Ecce gratum – Ein Frühlingslied aus den Carmina Burana
Carmina Burana 143 (12./13. Jh.) · Schwierigkeit: mittel
Einleitung
Die Carmina Burana sind eine Sammlung von rund 250 mittellateinischen (teils deutschen und französischen) Liedern und Gedichten des 11. bis 13. Jahrhunderts, überliefert in einer Handschrift aus Benediktbeuern. Ecce gratum (CB 143) ist ein Vagantenlied auf die Wiederkehr des Frühlings: Die Natur erblüht, der Winter weicht, und wer sich der Liebe verschließt, gilt als bedauernswert. Carl Orff vertonte das Lied 1936 als Teil seiner Kantate Carmina Burana.
Der Codicillus bringt nur die erste Strophe als Lesestück (im Kontext der Adjektive der i-Deklination, vgl. omnia). Da der Text mittelalterlich und gemeinfrei ist, sind hier alle drei lateinischen Strophen abgedruckt.
Quelle: Erste Strophe nach dem Codicillus Latinus (Robert Wallisch, Universität Wien); vollständiger Text nach der Standardausgabe der Carmina Burana (CB 143). Mittelalterliches Werk, gemeinfrei. Schreibung schwankt je nach Edition (estas/aestas, sevitia/saevitia, cedant/cedunt); hier in der handschriftnahen Form.
Lateinischer Text
Wortschatz-Hilfen
| Wort / Wendung | Bedeutung |
|---|---|
| gratus 3 | willkommen, angenehm |
| optatus 3 | ersehnt, erwünscht |
| ver, veris n. | Frühling |
| reducere | zurückbringen, wiederbringen |
| purpuratus 3 | purpurn, bunt geschmückt |
| pratum, -i n. | Wiese |
| serenare | aufheitern, heiter machen |
| cedant tristia | mögen die traurigen Dinge weichen (cedere, Konj.) |
| estas (aestas) f. | Sommer |
| saevitia, -ae f. | Wildheit, Grimm, Härte |
| liquescere | schmelzen, flüssig werden |
| grando, -inis f. | Hagel |
| bruma, -ae f. | Winterzeit, Wintersonnenwende |
| sugere | saugen |
| uber, -eris n. | Euter, Brust (estatis ubera = „die Brüste des Sommers") |
| lascivire | ausgelassen sein, sich der Lust hingeben |
| dextera, -ae f. | rechte Hand; hier: Herrschaft, Walten |
| gloriari (Dep.) | sich rühmen, frohlocken |
| letari (laetari) (Dep.) | sich freuen |
| mel, mellis n. | Honig (in melle dulcedinis = „in der Süße des Honigs") |
| conari (Dep.) | sich bemühen, versuchen |
| uti (+ Abl., Dep.) | genießen, gebrauchen |
| praemium, -i n. | Lohn, Belohnung |
| Cypris, -idis f. | die Kyprische = Venus (iussu Cypridis = „auf Geheiß der Venus") |
| par, paris (+ Gen.) | gleich, ebenbürtig (pares Paridis = „dem Paris ebenbürtig") |
Grammatische Hinweise
- Iam iam cedant tristia (Strophe I): cedant ist Konjunktiv Präsens im Hauptsatz (jussiv/optativ) — „mögen weichen".
- illi mens est misera, qui … (Strophe II): Dativus possessivus (illi … est misera mens = „jener hat ein elendes Gemüt"); relativischer Anschluss qui nec vivit, nec lascivit.
- ver estatis ubera sugit (Strophe II): personifizierende Metapher; ubera ist Akk. Pl. n. (Objekt zu sugit).
- qui conantur, ut utantur premio Cupidinis (Strophe III): Finalsatz mit ut + Konjunktiv; utor regiert den Ablativ (premio).
- simus … pares esse Paridis (Strophe III): simus (Konj. Präs. von esse, adhortativ — „lasst uns sein"); par mit Genitiv.
- Deponentien häufen sich: gloriari, letari, conari, uti — passive Form, aktive Bedeutung.
- Die Strophen sind in trochäischen Kurzversen mit Endreim gebaut (typisch für die Vagantendichtung), nicht in quantitierenden antiken Versmaßen.
Übersetzungen
Wörtliche Übersetzung
I. Sieh, der willkommene und ersehnte Frühling bringt die Freuden zurück; purpurn blüht die Wiese, die Sonne heitert alles auf. Nun mögen die traurigen Dinge weichen! Der Sommer kehrt zurück, jetzt weicht die Härte des Winters.
II. Schon schmelzen und schwinden Hagel, Schnee und das Übrige; der Winter flieht, und schon saugt der Frühling an den Brüsten des Sommers. Elend ist das Gemüt dessen, der weder lebt noch ausgelassen ist unter dem Walten des Sommers.
III. Es rühmen sich und freuen sich in der Süße des Honigs jene, die sich bemühen, den Lohn Cupidos zu genießen; lasst uns auf Geheiß der Venus, rühmend und fröhlich, dem Paris ebenbürtig sein.
Idiomatische Übersetzung
Der ersehnte Frühling ist da und bringt die Freude zurück: Die Wiese blüht in Farben, die Sonne lacht über allem — fort mit der Trübsal! Der Sommer kommt, der harte Winter zieht sich zurück. Hagel und Schnee schmelzen dahin, der Winter flieht, und der Frühling trinkt schon am Sommer wie ein Kind an der Mutterbrust. Wer da nicht lebt und liebt, der ist ein armer Tropf. Glücklich und voll Freude sind, die sich um Amors Lohn mühen — also lasst uns, wie Venus es will, dem Paris gleichkommen.
Übungsfragen
- Bestimme cedant (Strophe I): Modus, Tempus, Funktion im Satz.
- Erkläre die Konstruktion illi mens est misera (Strophe II). Wie nennt man diesen Dativ?
- Warum steht premio im Ablativ (Strophe III)? Von welchem Verb hängt es ab?
- Suche alle Deponentien im Text und nenne jeweils Infinitiv und Bedeutung.
- pares esse Paridis: Erkläre die Rektion von par. In welchem Kasus steht Paridis und warum?
- Welche Naturbilder verwendet das Lied, um den Übergang vom Winter zum Sommer darzustellen?