Augustinus – Confessiones IX,10
Die „Ostia-Meditation": mystische Kontemplation kurz vor dem Tod der Mutter Monica· Schwierigkeit: schwer
Einleitung
Aurelius Augustinus (354–430 n. Chr.) ist der bedeutendste Kirchenvater des lateinischen Westens. Seine Confessiones (Bekenntnisse, ca. 397–401 n. Chr.) sind das erste autobiographische Werk der Weltliteratur: eine Lebensgeschichte als Gebet an Gott, in der Augustinus seinen Weg von der Sinnenlust über den Manichäismus und Neuplatonismus zum Christentum schildert.
Der vorliegende Abschnitt aus Buch IX gehört zu den bewegendsten Texten der Spätantike: Kurz vor dem Tod seiner Mutter Monica in Ostia (dem Hafen Roms) teilen Augustinus und seine Mutter ein gemeinsames mystisches Erlebnis. Das Gespräch steigert sich von den körperlichen Dingen über das Nachdenken und Reden hin zur schweigenden Berührung der ewigen Weisheit – ein Augenblick, der über Zeit und Raum hinausgeht. Die Passage ist tief von neuplatonischer Philosophie (Plotin) durchdrungen.
Quelle: Originaltext: Bibliotheca Augustana.
Lateinischer Text
Confessiones IX, 10 (Auswahl) Impendente autem die, quo ex hac vita erat exitura ... provenerat – ut credo, procurante Te occultis tuis modis – ut ego et ipsa soli staremus incumbentes ad quandam fenestram, unde hortus intra domum, quae nos habebat, prospectabatur, illic apud Ostia Tiberina, ubi remoti a turbis post longi itineris laborem instaurabamus nos navigationi. Conloquebamur ergo soli .... ... Erigentes nos ardentiore affectu in ,,id ipsum" perambulavimus gradatim cuncta corporalia et ipsum caelum, unde sol et luna et stellae lucent super terram. Et adhuc ascendebamus interius cogitando et loquendo et mirando opera tua, et venimus in mentes nostras et transcendimus eas, ut attingeremus regionem ubertatis indeficientis, ubi pascis Israel in aeternum veritatis pabulo. Et ibi vita sapientia est, per quam fiunt omnia ista, et quae fuerunt et quae futura sunt. Et ipsa non fit, sed sic est, ut fuit, et sic erit semper. Quin potius fuisse et futurum esse non est in ea, sed esse solum, quoniam aeterna est. Nam fuisse et futurum esse non est aeternum. Et dum loquimur et inhiamus illi, attigimus eam modice toto ictu cordis ... Dicebamus ergo: Si cui sileat tumultus carnis, sileant phantasiae terrae et aquarum et aeris, sileant et poli et ipsa sibi anima sileat et transeat se non se cogitando, sileant somnia et imaginariae revelationes, omnis lingua et omne signum si cui sileat omnino, ... ut audiamus verbum Eius, non per linguam carnis neque per vocem angeli nec per sonum nubis nec per aenigma similitudinis, sed ipsum, quem in his amamus, ipsum sine his audiamus, sicut nunc extendimus nos et rapida cogitatione attigimus aeternam sapientiam super omnia manentem, – si continuetur hoc ... ut talis sit sempiterna vita, quale fuit hoc momentum intellegentiae, cui suspiravimus, nonne hoc est: ,,intra in gaudium domini tui"?
