Cicero, De Nātūra Deorum II,115–116
Schwerkraft in einem geschlossenen Universum – stoische Kosmologie· Schwierigkeit: mittel
Einleitung
In De Nātūra Deorum lässt Cicero drei Philosophen verschiedene Gottesvorstellungen diskutieren. Im zweiten Buch vertritt der Stoiker Balbus die stoische Theologie. In den Paragraphen 115–116 erläutert Balbus, wie die Schwerkraft das Universum zusammenhält: Alle Teile streben zum Mittelpunkt hin und halten so das kugelförmige Weltgebäude in Gleichgewicht.
Quelle: M. Tullius Cicero, De Nātūra Deorum II,115–116. Gemeinfreier Text.
Lateinischer Text
Wortschatz-Hilfen
| Wort / Wendung | Bedeutung |
|---|---|
| stabilis est mundus atque cohaeret | die Welt ist beständig und hält zusammen |
| medium locum capessentes | die auf den Mittelpunkt zustreben (Part. Präs.) |
| nituntur aequaliter | streben gleichmäßig (nach dem Mittelpunkt) |
| quasi quodam vinculo circumdato | gleichsam durch ein ringsum gelegtes Band |
| colligantur | zusammengebunden werden (Konj. Präs. Pass.) |
| ad medium rapit extrema | reißt das Äußerste zur Mitte hin |
| globosus | kugelförmig |
| in medium vergentibus | da sie nach innen/zur Mitte streben (Abl. abs.) |
| contentio gravitatis et ponderum | das Zusammenstreben durch Schwerkraft und Gewicht |
| labefactari | erschüttert, geschwächt werden |
| conglobatur … aequabiliter | ballt sich gleichmäßig überall zusammen |
| neque redundat … neque effunditur | fließt weder über noch ergießt es sich |
Grammatische Hinweise
- Omnes … partes … nituntur: Partizip capessentes attributiv zu partes – Gleichzeitigkeit.
- cum quasi quodam vinculo … colligantur: cum + Konj. Präs. = kausal-konzessiv; quasi markiert den Vergleich als Bild.
- Quod facit ea nātūra, quae … funditur: Relativsatz als Subjekterweiterung; quod = „dies".
- contingere idem terrae necesse est, ut …: necesse est + AcI (contingere); anschließend ut-Konsekutivsatz.
- omnibus eius partibus in medium vergentibus: Abl. abs. mit Part. Präs. – kausal/temporal.
- nihil sit, quo labefactari possit: Relativsatz mit Konj. (Relativsatz der Folge / Qualität); quo = „wodurch".
Übersetzungen
Wörtliche Übersetzung
Die Welt ist beständig und hält zusammen. Denn alle ihre Teile streben gleichmäßig von überallher auf den Mittelpunkt zu. Die Körper bleiben am meisten dann miteinander verbunden, wenn sie gleichsam durch ein ringsum gelegtes Band zusammengebunden werden. Dies bewirkt jene Natur, die sich durch die ganze Welt ergießt – alles mit Verstand und Vernunft vollendend – und das Äußerste zur Mitte hin reißt.
Wenn also die Welt kugelförmig ist und deshalb alle ihre Teile zusammengehalten werden, muss dasselbe notwendigerweise auch für die Erde gelten, so dass, da alle ihre Teile zur Mitte hin streben, nichts da ist, wodurch dieses so große Zusammenstreben durch Schwerkraft und Gewichte erschüttert werden könnte.
Und aus demselben Grund ballt sich das Meer, obwohl es über der Erde liegt, dennoch gleichmäßig überall auf den Mittelpunkt der Erde zu zusammen und fließt weder über noch ergießt es sich.
Idiomatische Übersetzung
Die Welt ist stabil und in sich geschlossen. Alle ihre Teile streben gleichmäßig auf die Mitte zu und werden dadurch zusammengehalten – wie durch ein Band zusammengebunden. Der Grund ist die Weltseele: Sie durchdringt das gesamte All mit Vernunft und zieht das Äußerste zur Mitte.
Da die Welt kugelförmig ist, müssen alle Teile zur Mitte streben – auch die Erde. Nichts kann diese Schwerkraft erschüttern. Selbst das Meer, das über der Erde liegt, ballt sich gleichmäßig um deren Mittelpunkt und fließt weder über noch weg.
Übungsfragen
- Welches physikalische Prinzip beschreibt Cicero hier? Erkläre es mit eigenen Worten.
- Analysiere die Konstruktion Quod facit ea nātūra, quae … funditur et … rapit: Relativsatz und Funktion.
- Erkläre omnibus eius partibus in medium vergentibus: Konstruktionsart und Zeitverhältnis.
- Welche Rolle spielt nātūra in dieser stoischen Kosmologie? Was versteht Cicero/Balbus darunter?
- Inwiefern lässt sich Ciceros Beschreibung der Meeresphysik als Analogie zur Erdphysik verstehen?