Gaius – Ius civile und ius gentium (Institutiones 1,1)

Gaius, Institutiones 1,1 (um 160 n. Chr.) · Schwierigkeit: mittel–schwer

Einleitung

Gaius war ein römischer Jurist des 2. Jahrhunderts n. Chr. Seine Institutiones sind die älteste vollständig erhaltene systematische Darstellung des römischen Privatrechts und wurden zur Grundlage für die spätere Rechtsentwicklung — bis hin zum österreichischen ABGB. Der berühmte Eingangsparagraph unterscheidet zwei Rechtskreise: das ius civile, das sich ein Volk selbst gibt, und das ius gentium, das die natürliche Vernunft allen Menschen gemeinsam gesetzt hat.

Der Text ist ein Musterstück für Relativsätze mit vorweggenommenem Bezugswort (ius, quod … id …) und für den Gebrauch von uti + Ablativ.

Quelle: Textfassung nach dem Codicillus Latinus (Robert Wallisch, Universität Wien); es ist der authentische Wortlaut von Gaius, Institutiones 1,1. Antikes Werk, gemeinfrei. Hinweis: Die Datierungsangabe „um 160 v. Chr." im Codicillus ist ein Druckfehler — Gaius wirkte im 2. Jh. n. Chr.

Lateinischer Text

1) Omnes populi, qui legibus et moribus reguntur, partim suo proprio, partim communi omnium hominum iure utuntur: 2) nam ius, quod quisque populus ipse sibi constituit, id eius proprium est vocaturque ius civile, quasi ius proprium civitatis; 3) quod vero naturalis ratio inter omnes homines constituit, id apud omnes populos custoditur vocaturque ius gentium, quasi quo iure omnes gentes utuntur. 4) Populus itaque Romanus partim suo proprio, partim communi omnium hominum iure utitur.

Hinweis: Der Codicillus kürzt die beiden mit quasi eingeleiteten Erläuterungen leicht; oben steht der volle Wortlaut. Wer streng der Codicillus-Fassung folgen will, lässt quasi ius proprium civitatis (Satz 2) weg und liest in Satz 3: id est ius, quo omnes gentes utuntur.

Wortschatz-Hilfen

Wort / WendungBedeutung
populus, -i m.Volk
mos, moris m.Sitte, Gewohnheit (moribus = durch Gewohnheitsrecht)
regerelenken, regieren, bestimmen
partim … partimteils … teils
proprius 3eigen, eigentümlich
communis, -egemeinsam
ius, iuris n.Recht
uti (+ Abl., Dep.)gebrauchen, sich bedienen
constituerefestsetzen, einrichten, bestimmen
quisquejeder (einzelne)
ipse sibiselbst für sich
ius civilebürgerliches Recht (Recht der einzelnen Bürgerschaft)
naturalis ratiodie natürliche Vernunft
custodirebewahren, beachten, einhalten
ius gentiumVölkerrecht, Recht aller Völker
gens, gentis f.Volk, Völkerschaft
itaqueund so, daher

Grammatische Hinweise

Übersetzungen

Wörtliche Übersetzung

1) Alle Völker, die durch Gesetze und Sitten gelenkt werden, gebrauchen teils ihr eigenes, teils das allen Menschen gemeinsame Recht. 2) Denn das Recht, das sich jedes Volk selbst gegeben hat, dieses ist sein eigenes und wird ius civile genannt, gleichsam als das eigene Recht der Bürgerschaft. 3) Was aber die natürliche Vernunft unter allen Menschen festgesetzt hat, das wird bei allen Völkern beachtet und wird ius gentium genannt, gleichsam als das Recht, das alle Völker gebrauchen. 4) Das römische Volk gebraucht also teils sein eigenes, teils das allen Menschen gemeinsame Recht.

Idiomatische Übersetzung

Jedes Volk, das nach Gesetzen und Sitten lebt, folgt teils einem eigenen Recht, teils einem Recht, das allen Menschen gemeinsam ist. Was sich ein Volk selbst als Ordnung gibt, ist sein eigenes Recht und heißt „Zivilrecht" (ius civile). Was hingegen die natürliche Vernunft für alle Menschen gleichermaßen festgelegt hat, gilt bei allen Völkern und heißt „Völkerrecht" (ius gentium). Auch das römische Volk lebt daher teils nach eigenem, teils nach diesem allgemein-menschlichen Recht.

Übungsfragen

  1. Bestimme reguntur und utuntur (Satz 1) jeweils nach Genus verbi. Worin unterscheiden sie sich trotz ähnlicher Endung?
  2. In welchem Kasus steht iure und warum? Welches Verb verlangt diesen Kasus?
  3. Erkläre die Konstruktion ius, quod … id eius proprium est (Satz 2). Wie heißt diese Stellung des Bezugsworts?
  4. Bestimme legibus et moribus (Satz 1) syntaktisch.
  5. Arbeite die parallele Satzstruktur von Satz 2 und Satz 3 heraus. Welche rhetorische Wirkung hat diese Symmetrie?
  6. Übersetze naturalis ratio und erläutere, warum dieser Begriff für das ius gentium zentral ist.