Wortschatz-Hilfen
| Lateinisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| impendēns, -entis | bevorstehend, drohend | Partizip Präsens von impendeō |
| exitūra | (die) hinausgehen sollte | Futur-Partizip, drückt Absicht/Schicksal aus |
| procūrō, -āre | besorgen, herbeiführen | procūrante Tē: Ablativus absolutus |
| occultus, -a, -um | verborgen, geheim | |
| incumbō, -ere | sich lehnen an; sich stützen auf | incumbentēs ad fenestr. = ans Fenster gelehnt |
| Ostia Tiberīna | Ostia (Hafenstadt Roms am Tiber) | |
| instaurō, -āre | erneuern; sich erholen; vorbereiten | nōs instaurābāmus nāvigationi = wir bereiteten uns für die Überfahrt vor |
| ērigō, -ere | aufrichten; erheben | ērigentēs nōs = uns erhebend (in Gedanken) |
| id ipsum | das Selbst, das Sein selbst | neuplatonischer Begriff für Gottes reines Sein (Plotin: to hen) |
| perambulō, -āre | durchschreiten, durchwandern | metaphorisch: geistig durchqueren |
| gradātim | stufenweise, schrittweise | |
| transcendō, -ere | überschreiten, hinausgehen über | |
| ubertās, -ātis f. | Fülle, Fruchtbarkeit, Reichtum | regiō ubertātis indeficientis = Reich unversieglicher Fülle |
| indeficiēns, -entis | nicht versiegend, unerschöpflich | |
| pābulum, -ī n. | Futter, Nahrung | vēritātis pābulum = Nahrung der Wahrheit |
| inhiō, -āre | gierig streben nach, verlangen | |
| ictus, -ūs m. | Schlag, Stoß | totō ictū cordis = mit dem ganzen Herzschlag (= ganz und gar) |
| sileat | es soll schweigen | Konjunktiv Präs. als Wunsch (Optativ) |
| tumultus carnis | Aufruhr/Lärm des Fleisches | = die körperlichen Begierden und Sinneswahrnehmungen |
| aenigma similitudinis | Rätsel des Gleichnisses | = bildliche Sprache, die Gott verdeckt |
| momentum intellegentiae | Augenblick der Erkenntnis |
Grammatische Hinweise
- Ablativus absolutus: procūrante Tē occultīs tuīs modīs – „wobei du auf deine verborgenen Weisen es lenktest"; impendente autem die – „als der Tag bevorstand".
- Futurpartizip als Schicksalsangabe: exitūra – „die hinausgehen sollte/würde" – drückt Schicksal oder Bestimmung aus.
- Reihung von Optativsätzen: sileat … sileant … sileant … sileat – Anaphora des Konjunktivs Präsens als Wunschsatz: „Möge schweigen…" – erzeugt eine meditative Stimmung.
- ut-Satz final und konsekutiv: ut attingērēmus (Konsekutivsatz) vs. ut audiāmus (Finalsatz) – beide erscheinen im Text, Unterscheidung durch Kontext.
- Partizip Präsens in Kette: cogitandō et loquendō et mīrandō – Ablative des Gerundiums, die die Methode des Aufstiegs beschreiben.
- Rhetorische Frage am Schluss: nōnne hoc est: „intra in gaudium dominī tuī"? – Bibelzitat (Mt 25,21) als Antwort auf die mystische Frage.
- Zeitloses Präsens / gnomisches Perfekt: ipsa nōn fit, sed sīc est, ut fuit, et sīc erit semper – die Weisheit kennt kein Werden: Gegenüberstellung von Ewigkeit und Zeitlichkeit.
