Vulgata – Matthäus 5,44–48

Feindesliebe und die Vollkommenheit des Vaters· Schwierigkeit: leicht–mittel

Einleitung

Die Vulgata ist die von Hieronymus (347–420 n. Chr.) angefertigte lateinische Bibelübersetzung, die im Mittelalter zur maßgeblichen Bibelversion des Westens wurde. Der Sprachstil weicht bewusst vom klassischen Latein ab – Hieronymus orientierte sich an der Volkssprache (lat. vulgus). Die Sprache ist klar, direkt und oft parataktisch.

Der vorliegende Text stammt aus der Bergpredigt (Mt 5–7), der zentralen Lehrrede Jesu im Matthäusevangelium. Mt 5,44–48 ist der Höhepunkt der sogenannten Antithesen: Jesus setzt seine Lehre bewusst gegen traditionelle Vorstellungen und ruft zur Feindesliebe auf – einem der radikalsten ethischen Prinzipien der Bergpredigt.

Quelle: Originaltext: Vulgata (Clementina).

Lateinischer Text

secundum Matthaeum 5, 44–48

Diligite inimicos vestros.
Benefacite his, qui oderunt vos,
et orate pro persequentibus et calumniantibus vos,
ut sitis filii Patris vestri, qui in caelis est.
Qui solem suum oriri facit super bonos et malos
et pluit super iustos et iniustos.
Si enim diligatis eos, qui vos diligunt,
quam mercedem habebitis?
Nonne et publicani hoc faciunt?
Et si salutaveritis fratres vestros tantum,
quid amplius facitis?
Nonne et ethnici hoc faciunt?
Estote ergo vos perfecti,
sicut et Pater vester caelestis perfectus est!

Wortschatz-Hilfen

LateinischDeutschHinweis
dīligō, -ere, -lēxīlieben, schätzenintensiver als amāre: bewusste, tätige Liebe
inimīcus, -ī m.Feind (persönlicher)Unterschied zu hostis (Kriegsfeind)
benefaciō, -ereGutes tunhis, qui …: Dativ
ōrō, -ārebeten; bittenpro + Abl.: für jemanden beten
persequor, -īverfolgen
calumniō, -āreverleumden, falsch beschuldigen
mercēs, -ēdis f.Lohn, Vergütung
publicānus, -ī m.Zöllner, Steuereintreibergalten als Sünder und Kollaborateure
salūtō, -āregrüßen, begrüßen
ethnici, -ōrum m. pl.Heiden, Nichtjudengriech. ethnikoi = die Völker
perfectus, -a, -umvollkommen, vollendet
estōteseid! (Imp. Fut. Pl. von esse)feierliche, bleibende Aufforderung

Grammatische Hinweise

Übersetzung

Wörtlich

Liebet eure Feinde. Tut Gutes denen, die euch hassen, und betet für jene, die euch verfolgen und verleumden, damit ihr Söhne eures Vaters seid, der im Himmel ist. Der seine Sonne über Gute und Böse aufgehen lässt und über Gerechte und Ungerechte regnen lässt. Denn wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn werdet ihr haben? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden? Seid also ihr vollkommen, wie auch euer himmlischer Vater vollkommen ist!

Idiomatisch

Liebt eure Feinde. Tut denen Gutes, die euch hassen, und betet für die, die euch verfolgen und verleumden – damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel seid. Er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute, er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr nur die liebt, die euch lieben – welchen Lohn habt ihr davon? Das tun doch auch die Zöllner! Und wenn ihr nur eure eigenen Leute grüßt – was ist daran besonders? Das tun doch auch die Heiden! Ihr aber sollt vollkommen sein – so wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.

Übungsfragen

  1. Welche drei Handlungen werden in V. 44 gefordert, und wie verhält sich diese Aufforderung zum jüdischen Gebot „Liebe deinen Nächsten"?
  2. Erklären Sie die Funktion der rhetorischen Fragen mit nonne. An wen richtet sich die Argumentation Jesu?
  3. Warum wird gerade das Bild von Sonne und Regen (V. 45) gewählt, um Gottes Verhalten zu beschreiben?
  4. Analysieren Sie den Abschluss (V. 48): Inwiefern ist der Imperativ estōte perfectī eine Steigerung gegenüber den vorangegangenen Aufforderungen?
  5. Vergleichen Sie den Sprachstil dieser Vulgata-Passage mit dem Sprachstil bei Cicero. Welche strukturellen Unterschiede fallen auf?