil baute darauf auf. Nur Fragmente erhalten.
Sentenz: Moribus antiquīs rēs stat Rōmāna virīsque. (An alten Sitten und Männern steht der römische Staat fest.)
Plautus (ca. 250–184 v. Chr.)
Meister der Komödie (fābula palliāta): griechische Stoffe in römisches Alltagsleben übertragen, mit Wortwitze, Missverständnissen und komischen Sklaven. Werke erhalten: Aulularia, Miles gloriosus, Menaechmi.
Sentenz: Lupus est homō hominī, nōn homō. (Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, kein Mensch.) – Vorgänger von Hobbes.
Cato der Ältere (234–149 v. Chr.)
Erster bedeutender lateinischer Prosaist; schrieb die erste lateinische Prosageschichte (Origines) und ein Handbuch über Landwirtschaft (Dē agrī cultūrā). Verfechter altrömischer Werte, Feind des griechischen Einflusses.
Sentenz: Rem tene, verba sequentur. (Halte die Sache fest, die Worte folgen von selbst.) – Leitspruch jedes Redners.
Goldene Latinität (ca. 80 v. Chr. – 14 n. Chr.)
Cicero (106–43 v. Chr.)
Größter Prosaautor Roms; Meister der periodischen Satzarchitektur. Werke: Catilināriae, Dē officiīs, Dē amīcitiā, Dē rē pūblicā, Tusculānae disputātiōnēs. Sein Stil gilt als Maßstab des klassischen Lateins.
Sentenz: Silent enim lēgēs inter arma. (Die Gesetze schweigen nämlich inmitten der Waffen.)
Caesar (100–44 v. Chr.)
Militär, Staatsmann und Stilist; sein Bellum Gallicum in klarem, parataktischem Latein der dritten Person ist Schullektüre-Standard. Caesars Sprache ist präzise und scheinbar neutral – aber rhetorisch hochkompetent.
Sentenz: Ālea iacta est. (Der Würfel ist geworfen.) – beim Überqueren des Rubikons, nach Sueton.
Sallust (86–35 v. Chr.)
Historiker der brevitas sallustiana – kurze, archaisierende Sätze voller Spannung. Werke: Catilīna, Iugurtha, Historiae (fragmentarisch). Analysiert moralischen Verfall als Ursache des politischen Niedergangs.
Sentenz: Omnia orta occidunt et aucta senēscunt. (Alles, was entstanden ist, vergeht, und alles, was gewachsen ist, altert.)
Vergil (70–19 v. Chr.)
Nationaldichter Roms; Werke: Bucolica (Hirtendichtung), Georgica (Lehrgedicht über Landwirtschaft), Aeneis (Epos, 12 Bücher). Die Aeneis verbindet griechische Mythologie mit römischem Selbstverständnis unter Augustus.
Sentenz: Arma virumque canō. (Waffen und den Mann besinge ich.) – Beginn der Aeneis.
Ovid (43 v. Chr. – 17/18 n. Chr.)
Meister der elegischen Dichtung; Werke: Amōrēs, Ars amātōria, Metamorphōsēs (15 Bücher), Fasti, Tristia. Wurde von Augustus verbannt; sein witziges, irisches Latein prägte das Mittelalter.
Sentenz: Omnia vincit Amor. (Die Liebe besiegt alles.) – nach Vergil, Eclogae X,69.
Livius (59 v. Chr. – 17 n. Chr.)
Historiker der lactea ubertas (milchige Fülle); sein Werk Ab urbe conditā umfasste 142 Bücher (35 erhalten). Schreibt in ausführlichen, rhetorisch gestalteten Perioden; betont moralische Vorbilder.
Sentenz: Adulēscēns tantum quantum longissimē poterat aberat ab oculīs tyrannī. (Der Jüngling hielt sich so weit wie irgend möglich von den Augen des Tyrannen entfernt.) – über Brutus.
Silberne Latinität (ca. 14–120 n. Chr.)
Seneca d. J. (ca. 4 v. Chr. – 65 n. Chr.)
Stoischer Philosoph, Erzieher Neros, Tragödiendichter; Werke: Epistulae mōrālēs, Dē clēmentiā, Tragödien (Medea, Thyestēs). Sein Stil ist aphoristisch, pointiert, rhetorisch dicht (Pointenstil).
Sentenz: Vindicā tē tibi. (Befreie dich für dich selbst.) – Epistulae 1.
Plinius der Jüngere (ca. 61–113 n. Chr.)
Redner und Briefschreiber; seine neun Bücher Briefe an Freunde und ein Buch Briefe an Kaiser Trajan sind ein einzigartiges Zeitdokument. Darunter: der Bericht über den Vesuvausbruch 79 n. Chr. (VI,16) und der Brief über Christen (X,96).
Sentenz: Nusquam est quī ubīque est. (Wer überall ist, ist nirgends.) – Epistulae I,9.
Tacitus (ca. 58–120 n. Chr.)
Größter römischer Historiker; Werke: Annālēs, Historiae, Germānia, Agricola. Sein Stil ist konzentriert, dunkel, irisch – bewusster Gegenpol zu Cicero. Analysiert die Zerstörung der senatorischen Freiheit durch die Kaiser.
Sentenz: Sine īrā et studiō. (Ohne Zorn und Eifer – das Ideal des Historikers.) – Annālēs I,1.
Spätantike (ca. 120–500 n. Chr.)
Hieronymus (ca. 347–420 n. Chr.)
Kirchenvater und Bibelübersetzer; schuf die Vulgata (editiō Vulgāta), die lateinische Standardbibel. Sein Latein ist bewusst schlicht (sermō humilis), beeinflusst von hebräischen und griechischen Strukturen.
Sentenz: Tota Scriptūrae philosophia in Christo est. (Die ganze Philosophie der Schrift steckt in Christus.)
Augustinus (354–430 n. Chr.)
Bischof von Hippo, bedeutendster Theologe des Westens; Werke: Confessiones (Bekenntnisse), Dē civitāte deī, Dē doctrinā Christiānā. Sein Latein verbindet klassische Rhetorik mit christlicher Spiritualität.
Sentenz: Fēcistī nōs ad tē et inquiētum est cor nostrum, dōnec requiēscat in tē. (Du hast uns für dich gemacht, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.) – Confessiones I,1.