Dies Irae – Tomaso da Celano
Der Hymnus Diēs Irae – Gerichtssequenz des 13. Jh.· Schwierigkeit: leicht–mittel
Einleitung
Der Diēs Irae (lat.: „Tag des Zorns") ist eine der bedeutendsten Sequenzen des Mittelalters. Tomaso da Celano (ca. 1200–ca. 1265), ein Franziskanermönch und Biograph des hl. Franz von Assisi, gilt als Verfasser. Das Gedicht schildert das Jüngste Gericht: die Vernichtung der Welt durch Feuer, die Auferstehung aller Toten, das Erscheinen Gottes als Richter – und das demütige Flehen des Sünders um Gnade.
Der Diēs Irae war jahrhundertelang fester Bestandteil der Totenmesse (Requiem). Komponisten von Mozart über Verdi bis Berlioz haben ihn vertont. Sprachlich zeichnet er sich durch sein rhythmisches, dreiteiliges Versmaß (Trochäus, Reim) und die eindrucksvolle Reihung von Imperativen des Bittgebets aus.
Quelle: Originaltext: Bibliotheca Augustana.
Lateinischer Text
1 Dies irae, dies illa
solvet saeclum in favilla,
teste David cum Sibylla.
2 Quantus tremor est futurus,
quando iudex est venturus,
cuncta stricte discussurus.
3 Tuba mirum spargens sonum
per sepulcra regionum
coget omnes ante thronum.
4 Mors stupebit et natura,
cum resurget creatura
iudicanti responsura.
5 Liber scriptus proferetur,
in quo totum continetur,
unde mundus iudicetur.
6 Iudex ergo cum sedebit,
quidquid latet, apparebit,
nil inultum remanebit.
7 Quid sum miser tum dicturus,
quem patronum rogaturus,
cum vix iustus sit securus?
8 Rex tremendae maiestatis,
qui salvandos salvas gratis,
salva me, fons pietatis!
9 Recordare, Iesu pie,
quod sum causa tuae viae:
ne me perdas illa die!
10 Quaerens me sedisti lassus,
redemisti crucem passus:
tantus labor non sit cassus.
11 Iuste iudex ultionis,
donum fac remissionis
ante diem rationis.
12 Ingemisco tamquam reus,
culpa rubet vultus meus,
supplicanti parce, deus!
13 Qui Mariam absolvisti
et latronem exaudisti,
mihi quoque spem dedisti.
14 Preces meae non sunt dignae,
sed tu bonus fac benigne,
ne perenni cremer igne.
15 Inter oves locum praesta
et ab haedis me sequestra,
statuens in parte dextra!
16 Confutatis maledictis,
flammis acribus addictis,
voca me cum benedictis!
17 Oro supplex et acclinis,
cor contritum quasi cinis,
gere curam mei finis!
Wortschatz-Hilfen
| Lateinisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| diēs īrae | Tag des Zorns | Anspielung auf Zeph 1,15 (Altes Testament) |
| saeclum | Welt, Zeitalter, Jahrhundert | mittellateinische Form für saeculum |
| favilla, -ae f. | Asche, Glut | |
| tuba, -ae f. | Trompete, Posaune | die Engelsposaune beim Jüngsten Gericht |
| discussūrus | der streng prüfen wird | Futurpartizip von discutiō |
| coget | wird zusammentreiben, zwingen | |
| stupeō, -ēre | erstarren, staunen, sprachlos sein | |
| liber scrīptus | das geschriebene Buch | = das Buch des Lebens (Apokalypse) |
| inultus, -a, -um | ungerächt, ungestraft | |
| patrōnus, -ī m. | Patron, Schutzherr, Fürsprecher | |
| tremendum maiestātis | erschreckender/ehrfurchtgebietender Majestät | Genitivus qualitatis |
| salvandōs salvas grātīs | du rettest die zu Rettenden umsonst | Gerundivum als Substantiv (salvandī = diejenigen, die gerettet werden sollen) |
| recordāre | erinnere dich! (Imp. von recordor) | |
| causa tuae viae | der Grund deines Weges (= Mensch als Grund der Erlösung) | |
| lassus, -a, -um | müde, erschöpft | quaerēns me sedistī lassus = du hast mich suchend erschöpft gesessen (Anspielung auf Joh 4,6) |
| cassus, -a, -um | leer, vergeblich, vergebens | |
| ingemiscō, -ere | aufstöhnen, seufzen | |
| rubet | rötet sich, errötet | |
| lātrō, -ōnis m. | Räuber; hier: der reuige Schächer (Lk 23) | |
| perennis, -e | ewig, unvergänglich | perenni igne = im ewigen Feuer |
| haedus, -ī m. | Zicklein, Böcklein | Mt 25: Schafe = Gerechte, Böcke = Verdammte |
| sequestro, -āre | absondern, trennen | |
| confutātīs maledictīs | wenn die Verfluchten zum Schweigen gebracht sind | Ablativus absolutus |
| supplex, -icis | demütig flehend, kniend | |
| acclīnis, -e | niedergebeugt, hingeworfen | |
| contrītus, -a, -um | zerknirscht, zerbrochen | cor contrītum = das zerknirscht Herz (Ps 51) |
Grammatische Hinweise
- Trochäisches Versmaß mit Reim: Jede Strophe besteht aus drei Zeilen mit demselben Endreim (-us, -a, -um usw.). Das Metrum ist rhythmisch-akzentuierend, nicht quantitierend.
