Seneca, De Brevitate Vītae 3
Über die Kürze des Lebens: Zeitverschwendung und das rechte Leben· Schwierigkeit: mittel
Einleitung
Die Schrift De Brevitate Vītae ist eines von Senecas populärsten Essays. Darin argumentiert er, das Leben sei nicht zu kurz, sondern wir verschwenden es. In Kapitel 3 rechnet er genüsslich vor, wieviel Zeit uns verschiedene gesellschaftliche Verpflichtungen stehlen – und warnt vor dem Irrtum, das rechte Leben auf den Ruhestand zu verschieben.
Quelle: L. Annaeus Seneca, De brevitate vītae 3,2 ff. Gemeinfreier Text.
Lateinischer Text
Wortschatz-Hilfen
| Wort / Wendung | Bedeutung |
|---|---|
| ad computationem … revoca | rechne auf, führe Rechenschaft |
| lis uxoria | Ehestreit (wörtl. Eheprozess) |
| officiosa discursatio | pflichtschuldiges Herumrennen (in der Stadt) |
| fragilitas vestra succurrit | eure Vergänglichkeit fällt euch ein |
| qui alicui … donatur | der jemandem geschenkt/gewidmet wird |
| tamquam mortales timetis | ihr fürchtet wie Sterbliche |
| tamquam immortales concupiscitis | ihr begehrt wie Unsterbliche |
| in otium secedam | ich werde mich in die Muße zurückziehen |
| praedem accipis | du nimmst einen Bürgen/eine Garantie |
| reliquias vītae … reservare | die Reste des Lebens aufheben |
| sana consilia | vernünftige Lebenspläne |
| quo pauci eam perduxerunt | wohin sie nur wenige geführt haben |
Grammatische Hinweise
- Agedum … revoca: agedum = „wohlan, auf!"; Imperativ als rhetorische Einleitung.
- Tamquam semper victuri vivitis: tamquam + Part. Fut. Akt. (victuri) = Vergleich mit hypothetischer Handlung – „als ob ihr ewig leben würdet".
- Ille ipse diēs … ultimus esse potest: ille ipse betont die Paradoxie; Modalkonstruktion mit Infinitiv (esse + Prädikativ).
- Audies plerosque dicentes: AcI mit Part. Präs. – indirektes Zitat als Partizip statt Infinitiv (stilistische Variante).
- Non pudet te … reservare: pudere + Akk. der Person + Infinitiv als Subjekt – unpersönliche Konstruktion.
- Quam serum est tunc vīvere incipere, cum desinendum est!: Ausruf; cum + Gerundivum (desinendum est) = temporale Aussage mit Notwendigkeit.
Übersetzungen
Wörtliche Übersetzung
Wohlan, rechne dein Lebensalter nach! Sag, wieviel von dieser Zeit der Gläubiger, wieviel die Freundin, wieviel der König, wieviel der Klient geraubt hat, wieviel der Ehestreit, wieviel das pflichtschuldige Herumrennen durch die Stadt. Du wirst sehen, dass du weniger Jahre hast, als du zählst. Was ist nun der Grund dafür? Ihr lebt, als ob ihr immer leben würdet; es fällt euch nie eure Vergänglichkeit ein, ihr beachtet nicht, wieviel Zeit schon vergangen ist. Jener Tag selbst, der einem Menschen oder einer Sache gewidmet wird, kann der letzte sein. Alles fürchtet ihr wie Sterbliche, alles begehrt ihr wie Unsterbliche. Du wirst viele sagen hören: „Ab dem fünfzigsten Jahr werde ich mich in die Muße zurückziehen, das sechzigste Jahr wird mich von meinen Pflichten entbinden." Und welchen Bürgen für ein längeres Leben nimmst du schließlich an? Wer wird es dulden, dass die Dinge so verlaufen, wie du es planst? Schämst du dich nicht, die Reste des Lebens für dich aufzuheben und nur jene Zeit dem guten Geiste zu widmen, die für nichts anderes mehr verwendet werden kann? Wie spät ist es doch, dann mit dem Leben zu beginnen, wenn man damit aufhören muss! Welch törichte Vergessenheit der Sterblichkeit ist es, vernünftige Lebenspläne auf das fünfzigste und sechzigste Jahr zu verschieben und von dort aus das Leben beginnen zu wollen, wohin es nur wenige geführt haben!
Idiomatische Übersetzung
Rechne nach, wieviel von deiner Lebenszeit Gläubiger, Freundin, König und Klient geraubt haben – ganz zu schweigen von Ehezwist und gesellschaftlichem Pflichtenstress. Du wirst feststellen: Du hast weniger Jahre gelebt, als du glaubst. Der Grund? Ihr lebt, als wärt ihr unsterblich. Die eigene Vergänglichkeit kommt euch nie in den Sinn. Jeder Tag, den ihr verschenkt, könnte der letzte sein. Alles fürchtet ihr wie Sterbliche, alles begehrt ihr wie Unsterbliche. Viele hört man sagen: „Mit fünfzig gehe ich in Rente, mit sechzig bin ich frei." Wer bürgt dir dafür, dass du so lange lebst? Schämst du dich nicht, dir die Überreste deines Lebens aufzusparen und nur die Zeit dem Nachdenken zu widmen, die sich für nichts anderes mehr eignet? Wie spät ist das: anfangen zu leben, wenn man schon aufhören muss! Was für eine Torheit, vernünftiges Leben auf fünfzig oder sechzig zu verschieben – ein Alter, das die wenigsten überhaupt erreichen.
Übungsfragen
- Welche gesellschaftlichen Verpflichtungen nennt Seneca als „Zeiträuber"? Nenne alle.
- Erkläre tamquam semper victuri vivitis: Konstruktionsart und rhetorische Funktion.
- Analysiere Non pudet te reliquias vītae tibi reservare: Unpersönliche Konstruktion und ihre Wirkung.
- Welches Paradox formuliert Seneca in Omnia tamquam mortales timetis, omnia tamquam immortales concupiscitis?
- Wie lautet Senecas Kernthese über die Kürze des Lebens? Stimme ihr zu oder widersprich ihr mit einer eigenen Begründung.