Carmina Burana 196 – Trinklied
In taberna quando sumus – Goliarden-Trinklied (12. Jh.)· Schwierigkeit: leicht–mittel
Einleitung
Die Carmina Burana (CB) sind eine Sammlung von über 250 mittellateinischen und mittelhochdeutschen Gedichten aus dem 13. Jahrhundert, gefunden 1803 im Kloster Benediktbeuern (Bayern). Die Texte stammen von den sogenannten Goliarden – wandernden Klerikern und Studenten des 12./13. Jahrhunderts, die oft die Autorität der Kirche und die bürgerliche Gesellschaft satirisch aufs Korn nahmen.
CB 196 (In taberna quando sumus) ist das berühmteste Trinklied der Sammlung und dank Carl Orffs musikalischer Vertonung (1936) weltweit bekannt. Das Gedicht entwirft mit wachsendem Witz eine Liste aller Menschen, die in der Taverne trinken – von Freigelassenen über Soldaten und Kleriker bis hin zu Päpsten und Königen.
Quelle: Originaltext: Bibliotheca Augustana.
Lateinischer Text
1 In taberna quando sumus, non curamus, quid sit humus, sed ad ludum properamus, cui semper insudamus. Quid agatur in taberna, ubi nummus est pincerna, hoc est opus ut quaeratur; sed quid loquar, audiatur: 2 Quidam ludunt, quidam bibunt, quidam indiscrete vivunt; sed in ludo qui morantur, in his quidam denudantur, quidam ibi vestiuntur, quidam saccis induuntur; ibi nullus timet mortem, sed pro Baccho mittunt sortem. 3 Primo pro nummata vini; ex hac bibunt libertini: semel bibunt pro captivis, post haec bibunt ter pro vivis, quater pro Christianis cunctis, quinquies pro fidelibus defunctis, sexies pro sororibus vanis, septies pro militibus silvanis, 4 octies pro fratribus perversis, novies pro monachis dispersis, decies pro navigantibus, undecies pro discordantibus, duodecies pro paenitentibus, tredecies pro iter agentibus, tam pro papa quam pro rege bibunt omnes sine lege. 5 Bibit hera, bibit herus, bibit miles, bibit clerus, bibit ille, bibit illa; bibit servus cum ancilla, bibit velox, bibit piger, bibit albus, bibit niger, bibit constans, bibit vagus, bibit rudis, bibit magus. 6 Bibit pauper et aegrotus, bibit exul et ignotus, bibit puer, bibit canus, bibit praesul et decanus, bibit soror, bibit frater, bibit anus, bibit mater, bibit iste, bibit ille, bibunt centum, bibunt mille. 7 Parum sescentae nummatae durant, cum immoderate bibunt omnes sine meta, quamvis bibant mente laeta. Sic nos rodunt omnes gentes, et sic erimus egentes. Qui nos rodunt, confundantur et cum iustis non scribantur!
Wortschatz-Hilfen
| Lateinisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| taberna, -ae f. | Taverne, Schanklokal | |
| humus, -ī f. | Erde, Boden; Tod/Vergänglichkeit | hier übertragen: „was die Welt ist", was draußen vorgeht |
| insuddō, -āre | schwitzen bei; eifrig betreiben | cuī insudāmus = dem wir uns mit Eifer widmen |
| pincerna, -ae m. | Mundschenk; Wirt | hier: das Geld spielt die Rolle des Wirtes |
| moror, -ārī | sich aufhalten, verweilen | |
| dēnūdō, -āre | entblößen, ausziehen | beim Würfeln verlieren und ausgezogen werden |
| saccus, -ī m. | Sack; grobes Gewand | saccis induuntur = sie werden in Säcke gekleidet (= verarmt) |
| Bacchus, -ī m. | Bacchus (Gott des Weines) | hier: für Bacchus = auf das Wohl des Weines |
| sors, sortis f. | Los; Schicksal | mittunt sortem = sie werfen das Los, würfeln |
| nummāta vīnī | ein Pfennigwert Wein, eine Runde | |
| lībertīnus, -ī m. | Freigelassener | |
| semel / bis / ter / quater | einmal / zweimal / dreimal / viermal | Zahladverbien; dann: quinquies, sexies, septies, octies usw. |
| praesul, -ulis m. | Bischof, Vorsteher | |
| decānus, -ī m. | Dekan | |
| anus, -ūs f. | alte Frau | |
| sine lēge | ohne Gesetz; ohne Regel; ungestüm | |
| meta, -ae f. | Ziel, Grenze, Maß | sine metā = ohne Maß, maßlos |
| rōdō, -ere | nagen; schlecht reden, verleumden | |
| egēns, -entis | bedürftig, arm | |
| confundō, -ere | verwirren; zuschanden machen |
Grammatische Hinweise
- Mittellateinisches Versmaß: Die Strophen folgen dem rhythmischen (akzentuierenden) Trochäus, nicht der klassischen Quantität. Betonung nach Sprachakzent, nicht nach Silbenlänge.
