Carmina Burana 143 – Frühlingslied

Ecce gratum et optatum ver – Frühlingslied und Pastourelle (12. Jh.)· Schwierigkeit: leicht

Einleitung

CB 143 verbindet zwei typische Gattungen der Vagantendichtung: das Frühlingslied (reverdie) – die Feier der erwachenden Natur als Symbol des Lebens und der Freude – und die Pastourelle, ein kurzes dramatisches Begegnungsgedicht, in dem ein Gelehrter (oder Ritter) einem Mädchen auf der Weide begegnet.

Das Gedicht zeigt die Leichtigkeit und Frische, für die die Vagantendichtung berühmt ist: einfache Sprache, lebhafte Bilder, unmittelbare Sinnlichkeit. Der Frühling ist nicht nur Jahreszeit, sondern Aufforderung zur Freude, zur Liebe und zum Leben.

Quelle: Originaltext: Bibliotheca Augustana.

Lateinischer Text

Frühlingslied

Ecce gratum et optatum
  ver reducit gaudia.
Purpuratum floret pratum,
  sol serenat omnia.
Iamiam cedant tristia!
Aestas redit, nunc recedit
  hiemis saevitia.

Pastourelle

Exiit diluculo
  rustica puella
cum grege, cum baculo,
  cum lana novella.

Sunt in grege parvulo
  ovis et asella,
vitula cum vitulo,
  caper et capella.

Conspexit in caespite
  scholarem sedere:
„Quid tu facis, domine?
  Veni mecum ludere!"

Wortschatz-Hilfen

LateinischDeutschHinweis
eccesieh!, seht!, schau!Ausruf, betont das Neue
grātus, -a, -umwillkommen, angenehm, erfreulich
optātus, -a, -umersehnt, erwünschtPartizip Perf. Pass. von optāre
ver, vēris n.Frühling
reducō, -erezurückbringen, wiederherstellen
gaudium, -ī n.Freude
purpurātus, -a, -umpurpurfarben, bunt, blühendBlumen in Purpurfarbe = bunt blühend
prātum, -ī n.Wiese
serēnō, -āreaufheitern, erhellen
iamiamjetzt sofort; nun endlichverstärktes iam
cēdō, -ereweichen, zurücktreten
hiems, -emis f.Winter
saevitia, -ae f.Wildheit, Strenge, Grausamkeit
dīluculum, -ī n.Morgengrauen, Tagesanbruch
rūstica puellaMädchen vom Land, Bäuerin
grex, gregis m.Herde
baculum, -ī n.Stab, Hirtenstab
lāna novaneue/frische Wolle
asella, -ae f.kleine Eselin
vitula / vitulusKalb (w. / m.)
caper / capellaZiegenbock / Ziege
conspiciō, -ereerblicken, wahrnehmen
caespes, -itis m.Rasen, Grasnarbe
scholāris, -is m.Scholar, Student, Klerikertypische Figur der Vagantendichtung
veni mēcum lūderekomm mit mir spieleneuphemistisch für eine Liebesbegegnung

Grammatische Hinweise

Übersetzung

Wörtlich

Frühlingslied: Sieh, der willkommene und ersehnte Frühling bringt die Freuden zurück. Purpurfarben blüht die Wiese, die Sonne erhellt alles. Nun endlich soll der Kummer weichen! Der Sommer kehrt zurück, nun weicht die Wildheit des Winters.

Pastourelle: Im Morgengrauen ging ein Bauernmädchen hinaus, mit der Herde, mit dem Hirtenstock, mit frischer Wolle. In der kleinen Herde sind Schaf und Eselin, Kuh mit dem Kalb, Ziegenbock und Ziege. Sie erblickte auf dem Rasen einen Studenten sitzen: „Was machst du da, Herr? Komm mit mir spielen!"

Idiomatisch

Seht: Der ersehnte Frühling bringt die Freude zurück! Bunt blühen die Wiesen, die Sonne erleuchtet alles. Weg mit dem Kummer! Der Sommer ist da, die winterliche Strenge weicht. – Im Morgengrauen zog ein Bauernmädchen hinaus mit ihrer kleinen Herde: Schaf und Eselin, Kuh und Kalb, Ziege und Ziegenbock. Da saß auf dem Rasen ein Scholar – und das Mädchen fragte: „Was machst du da? Komm doch, spiel mit mir!"

Übungsfragen

  1. Beschreiben Sie die Bildsprache des Frühlingsliedes: Welche Naturelemente werden genannt, und welche emotionale Bedeutung tragen sie?
  2. Was ist eine Pastourelle? Beschreiben Sie die typischen Merkmale der Gattung anhand dieses Textes.
  3. Analysieren Sie die Einladung des Mädchens (venī mēcum lūdere). Was kann lūdere hier bedeuten, und welchen literarischen Effekt erzielt diese Zweideutigkeit?
  4. Welche soziale Spannung wird durch das Aufeinandertreffen von rūstica puella und scholāris aufgebaut?
  5. Vergleichen Sie CB 143 mit CB 185 (dem makaronischen Pastourellen-Gedicht): Wie verändert die Mischung aus Latein und Mittelhochdeutsch die Wirkung des Textes?