Ovid – Amores I,5

Die Begegnung mit Corinna – erotische Elegie· Schwierigkeit: mittel

Einleitung

Publius Ovidius Naso (43 v. Chr. – 17/18 n. Chr.) ist der letzte große Dichter der augusteischen Zeit. Seine Sammlung Amōrēs (veröffentlicht ca. 16 v. Chr.) enthält fünfzig elegische Liebesgedichte, in denen er die Liebesaffäre mit der Dichterfigur „Corinna" schildert. Amores I,5 – das wohl berühmteste Gedicht der Sammlung – schildert eine intime Begegnung am Mittag: ein Zimmer im Halbdunkel, Corinnas Erscheinen und Entkleiden. Der Ton ist ironisch-distanziert, die Beschreibung von Corinnas Körper folgt dem Topos des blazon (Lob einzelner Körperteile). Typisch ovidianisch ist der abrupte Schluss, der das Geschilderte ins Komische wendet.

Quelle: Originaltext: Perseus Digital Library.

Lateinischer Text

 1  Aestus erat, mediamque dies exegerat horam;
 2    adposui medio membra levanda toro.
 3  pars adaperta fuit, pars altera clausa fenestrae;
 4    quale fere silvae lumen habere solent,
 5  qualia sublucent fugiente crepuscula Phoebo,
 6    aut ubi nox abiit, nec tamen orta dies.
 7  illa verecundis lux est praebenda puellis,
 8    qua timidus latebras speret habere pudor.
 9  ecce, Corinna venit, tunica velata recincta,
10    candida dividua colla tegente coma
11  qualiter in thalamos famosa Semiramis isse
12    dicitur, et multis Lais amata viris.
13  Deripui tunicam – nec multum rara nocebat;
14    pugnabat tunica sed tamen illa tegi.
15  quae cum ita pugnaret, tamquam quae vincere nollet,
16    victa est non aegre proditione sua.
17  ut stetit ante oculos posito velamine nostros,
18    in toto nusquam corpore menda fuit.
19  quos umeros, quales vidi tetigique lacertos!
20    forma papillarum quam fuit apta premi!
21  quam castigato planus sub pectore venter!
22    quantum et quale latus! quam iuvenale femur!
23  Singula quid referam? nil non laudabile vidi
24    et nudam pressi corpus ad usque meum.
25  Cetera quis nescit? lassi requievimus ambo.
26    proveniant medii sic mihi saepe dies!

Wortschatz-Hilfen

LateinischDeutschHinweis
aestus, -ūs m.Hitze, Sommerhitze
exigō, -ere, exēgīvertreiben; vollendenhoram exigere = die Stunde vollmachen
membrum, -ī n.Glied, Körpermembra levāre = den Körper ausruhen
torus, -ī m.Polster, Liegesofa
adapertus, -a, -umhalb geöffnetpars adaperta, pars clausa = typisches Chiasmus-Paar
crepusculum, -ī n.Dämmerung, Zwielicht
Phoebus, -ī m.Phoibos = Apollon = Sonnedichterischer Name für die Sonne
verecundus, -a, -umschamhaft, züchtig
pudor, -ōris m.Schamgefühl, Scham
tunica, -ae f.Tunika (Untergewand)
recinctus, -a, -umungegürtet, locker
dividuus, -a, -umgeteilt, in zwei Hälften fallendvon der Frisur, die den Nacken bedeckt
Semiramislegendäre assyrische KöniginInbegriff der verführerischen Schönheit
Laisberühmte griechische Hetäreaus Korinth, Inbegriff der Liebeskunst
dēripiō, -ere, -ripuīherunterreißen, entreißen
rārus, -a, -umdünn(maschig), transparentdas Gewand war durchsichtig
proditiō, -ōnis f.Verrat, Preisgabeproditione suā = durch eigenen „Verrat"
vēlāmen, -inis n.Hülle, Gewand
menda, -ae f.Fehler, Makelnusquam menda = kein Makel irgendwo
lacertus, -ī m.Oberarm
castigātus, -a, -umschlank, straff
femur, -oris n.Oberschenkel
lassus, -a, -umerschöpft, müde
prōveniō, -īrevorwärtskommen; sich ereignenproveniant … diēs = solche Mittage mögen kommen

