Vulgata – Johannes 14,9–28

Heiliger Geist und Trinitätslehre: Philippus-Dialog und Paraklet· Schwierigkeit: mittel

Einleitung

Johannes 14 ist Teil der sogenannten Abschiedsreden Jesu (Joh 13–17) – einer langen Lehrrede am Abend des letzten Abendmahls. Der Abschnitt 14,9–28 enthält zwei zentrale theologische Aussagen: (1) die Einheit von Vater und Sohn (ego in Patre et Pater in me) – Grundlage der späteren Trinitätslehre; (2) die Verheißung des Paraklet (Beistand, Heiliger Geist, Spiritus veritatis), der die Jünger nach Jesu Weggang begleiten und lehren wird. Der Text ist für Latein-Lernende besonders wertvoll, da er viele theologische Fachbegriffe (mandatum, mansio, paracletus, veritas) einführt.

Quelle: Originaltext: Vulgata (Clementina).

Lateinischer Text

secundum Iohannem 14, 9–28

„Tanto tempore vobiscum sum, et non cognovistis me, Philippe?
Qui vidit me, vidit et Patrem.
Quomodo tu dicis: ostende nobis Patrem?
Non credis, quia ego in Patre et Pater in me est?
Verba, quae ego loquor vobis, a me ipso non loquor.
Pater autem in me manens ipse facit opera.
Non creditis, quia ego in Patre et Pater in me est?
Alioquin propter opera ipsa credite!

Amen amen, dico vobis: qui credit in me, opera, quae ego facio,
et ipse faciet et maiora horum faciet,
quia ego ad Patrem vado
et quodcumque petieritis in nomine meo, hoc faciam,
ut glorificetur Pater in Filio.

Si diligitis me, mandata mea servate,
et ego rogabo Patrem, et alium paracletum dabit vobis,
ut maneat vobiscum in aeternum,
Spiritum veritatis, quem mundus non potest accipere,
quia non videt eum nec scit eum.
Vos autem cognoscitis eum,
quia apud vos manebit et in vobis erit.

Non relinquam vos orfanos. Veniam ad vos.
Adhuc modicum et mundus me iam non videt.
Vos autem videtis me, quia ego vivo et vos vivetis.
In illo die vos cognoscetis, quia ego sum in Patre meo
et vos in me et ego in vobis.
Qui habet mandata mea et servat ea,
ille est, qui diligit me.
Qui autem diligit me, diligetur a Patre meo
et ego diligam eum et manifestabo ei me ipsum.

Paracletus autem Spiritus Sanctus,
quem mittet Pater in nomine meo,
ille vos docebit omnia
et suggeret vobis omnia, quaecumque dixero vobis.
Pacem relinquo vobis, pacem meam do vobis.
Non turbetur cor vestrum neque formidet!
Audistis, quia ego dixi vobis: vado et venio ad vos.
Si diligeretis me, gauderetis utique,
quia vado ad Patrem; quia Pater maior me est."

Wortschatz-Hilfen

LateinischDeutschHinweis
tantō temporeso lange ZeitAbl. temporis
ostendō, -erezeigen, vorweisen
aliōquīnsonst, andernfalls; wenigstens
glōrificō, -āreverherrlichenKirchenlatein; von glōria + faciō
mandātum, -ī n.Gebot, Auftrag, Befehl
paraclētus, -ī m.Paraklet, Beistandgriech. parakletos = der Gerufene, Beistand
in aeternumin Ewigkeit, für immer
Spīritus vēritātisGeist der Wahrheitjohanneisches Synonym für den Heiligen Geist
orphanus, -ī m.Waisehier: schutzlos, verlassen
manifestō, -āreoffenbaren, zeigen
suggerō, -erenahelegen, eingeben, einflüstern
turbō, -ārebeunruhigen, aufwühlennōn turbētur cor: Passiv als Zustandsbeschreibung
formīdō, -āresich fürchten, erschrecken
utiquegewiss, auf jeden Fall, doch

Grammatische Hinweise

Übersetzung

Wörtlich

„So lange Zeit bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat auch den Vater gesehen. Wie sagst du: Zeig uns den Vater? Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und der Vater in mir? Die Worte, die ich zu euch spreche, spreche ich nicht aus mir selbst. Der Vater, der in mir bleibt, tut selbst die Werke. Glaubt ihr nicht, dass ich im Vater bin und der Vater in mir? Sonst glaubt wenigstens wegen der Werke selbst!

Amen, amen, ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird auch die Werke tun, die ich tue, und größere als diese wird er tun, weil ich zum Vater gehe, und was ihr auch immer in meinem Namen bitten werdet, das werde ich tun, damit der Vater im Sohn verherrlicht werde.

Wenn ihr mich liebt, haltet meine Gebote, und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, damit er ewig bei euch bleibe, den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht noch kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleiben und in euch sein wird. Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen. Ich werde zu euch kommen. Noch eine kurze Zeit, und die Welt sieht mich nicht mehr. Ihr aber seht mich, weil ich lebe und auch ihr leben werdet. An jenem Tag werdet ihr erkennen, dass ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch. Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt. Wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde ihn lieben und ihm mich selbst offenbaren."

[Judas fragt …] Jesus antwortete: „Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch alles in Erinnerung rufen, was ich euch gesagt habe. Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Euer Herz soll sich nicht beunruhigen lassen noch soll es sich fürchten! Ihr habt gehört, dass ich euch gesagt habe: Ich gehe weg und komme zu euch. Wenn ihr mich liebtet, würdet ihr euch doch freuen, weil ich zum Vater gehe; denn der Vater ist größer als ich."

Idiomatisch

Jesus sagt zu Philippus: „So lange bin ich schon bei euch – und du hast mich nicht erkannt? Wer mich sieht, sieht den Vater. Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und der Vater in mir? Die Worte, die ich spreche, kommen nicht von mir allein – der Vater in mir ist es, der handelt. Wenn ihr das nicht glaubt, dann glaubt wenigstens wegen der Werke! Ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird dasselbe tun wie ich – ja, sogar Größeres, weil ich zum Vater gehe. Was ihr in meinem Namen bittet, das werde ich tun, damit der Vater im Sohn verherrlicht wird. Wenn ihr mich liebt, haltet meine Gebote – dann werde ich den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleibt: den Geist der Wahrheit. Die Welt kann ihn nicht empfangen, weil sie ihn nicht kennt. Aber ihr kennt ihn. Ich lasse euch nicht allein – ich werde kommen. Der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, wird euch alles lehren und euch an alles erinnern. Frieden hinterlasse ich euch – meinen Frieden. Euer Herz soll sich nicht ängstigen. Wenn ihr mich wirklich liebtet, würdet ihr euch freuen, dass ich zum Vater gehe."

Übungsfragen

  1. Erklären Sie die Aussage ego in Patre et Pater in me est. Welche theologische Lehre (Perichorese) wird hier vorformuliert?
  2. Was ist ein paraclētus? Erläutern Sie den Begriff und seine Funktion im Text.
  3. Analysieren Sie den Konditionalsatz V. 28: sī dīligerētis mē, gaudērētis. Welcher Konditionalsatztyp liegt vor, und was impliziert das für das tatsächliche Verhalten der Jünger?
  4. Welche drei Funktionen des Heiligen Geistes werden im Text genannt? Ordnen Sie die lateinischen Begriffe den Funktionen zu.
  5. Vergleichen Sie Joh 14 mit Joh 3 (Nikodemus-Gespräch): Welche thematischen Parallelen zur Rolle des Geistes finden sich?