- Mittellateinische Orthographie: quidam (= aliqui), ludus = Glücksspiel (nicht nur Spiel), humus im übertragenen Sinn.
- Indirekte Frage / AcI mit quid: non cūrāmus, quid sit humus – Konjunktiv im abhängigen Fragesatz.
- Zahladverbien: semel, bis, ter, quater, quinquiēs, sexiēs, septiēs, octiēs, noviēs, deciēs, undeciēs, duodeciēs, trēdeciēs – klassische Zahladverbien (einmal, zweimal usw.).
- Iussiver Konjunktiv am Schluss: confundantur et … nōn scrībantur – Konjunktiv Präsens als Verwünschung: „Sie sollen zuschanden werden und nicht (unter die Gerechten) eingetragen werden" (Anspielung auf das Buch des Lebens).
- Parallelismus / Anaphora bibit: Die Strophen 5–6 sind reine Anaphora: Jeder Vers beginnt mit bibit. Der Witz liegt in der Vollständigkeit: von Herr und Knecht bis Papst und König, von jung bis alt trinkt hier buchstäblich jeder.
Übersetzung
Wörtlich (Strophen 1–2 und 7)
Str. 1: Wenn wir in der Taverne sind, kümmern wir uns nicht, was die Welt ist, sondern wir eilen zum Spiel, dem wir immer mit Eifer nachgehen. Was in der Taverne getan wird, wo das Geld der Wirt ist – das muss untersucht werden; aber was ich sagen will, das soll gehört werden:
Str. 2: Einige spielen, einige trinken, einige leben zügellos; aber von denen, die beim Spiel verweilen, werden manche ausgezogen, manche werden (wieder) angezogen, manche werden in Säcke gekleidet; dort fürchtet niemand den Tod, sondern sie werfen das Los für Bacchus.
Str. 7: Wenig Geld hält sechshundert Runden aus, wenn alle maßlos und ohne Maß trinken, obwohl sie fröhlichen Herzens trinken. So benagen uns alle Leute, und so werden wir arm. Die uns benagen, sollen zuschanden werden und nicht unter die Gerechten eingetragen werden!
Idiomatisch (Str. 5–6)
Es trinkt die Herrin, es trinkt der Herr, der Soldat trinkt, der Kleriker trinkt, der trinkt und die trinkt; der Knecht trinkt mit der Magd, der Flinke trinkt, der Träge trinkt, der Helle trinkt, der Dunkle trinkt, der Beständige trinkt, der Vagabund trinkt, der Ungebildete trinkt, der Magier trinkt. Es trinkt der Arme und der Kranke, der Verbannte und der Unbekannte, das Kind trinkt, der Graukopf trinkt, der Bischof trinkt und der Dekan, die Schwester trinkt, der Bruder trinkt, die Alte trinkt, die Mutter trinkt, der und der trinkt – es trinken Hundert, es trinken Tausend.
Übungsfragen
- Beschreiben Sie den satirischen Blick auf die Gesellschaft, den das Gedicht entwirft. Welche Gesellschaftsgruppen werden genannt, und welche Botschaft steckt in der Vollständigkeit der Liste?
- Welche Funktion hat das Geld (nummus est pincerna) im Bild der Taverne? Was sagt das über die Wertvorstellungen des Dichters aus?
- Analysieren Sie die rhetorische Wirkung der Anaphora bibit … bibit in Strophen 5–6. Wie erzeugt Catull… äh, der Goliardendichter damit Komik?
- Warum endet das Gedicht mit einem Fluch? An wen richtet sich dieser Fluch, und was sagt das über das Selbstbild der Goliarden?
- Vergleichen Sie den Sprachstil von CB 196 mit dem des klassischen Lateins (z. B. Catullus oder Ovid). Welche Unterschiede fallen auf?