Grammatische Hinweise

Übersetzung

Wörtlich

Es war Hitze, und der Tag hatte die mittlere Stunde vollgemacht; ich legte meinen Körper, der Erholung bedurfte, auf das Mittelsofa. Ein Teil des Fensters stand offen, der andere war geschlossen; so ungefähr, wie Wälder ihr Licht zu haben pflegen, wie die Dämmerung leuchtet, wenn Phoebus flieht, oder wenn die Nacht gegangen ist, aber der Tag noch nicht angebrochen ist. Jenes Licht muss man züchtigen Mädchen gewähren, durch das die schüchterne Scham hoffen darf, eine Zuflucht zu haben. Sieh da, Corinna kommt, mit einem locker hängenden Gewand bekleidet, das helle Haar teilt sich und bedeckt den Hals – wie man sagt, dass die berühmte Semiramis in die Brautgemächer gegangen sei, und Lais, von vielen Männern geliebt. Ich riss das Gewand herunter – es schadete nicht viel, da es dünn war; doch sie kämpfte darum, durch das Gewand verdeckt zu bleiben. Als sie so kämpfte, wie eine, die nicht siegen wollte, wurde sie leicht besiegt durch ihren eigenen Verrat. Als sie nackt vor unseren Augen stand, gab es nirgendwo an ihrem ganzen Körper einen Makel. Welche Schultern, welche Oberarme sah und berührte ich! Wie geeignet zum Drücken war die Form der Brüste! Wie eben der Bauch unter der straffen Brust! Wie groß und schön die Hüfte! Wie jugendlich der Schenkel! Warum soll ich Einzelheiten aufzählen? Ich sah nichts, das nicht lobenswert war, und presste ihren nackten Körper an meinen. Wer kennt das Übrige nicht? Erschöpft ruhten wir beide aus. Mögen mir solche Mittage oft zuteilwerden!

Idiomatisch

Die Mittagshitze lag schwer über der Stadt; ich hatte mich aufs Lager gestreckt, um Kraft zu schöpfen. Das Fenster war halb geöffnet, halb geschlossen – genau das gedämpfte Licht eines Waldes, das Zwielicht der fliehenden Sonne, jener Moment zwischen Nacht und Tag. Ein solches Halbdunkel gehört züchtigen Mädchen – es gibt der Scham ihre Schlupfwinkel. Da trat Corinna herein, nur locker in eine Tunika gehüllt, das helle Haar geteilt und über den Nacken fallend, berühmt wie Semiramis auf dem Weg zum Brautgemach, begehrt wie Lais von vielen Männern. Ich riss ihr das Gewand herunter – es war so dünn, dass es kaum Schutz bot; sie wehrte sich, aber wie jemand, der gar nicht gewinnen will, und gab schließlich leicht nach, als verriet sie sich selbst. Als sie nackt vor mir stand, war sie makellos. Welche Schultern, welche Arme – wie ich sie sah und berührte! Wie vollkommen geformt ihr Busen, wie straff der Bauch darunter, wie schön Hüfte und Schenkel! Ich könnte alles einzeln aufzählen – ich sah nichts, das nicht lobenswert war – und hielt ihren nackten Körper an meinen. Das Übrige kennt jeder. Erschöpft ruhten wir beide aus. Mögen mir solche Mittage oft zuteilwerden!

Übungsfragen

  1. Welche Atmosphäre schafft Ovid mit der Beschreibung des Halbdunkels (V. 1–8)? Welche rhetorische Funktion hat diese Rahmenschilderung?
  2. Erklären Sie die Funktion der mythologischen Vergleiche (Semiramis, Lais) in V. 11–12. Inwiefern erhöht oder ironisiert Ovid damit seine Geliebte?
  3. Analysieren Sie V. 15–16: tamquam quae vincere nōllet, victa est non aegre proditione suā. Welche Art von Konjunktiv liegt vor, und wie ist die Ironie des „Verrats" zu verstehen?
  4. Zeigen Sie, wie Ovid in V. 19–22 die Technik der enumeratio einsetzt. Wie wählt er die Reihenfolge der Körperteile?
  5. Warum endet das Gedicht so abrupt mit V. 25–26? Was erzielt Ovid durch die Präteritiō und den Wunschsatz am Schluss?