Luigi Miraglia über das Lateinlernen

Textskriptum Nr. 7 · früherer Klausurtext · Schwierigkeit: leicht–mittel

Einleitung

Luigi Miraglia (geb. 1965) ist ein italienischer Neulateinlehrer und Gründer der Accademia Vivarium Novum in Rom. In Gesprächen bei Lateinlehrerkongressen erzählt er, wie er als Kind Latein hasste – bis er eine andere Unterrichtsmethode kennenlernte. Der Text ist auf Neulatein verfasst.

Quelle: Textskriptum Nr. 7 (früherer Klausurtext). Neulateinischer Text von Luigi Miraglia (geb. 1965). Zitiert zu Lehr- und Prüfungszwecken.

Lateinischer Text

1) In congressibus magistrorum linguae Latinae Aloisius¹³ Miraglia, vir in Latinitate excellentissimus, haec fere narrare solet: 2) „Cum essem puer tredecim annorum et coepissem discere linguam Latinam in schola, post breve tempus mihi haec lingua fiebat odiosissima. 3) Nam ab initio vexabamur et cruciabamur declinationibus et coniugationibus et exceptionibus et aliis rebus huius generis et tamen nihil intelligebamus. 4) Textus brevissimi nobis proponebantur vertendi in Italicum sermonem; agebatur de decem lineis etiam simplicissimis, nihilominus his decem lineis inducebamur in errores inextricabiles, quasi in labyrinthum Minotauri, unde territi et desperantes exitum invenire non poteramus. 5) Ergo odio huius rei moti interrogabamus magistros nostros: ‚Sed qua de causa debemus linguam Latinam discere? Est lingua mortua! 6) Cur discenda est lingua, cum nemo ea loquatur neque ulli nobis usui sit ad vitam cottidianam?' 7) Ad hoc nihil aliud respondere poterant nisi plus minusve hoc: 8) ‚Lingua Latina non sicut aliae linguae discitur, ut ea loquamur, sed propterea quod est maxima quasi palaestra¹⁴, in qua nos exercere possumus mentem nostram, et hac exercitatione meliores fimus ad quascumque alias res percipiendas atque intelligendas.' 9) Sed hoc responsum valde mihi displicebat." ¹³ latinisiert für Luigi ¹⁴ palaestra: Sportplatz, Übungsplatz

Wortschatz-Hilfen

Wort / WendungBedeutung
in congressibusbei Tagungen, Kongressen
haec fere narrare soletpflegt ungefähr Folgendes zu erzählen
fiebat odiosissimawurde mir verhasst (Prädikativ)
vexabamur et cruciabamurwir wurden gequält und gepeinigt (Passiv Impf.)
textus … vertendizu übersetzende Texte (Gerundivum attributiv)
nihilominusdennoch, trotzdem
inextricabilesunlösbar, unentwirrbar
palaestraSportplatz, Trainingsort (hier: geistiger Übungsplatz)
qua de causaaus welchem Grund? (indirekte Frage)
discenda estmuss gelernt werden (Gerundivum)
cottidianamtäglich, zum Alltag gehörig
displicebatmissfiel (Impf. von displicere + Dat.)

Grammatische Hinweise

Übersetzungen

Wörtliche Übersetzung

1) Bei Lateinlehrertagungen pflegt Aloisius Miraglia, ein in der lateinischen Sprache hervorragender Mann, ungefähr Folgendes zu erzählen: 2) „Als ich ein dreizehnjähriger Knabe war und begonnen hatte, in der Schule Latein zu lernen, wurde mir diese Sprache nach kurzer Zeit sehr verhasst. 3) Denn von Anfang an wurden wir durch Deklinationen, Konjugationen, Ausnahmen und andere Dinge dieser Art gequält und gepeinigt, und dennoch verstanden wir nichts. 4) Sehr kurze Texte wurden uns zum Übersetzen ins Italienische vorgelegt; es handelte sich um zehn Zeilen, und seien sie noch so einfach, dennoch wurden wir durch diese zehn Zeilen in unlösbare Fehler geführt, gleichsam in das Labyrinth des Minotaurus, aus dem wir, erschreckt und verzweifelt, keinen Ausweg finden konnten. 5) Also fragten wir aus Hass auf diese Sache unsere Lehrer: ‚Aber aus welchem Grund müssen wir Latein lernen? Es ist eine tote Sprache! 6) Warum muss man eine Sprache lernen, da doch niemand sie spricht und sie uns zu nichts im Alltagsleben nützt?' 7) Darauf konnten sie nichts anderes antworten als ungefähr dies: 8) ‚Latein wird nicht wie andere Sprachen gelernt, um es zu sprechen, sondern deswegen, weil es gleichsam der größte Übungsplatz ist, auf dem wir unseren Geist üben können, und durch diese Übung werden wir besser beim Auffassen und Verstehen aller anderen Dinge.' 9) Aber diese Antwort gefiel mir überhaupt nicht."

Idiomatische Übersetzung

Bei Lateinlehrertagungen erzählt Luigi Miraglia, ein hervorragender Neulateinlehrer, stets dieselbe Geschichte: Mit dreizehn fing er in der Schule Latein an – und hasste es bald. Deklinationen, Konjugationen, Ausnahmen ohne Ende, und trotzdem wurde man aus einfachsten Texten nicht schlau. Die Schüler fragten ihre Lehrer: Warum soll man eine tote Sprache lernen, die niemand mehr spricht? Die Antwort der Lehrer: Latein lernt man nicht zum Sprechen, sondern weil es das beste Geistesgymnasium sei. Miraglia war damit gar nicht zufrieden.

Übungsfragen

  1. Erkläre textus brevissimi … vertendi (Satz 4): Wie ist das Gerundivum hier konstruiert?
  2. Analysiere Cur discenda est lingua (Satz 6): Gerundivum oder Gerundium? Welche Aussage macht es?
  3. Was bedeutet propterea quod (Satz 8)? Welchen Modus verlangt dieser Ausdruck?
  4. Welche Kritik übt Miraglia am traditionellen Lateinunterricht? Fasse sie in eigenen Worten zusammen.
  5. Was antworten die Lehrer auf die Frage nach dem Nutzen des Lateins? Wie bewertest du diese Antwort?