Carmina Burana 90 & 185 – Pastourellen

Makaronische Gedichte: Lateinisch-mittelhochdeutsche Mischgedichte (12./13. Jh.)· Schwierigkeit: mittel

Einleitung

Als makaronische Dichtung bezeichnet man Texte, die zwei Sprachen gleichzeitig verwenden. Im Fall von CB 185 wird jede Zeile abwechselnd auf Mittelhochdeutsch und Latein geschrieben – die mittelhochdeutsche Zeile beginnt eine Szene, die lateinische kommentiert sie, parallelisiert sie oder steigert sie. Dieses Verfahren erzeugt Komik, Ironie und literarische Raffinesse.

Das Refrain-Motiv (Hoy et oe! maledicantur tiliae – „verflucht seien die Linden!") ist eine Anspielung auf das mittelhochdeutsche Minnelied, in dem die Linde als Liebesbaum gilt. Hier wird sie ironisch „verflucht" – das Mädchen, das unter einer Linde verführt wurde, klagt über die Situation.

Quelle: Originaltext: Bibliotheca Augustana.

Lateinischer Text (CB 185, Auswahl)

Refrain:
Hoy et oe! maledicantur tiliae
Hoy et oe! iuxta viam positae

Ich was ein chint so wolgetan      virgo dum florebam
do briste mich wol diu werlt al    omnibus placebam
Ia wolde ich an die wisen gan      flores adunare
do wolde mich ein ungetan          ibi deflorare
Er nam mich bi der wizen hant      sed non indecenter
er wist mich diu wise lanch        valde fraudulenter
Er graif mir an das wize gwant     valde indecenter
er fuerte mich dann bi der hant    multum violenter
Er sprach: „Vrowe, gewir baz!      Nemus est remotum."
diser wech, der habe haz!          Planxi et hoc totum

„Iz stat ein linde wolgetan        non procul a via
da hab ich mine harphe lan         tympanum cum lyra."
Do er zu der linden chom           dixit: „sedeamus"
diu minne twanc sere den man       „ludum faciamus"
Er graif mir an den wizen lip      non absque timore
er sprach: „ich mache dich ein wip dulcis es cum ore"
Er warf mir uf daz hemdelin        corpore detecta
er rant mir in daz purgelin        cuspide erecta
Er nam den cocher un den bogen     bene venabatur
er selbe hete mich betrogen        ludus compleatur.

Wortschatz-Hilfen (Latein)

LateinischDeutschHinweis
maledicō, -ereverfluchen; schlecht reden
tilia, -ae f.Lindeder Liebesbaum der mittelalterlichen Minnedichtung
virgō dum florēbamals ich als Mädchen blühtevirgo = Jungfrau, Mädchen
omnibus placēbamich gefiel allen
florēs adūnāreBlumen sammeln
dēflōrō, -āreentblümen; entjungfernWortspiel: flores (Blumen) – deflōrāre (Blüte nehmen)
indecenter / fraudulenter / violenterunanständig / betrügerisch / gewaltsamdrei Adverbien, die die Eskalation der Handlung zeigen
nemus, -oris n.Hain, Wäldchen
planxīich klagte, jammertePerfekt von plangō
tympanum, -ī n.Trommel, Pauke
sedēāmus / lūdum faciāmuswir wollen sitzen / lass uns spielenKonjunktiv Präsens als Aufforderung (Adhortativ)
non absque timōrenicht ohne ScheuLitotes: verstärkt paradoxerweise die Kühnheit
cuspis, -idis f.Spitze; Pfeilspitzehier: obszön-metaphorisch
pharetra / cocherKöchercocher = mittelhochdt.; venātor = Jäger-Metapher
bene venābāturer jagte gut (= er „erlegte seine Beute")Jagdmetapher für die erotische Szene
lūdus complēāturdas Spiel soll vollendet seinKonjunktiv Perf. als Wunsch/Fazit

Grammatische Hinweise

Übersetzung (CB 185, Auswahl)

Zweisprachig (mittelhochdt. + lat. ins Deutsche)

Refrain: Hoy und oe! Verflucht seien die Linden, die am Wegrand stehen!

„Ich war ein Mädchen, so wohl gestaltet" – als ich als Jungfrau blühte – „da schätzte mich die ganze Welt" – ich gefiel allen. „Ich wollte auf die Wiese gehen" – um Blumen zu sammeln – „da wollte mich ein Roher" – dort entjungfern. „Er nahm mich bei der weißen Hand" – nicht ganz unfreundlich – „er führte mich lange die Wiese entlang" – sehr arglistig. „Er griff mir an das weiße Gewand" – sehr unanständig – „er führte mich dann bei der Hand" – sehr gewaltsam. „Er sprach: Kommt, gehen wir weiter! Der Wald liegt abseits." – Ich klagte über das alles. „Da steht eine schöne Linde, nicht weit vom Weg – dort habe ich meine Harfe gelassen" – mit Trommel und Lyra. Als er zur Linde kam: „Setzen wir uns" – die Minne zwang den Mann sehr – „lass uns spielen" … Er nahm Köcher und Bogen – er jagte gut – er selbst hatte mich betrogen – das Spiel sei vollendet.

Übungsfragen

  1. Erklären Sie das Prinzip der makaronischen Dichtung: Welche Funktion übernimmt die lateinische Zeile jeweils gegenüber der mittelhochdeutschen?
  2. Analysieren Sie die Adverbien non indecenter → valde fraudulenter → multum violenter. Wie zeichnet die lateinische Kommentarspur die moralische Eskalation der Szene nach?
  3. Welche Funktion hat der Refrain (maledicantur tiliae)? Warum wird gerade die Linde „verflucht"?
  4. Erklären Sie die Jagdmetapher am Ende (cocher, bogen, venābātur). Welche literarische Tradition steht dahinter?
  5. Inwiefern gibt CB 185 eine (Selbst-)Perspektive des Mädchens auf das Geschehen wieder? Was macht das literarisch besonders?