Übersetzung
Wörtlich
Als aber der Tag bevorstand, an dem sie aus diesem Leben scheiden sollte, … traf es sich – wie ich glaube, durch dein verborgenes Lenken herbeigeführt – dass wir beide allein standen, an ein gewisses Fenster gelehnt, von dem aus der Garten im Innern des Hauses, das uns beherbergte, zu sehen war, dort in Ostia am Tiber, wo wir, fern von der Menge, uns nach der Mühe der langen Reise auf die Schifffahrt vorbereiteten. Wir sprachen also miteinander allein …
… Uns mit glühendem Verlangen erhebend zum „Selbst-Sein", durchschritten wir stufenweise alle körperlichen Dinge und den Himmel selbst, von dem aus Sonne und Mond und Sterne über der Erde leuchten. Und wir stiegen noch weiter hinauf durch Nachdenken und Reden und Staunen über deine Werke, und kamen zu unseren Geistern und gingen über sie hinaus, um die Region unversieglicher Fülle zu berühren, wo du Israel in Ewigkeit mit der Nahrung der Wahrheit weidest. Und dort ist das Leben die Weisheit, durch die all jenes geschieht, was war und was sein wird. Und diese selbst wird nicht, sondern ist so, wie sie war, und so wird sie immer sein. Ja, vielmehr: Gewesen-Sein und Zukünftig-Sein gibt es nicht in ihr, sondern nur Sein, weil sie ewig ist. Und während wir reden und nach ihr verlangen, berührten wir sie flüchtig mit dem ganzen Herzschlag …
Wir sagten also: Wenn jemandem der Aufruhr des Fleisches schweigt, wenn die Phantasien der Erde und der Wasser und der Luft schweigen, wenn Himmelspole schweigen und die Seele selbst sich selbst gegenüber schweigt und sich übersteigt, indem sie nicht an sich denkt, wenn Träume und eingebildete Offenbarungen schweigen, jede Sprache und jedes Zeichen … damit wir sein Wort hören – nicht durch die Sprache des Fleisches, nicht durch die Stimme eines Engels, nicht durch den Klang einer Wolke, nicht durch das Rätsel eines Gleichnisses –, sondern ihn selbst, den wir in all diesem lieben, ihn selbst ohne all das hören … – wenn das andauerte … und solches das ewige Leben wäre, wie dieser Augenblick der Erkenntnis war, nach dem wir seufzten: wäre das nicht: „Geh ein in die Freude deines Herrn"?
Idiomatisch
Kurz vor dem Tag, an dem sie sterben sollte, ergab es sich – ich glaube durch dein verborgenes Wirken –, dass wir zwei allein am Fenster standen und hinunter in den Garten schauten, dort in Ostia, wo wir uns nach der langen Reise auf die Überfahrt vorbereiteten. Wir sprachen miteinander …
… Mit wachsender Glut erhoben wir uns zum reinen Sein: stufenweise ließen wir alle körperlichen Dinge hinter uns, den Himmel, Sonne, Mond und Sterne. Wir stiegen weiter hinauf durch Denken, Sprechen und Staunen über dein Werk, kamen zu unserem Geist und gingen über ihn hinaus, bis wir den Bereich unerschöpflicher Fülle berührten, wo du Israel ewig mit der Nahrung der Wahrheit nährst. Dort ist die Weisheit das Leben selbst – das, durch das alles entsteht, was war und sein wird. Sie selbst wird nicht, sondern ist, wie sie war, und bleibt so in Ewigkeit. Und während wir sprachen und nach ihr strebten, berührten wir sie für einen Augenblick mit dem ganzen Schlag unseres Herzens …
Und wir sagten: Wenn der Lärm des Fleisches zum Schweigen käme, wenn die Traumbilder von Erde, Wasser und Luft schwiegen, wenn Himmel und Seele selbst schwiegen und sich selbst überstiegen, wenn Träume und Visionen verstummten, jedes Wort und jedes Zeichen – um sein Wort zu hören: nicht durch Menschensprache, nicht durch einen Engel, nicht durch Wolkendonnern, nicht durch Bilder und Gleichnisse – sondern ihn selbst, ohne all das – wenn das andauern könnte, und wenn solches das ewige Leben wäre, wie dieser flüchtige Augenblick der Erkenntnis: wäre das nicht das: „Geh ein in die Freude deines Herrn"?
Übungsfragen
- Beschreiben Sie den Aufstieg (ascensus), den Augustinus und Monica vollziehen. Welche Stufen werden durchlaufen, von welchem Ausgangspunkt zu welchem Ziel?
- Welche neuplatonische Philosophie spiegelt sich in dem Begriff id ipsum und in der Beschreibung der ewigen Weisheit wider?
- Analysieren Sie die Anaphora der sileat-Sätze. Welchen Rhythmus und welchen inhaltlichen Effekt erzeugt Augustinus damit?
- Erklären Sie die Zeitstruktur des Satzes ipsa nōn fit, sed sīc est, ut fuit, et sīc erit semper. Was sagt Augustinus über das Verhältnis von Zeit und Ewigkeit?
- Das Bibelzitat am Schluss (intra in gaudium dominī tuī) verknüpft die mystische Erfahrung mit dem christlichen Glauben. Wie deutet Augustinus das mystische Erlebnis durch dieses Zitat?