Copernicus – Die drei Grundannahmen des heliozentrischen Weltbilds

Nicolaus Copernicus, Commentariolus (um 1514) · Schwierigkeit: leicht–mittel

Einleitung

Nicolaus Copernicus (1473–1543) formulierte im Commentariolus, einer kurzen, nur handschriftlich verbreiteten Frühschrift, erstmals die Grundzüge seines heliozentrischen Weltbilds. Der vollständige Titel lautet De hypothesibus motuum coelestium a se constitutis commentariolus („Kleiner Kommentar über die von ihm aufgestellten Annahmen über die Himmelsbewegungen"). Die Schrift stellt sieben petitiones (Postulate, Grundannahmen) auf; die ersten drei davon – abgedruckt unten – bestreiten den einen gemeinsamen Mittelpunkt aller Sphären, verschieben den Weltmittelpunkt von der Erde weg und erklären die Sonne zum Zentrum.

Der Text eignet sich gut zum Einüben des AcI: Jeder Satz hängt von dicit ab und enthält einen Subjektsakkusativ mit Infinitiv.

Quelle: Textfassung nach dem Codicillus Latinus (Robert Wallisch, Universität Wien, Institut für Klassische Philologie). Es handelt sich um eine didaktisch vereinfachte Wiedergabe der ersten drei Postulate des Commentariolus (um 1514). Hinweis: Die im Codicillus genannte Jahreszahl „1542" trifft weder den Commentariolus (um 1514) noch De revolutionibus (1543) genau; im Original lautet das dritte Postulat zudem „omnes orbes ambire Solem … ideoque circa Solem esse centrum mundi" (also „in der Nähe der Sonne"). Gemeinfrei (Werk vor 1900).

Lateinischer Text

1) Prima petitio dicit omnium orbium caelestium sive sphaerarum unum centrum non esse. 2) Secunda petitio dicit centrum terrae non esse centrum mundi, sed tantum gravitatis et orbis Lunaris. 3) Tertia petitio dicit omnes orbes ambire solem ideoque solem esse centrum mundi.

Wortschatz-Hilfen

Wort / WendungBedeutung
petitio, -onis f.Forderung, Postulat, Grundannahme
orbis, -is m.Kreis(bahn), Himmelskreis, Sphäre
sphaera, -ae f.Kugel, Sphäre
siveoder (gleichsetzend), beziehungsweise
centrum, -i n.Mittelpunkt, Zentrum
unum centrumeinen einzigen Mittelpunkt (unum betont)
gravitas, -atis f.Schwere (hier: Schwerpunkt)
orbis LunarisMondbahn, Mondsphäre
ambire (+ Akk.)umkreisen, umlaufen, herumgehen um
ideoqueund deshalb, und daher (ideo + -que)
mundus, -i m.Welt, Weltall, Kosmos

Grammatische Hinweise

Übersetzungen

Wörtliche Übersetzung

1) Das erste Postulat besagt, dass es nicht einen einzigen Mittelpunkt aller Himmelskreise bzw. Sphären gibt. 2) Das zweite Postulat besagt, dass der Mittelpunkt der Erde nicht der Mittelpunkt der Welt ist, sondern nur (der Mittelpunkt) der Schwere und der Mondbahn. 3) Das dritte Postulat besagt, dass alle Kreisbahnen die Sonne umlaufen und deshalb die Sonne der Mittelpunkt der Welt ist.

Idiomatische Übersetzung

Copernicus stellt drei Annahmen an den Anfang: Erstens haben nicht alle Himmelssphären einen gemeinsamen Mittelpunkt. Zweitens ist der Erdmittelpunkt nicht das Zentrum des Weltalls, sondern nur der Schwerpunkt der Erde und der Bezugspunkt der Mondbahn. Drittens kreisen alle Bahnen um die Sonne — und damit ist die Sonne das Zentrum der Welt.

Übungsfragen

  1. Markiere in jedem der drei Sätze den AcI: Bestimme jeweils Subjektsakkusativ und Infinitiv.
  2. In Satz 2 steht centrum dreimal in unterschiedlicher Funktion. Bestimme jeweils den Kasus und die syntaktische Rolle.
  3. Wovon hängt der Genitiv omnium orbium caelestium sive sphaerarum (Satz 1) ab?
  4. Erkläre die Wortbildung von ideoque und nenne zwei weitere mit -que angehängte Konjunktionen.
  5. Vergleiche die Schulfassung von Satz 3 mit dem Originalwortlaut (circa solem esse centrum mundi). Welcher inhaltliche Unterschied ergibt sich aus circa?