Vulgata – Lukas 6,35–38

Feindesliebe und Barmherzigkeit nach dem Lukas-Evangelium· Schwierigkeit: leicht

Einleitung

Der Lukas-Evangelist überliefert eine Parallelpassage zur Feindesliebe des Matthäus-Evangeliums, formuliert jedoch sprachlich einfacher und betont stärker die Barmherzigkeit (misericordia) als Grundprinzip. Lukas 6,35–38 stammt aus der sogenannten Feldrede, dem lukanischen Pendant zur Bergpredigt. Charakteristisch ist das doppelte Gebot der Nichtverurteilung (nōlīte iūdicāre … nōlīte condemnāre) und das Bild des übervollen Maßes als Lohnverheißung.

Quelle: Originaltext: Vulgata (Clementina).

Lateinischer Text

secundum Lucam 6, 35–38

Verumtamen diligite inimicos vestros
et benefacite et mutuum date nihil desperantes,
et erit merces vestra multa,
et eritis filii Altissimi;
quia ipse benignus est super ingratos et malos.
Estote ergo misericordes,
sicut et Pater vester misericors est.
Nolite iudicare et non iudicabimini,
nolite condemnare et non condemnabimini,
dimittite et dimittemini,
date et dabitur vobis.

Wortschatz-Hilfen

LateinischDeutschHinweis
verumtamenaber dennoch, jedochadversative Partikel, stärker als sed
mūtuum dareleihen, ein Darlehen gebenmūtuum = Gegenseitiges, Darlehen
dēspērō, -āreverzweifeln, die Hoffnung aufgebennihil dēspērantēs = ohne etwas zu erhoffen (nihil = Akk.)
Altissimus, -ī m.der Höchste (= Gott)Superlativ von altus, als Gottesname
benignus, -a, -umgütig, freundlich, wohlwollend
ingrātus, -a, -umundankbar
misericors, -cordisbarmherzig, mitleidvollvon miser + cor
nōlīte + Inf.tut nicht …, unterlasst …verneinender Imperativ
iūdicō, -āreurteilen, richten
condemnō, -āreverurteilen
dimittō, -ereentlassen; vergeben, loslassen
dabitur vōbīses wird euch gegeben werdenPassivum divinum: Gott ist Subjekt

Grammatische Hinweise

Übersetzung

Wörtlich

Aber dennoch: Liebt eure Feinde und tut Gutes und gebt Darlehen, ohne etwas zu erhoffen, und euer Lohn wird groß sein, und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn er ist gütig gegenüber Undankbaren und Bösen. Seid also barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Richtet nicht, und ihr werdet nicht gerichtet werden; verurteilt nicht, und ihr werdet nicht verurteilt werden; vergebt, und euch wird vergeben werden; gebt, und euch wird gegeben werden.

Idiomatisch

Dennoch: Liebt eure Feinde, tut Gutes und leiht aus, ohne Gegenseitigkeit zu erwarten – euer Lohn wird groß sein, und ihr werdet Kinder des Höchsten sein; denn auch er ist gütig zu Undankbaren und Bösen. Seid also barmherzig, so wie euer Vater barmherzig ist. Richtet nicht – dann werdet ihr nicht gerichtet. Verurteilt nicht – dann werdet ihr nicht verurteilt. Vergebt – dann wird euch vergeben. Gebt – dann wird euch gegeben werden.

Übungsfragen

  1. Vergleichen Sie Lukas 6,35–38 mit Matthäus 5,44–48: Welche inhaltlichen Unterschiede und Schwerpunktsetzungen fallen auf?
  2. Erläutern Sie das „Passivum divinum" in diesem Text. Welche theologische Aussage steckt hinter dieser grammatischen Konstruktion?
  3. Analysieren Sie den Parallelismus in V. 37–38. Wie erzeugt Lukas durch die Parallelsätze einen Rhythmus und eine Überzeugungskraft?
  4. Was bedeutet nihil dēspērantēs? Erklären Sie den grammatischen und inhaltlichen Zusammenhang.
  5. Welches Leitbild der Gottesvorstellung ergibt sich aus diesem Text? Welche menschlichen Tugenden sollen nach Lukas dieser Gottesvorstellung entsprechen?