König Apollonius gerät in einen Seesturm

Textskriptum Nr. 3 · früherer Klausurtext · Schwierigkeit: mittel

Einleitung

Die Historia Apollonii Regis Tyri ist ein spätantiker lateinischer Abenteuer- und Liebesroman (vermutlich 5./6. Jh. n. Chr.), der im Mittelalter weit verbreitet war. Der Held Apollonius, König von Tyrus, ist vor dem grausamen König Antiochus auf der Flucht, als sein Schiff in einen Sturm gerät. Als einziger Überlebender strandet er nackt und mittellos an der Küste der Pentapolis.

Quelle: Textskriptum Nr. 3 (früherer Klausurtext). Nach Historia Apollonii Regis Tyri (spätantiker Roman). Gemeinfreie Vorlage.

Lateinischer Text

1) In illa caligine tempestatis omnes perierunt, Apollonius autem unius tabulae auxilio in Pentapolitarum⁵ est litore appulsus. 2) Interim stans Apollonius in litore nudus, intuens tranquillum mare ait: 3) „O Neptune, rector pelagi, hominum deceptor innocentium, propter hoc me servavisti, quo⁶ facilius rex crudelissimus Antiochus⁷ persequatur! 4) Quo itaque ibo? Quam partem petam?" 5) Sed subito vidit quendam grandaevum, sago sordido indutum. 6) Procidens illius ad pedes effusis lacrimis ait: „Miserere mei, quicumque es, succurre naufrago et egeno! 7) Ego sum Tyrius Apollonius, patriae meae princeps. Audi nunc tragoediam calamitatis meae!" 8) Itaque piscator misericordia commotus erigit eum et tenens manum eius duxit eum intra tecta domus suae, et posuit cibos quos potuit. 9) Et ut plenius misericordiam suam ostenderet, exuens se tribunarium⁸ suum, scindit eum in partes duas et dedit unam iuveni dicens: 10) „Tolle hoc, quod habeo, et vade in civitatem: forsitan invenies, qui tibi misereatur. 11) Et si non inveneris, huc revertere et mecum laborabis et piscaberis. 12) Tamen admoneo te, ut, si quando deo adiuvante redditus eris patriae, respicias paupertatem meam." ⁵ Pentapolis: Landschaft am libyschen Meer ⁶ = ut eo (damit umso) ⁷ König von Antiochia, Apollonius war auf der Flucht vor ihm ⁸ tribunarium: Mantel

Wortschatz-Hilfen

Wort / WendungBedeutung
caligo, -inis f.Dunkel, Finsternis (des Sturms)
tabula, -ae f.Brett (hier: Schiffsplanke)
appulsus estwurde ans Ufer getrieben (PPP von appellere)
rector pelagiHerrscher des Meeres
quo faciliusdamit umso leichter (= ut eo facilius)
persequaturverfolge (Konj. Präs., Finalsatz)
grandaevumeinen alten (Mann), Akk.
sago sordido indutumin einen schmutzigen Mantel gekleidet
succurrehilf! (Imperativ von succurrere)
naufrago et egenodem Schiffbrüchigen und Bedürftigen (Dat.)
tragoediam calamitatisdie Geschichte meines Unglücks
exuens sēsich ausziehend (Part. Präs. Refl.)
respiciasdu mögest zurückdenken an (Konj. Präs. im ut-Satz)

Grammatische Hinweise

Übersetzungen

Wörtliche Übersetzung

1) In der Finsternis des Sturmes kamen alle um, Apollonius aber wurde mit Hilfe einer einzigen Planke an die Küste der Pentapoliten ans Ufer getrieben. 2) Unterdessen stand Apollonius nackt am Ufer, blickte auf das ruhige Meer und sprach: 3) „O Neptun, Herrscher des Meeres, Täuscher der Unschuldigen, dafür hast du mich gerettet, damit der grausamste König Antiochus mich umso leichter verfolgen kann! 4) Wohin soll ich also gehen? Welche Gegend soll ich aufsuchen?" 5) Aber plötzlich sah er einen alten Mann in einem schmutzigen Mantel. 6) Er fiel ihm zu Füßen und sagte unter Tränen: „Erbarme dich meiner, wer auch immer du bist, hilf dem Schiffbrüchigen und Bedürftigen! 7) Ich bin Apollonius von Tyrus, der Fürst meiner Heimat. Höre nun die Geschichte meines Unglücks!" 8) Der Fischer wurde von Mitleid bewegt, richtete ihn auf, nahm seine Hand und führte ihn ins Innere seines Hauses, und legte Speisen vor, die er hatte. 9) Und um sein Mitleid noch deutlicher zu zeigen, zog er seinen Mantel aus, schnitt ihn in zwei Teile und gab dem jungen Mann einen davon mit den Worten: 10) „Nimm das, was ich habe, und geh in die Stadt: vielleicht findest du jemanden, der sich deiner erbarmt. 11) Und wenn du keinen findest, kehr hierher zurück und du wirst mit mir arbeiten und fischen. 12) Ich mahne dich jedoch, dass du, wenn du mit Gottes Hilfe einst in deine Heimat zurückgekehrt sein wirst, an meine Armut zurückdenkst."

Idiomatische Übersetzung

Im Sturm gingen alle unter. Apollonius allein rettete sich an einer Schiffsplanke ans Ufer der Pentapolis. Nackt und verzweifelt starrte er aufs inzwischen ruhige Meer und klagte Neptun an, ihn nur gerettet zu haben, damit Antiochus ihn umso leichter verfolgen könne. Da sah er einen alten Fischer in schäbigem Mantel, fiel ihm zu Füßen und bat um Hilfe. Der Fischer, von Mitleid gerührt, führte ihn in sein Haus, gab ihm zu essen und schnitt seinen eigenen Mantel entzwei, um ihm die Hälfte zu lassen. „Geh in die Stadt und versuch dein Glück – findest du nichts, komm zurück und arbeite bei mir." Nur eine Bitte hatte er: dass Apollonius, wenn er je heimkehre, seiner Armut gedenken möge.

Übungsfragen

  1. Wie überlebt Apollonius den Sturm (Satz 1)? Erkläre den Ablativus instrumenti.
  2. Analysiere die Finalkonstruktion mit quo in Satz 3.
  3. Bestimme misericordia commotus (Satz 8): Konstruktionsart und Kasus.
  4. Erkläre admoneo te, ut … respicias (Satz 12): Art des Nebensatzes, Modus und Zeitform.
  5. Welche Qualitäten zeigt der alte Fischer? Belege mit Textstellen.