- Futurpartizipien: ventūrus, discussūrus, dictūrus, rogatūrus – drücken Absicht oder unmittelbar bevorstehende Handlung aus: „der kommen wird/um zu kommen".
- Ablativus absolutus: Str. 16: confutātīs maledictīs, flammīs ācribus addictīs – „wenn die Verfluchten zum Schweigen gebracht und den scharfen Flammen überantwortet sind".
- Imperativreihe im Bittgebet: Ab Str. 8 wechselt das Gedicht von der Schilderung des Gerichts zur direkten Anrede Jesu: salva mē … recordāre … nē mē perdās … gere cūram – eine Reihe von Imperativen und Finalsätzen.
- Gerundivum als Substantiv: salvandōs salvas grātīs – „du rettest die (zu Rettenden) = diejenigen, die gerettet werden sollen" – Gerundivum mit passivischer Bedeutung.
- Litotes: non absque timōre (in CB 185) – hier im Diēs Irae: vix iūstus sit secūrus – „kaum dass der Gerechte sicher ist" = selbst der Gerechte ist kaum sicher.
Übersetzung
Wörtlich (Strophen 1–6, 8, 12, 17)
1. Jener Tag des Zorns wird die Welt in Asche auflösen, bezeugt von David zusammen mit der Sibylle.
2. Welches Zittern wird da sein, wenn der Richter kommen wird, der alles streng prüfen wird!
3. Die Posaune, wunderbaren Klang aussendend durch die Gräber der Länder, wird alle vor den Thron zwingen.
4. Tod und Natur werden erstarren, wenn das Geschöpf auferstehen wird, dem Richtenden zu antworten.
5. Das geschriebene Buch wird vorgebracht werden, in dem alles enthalten ist, woraus die Welt gerichtet werden wird.
6. Wenn also der Richter sitzen wird, wird alles, was verborgen ist, erscheinen, und nichts Unbestrafter wird übrigbleiben.
8. König erschreckender Majestät, der du die zu Rettenden umsonst rettest, rette mich, Quell der Frömmigkeit!
12. Ich stöhne auf wie ein Angeklagter, mein Gesicht rötet sich vor Schuld – dem Flehenden vergib, Gott!
17. Ich bete demütig und niedergebeugt, das Herz zerknirscht wie Asche – sorge für das Ende meines Lebens!
Idiomatisch
Jener Tag des Zorns – an ihm wird die Welt zu Asche werden, wie David und die Sibylle bezeugen. Welches Erschaudern wird da kommen, wenn der Richter erscheint, der alles streng untersuchen wird! Die Posaune ertönt durch alle Gräber der Welt und treibt alle vor den Thron. Tod und Natur stehen erschrocken – das Geschöpf ersteht, um dem Richter Rede zu stehen. Das Buch des Lebens wird aufgeschlagen – alles steht darin geschrieben, und kein Vergehen bleibt ungeahndet. König von furchtbarer Majestät, der du die Auserwählten umsonst rettest: rette mich, Quell aller Gnade! Ich stöhne wie ein Angeklagter, Scham rötet mein Gesicht – erbarme dich des Flehenden! Demütig und niedergeworfen bete ich, das Herz zerknirscht wie Asche – gib acht auf mein letztes Ende!
Übungsfragen
- Beschreiben Sie den Aufbau des Diēs Irae: Wie wechselt das Gedicht von der apokalyptischen Schilderung zur persönlichen Bitte?
- Welche biblischen Anspielungen finden sich im Text? Nennen Sie mindestens drei und ordnen Sie sie den jeweiligen Bibelstellen zu.
- Analysieren Sie die Strophen 8–17 als Bittgebet: Welche Argumente führt der Sprecher für seine Rettung ins Feld?
- Erklären Sie den Begriff testē Dāvid cum Sibyllā: Warum werden zwei so unterschiedliche Propheten (ein jüdischer König, eine heidnische Seherin) zusammen genannt?
- Inwiefern unterscheidet sich der Diēs Irae sprachlich und metrisch vom klassischen Latein? Welche mittelalterlichen Sprachelemente fallen auf?