Augustinus – Confessiones XI,28–30
Untersuchung des Zeitbegriffs: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft im Geist· Schwierigkeit: schwer
Einleitung
Buch XI der Confessiones ist eine philosophische Abhandlung über Zeit und Ewigkeit – eine der tiefgründigsten Reflexionen über die Zeit in der Geschichte der Philosophie. Augustinus stellt fest, dass Zeit keine objektive Größe ist, sondern eine Leistung des Geistes: Vergangenheit existiert als Erinnerung, Gegenwart als Aufmerksamkeit, Zukunft als Erwartung – alle drei in der Seele (in animo).
Der Abschnitt XI,28–30 ist der Höhepunkt dieser Überlegung: Augustinus beschreibt zunächst das Dreierschema der Zeit im Geist, dann klagt er über seine eigene Zerrissenheit zwischen Zeit und Ewigkeit, und schließlich wendet er sich im Gebet an Gott, den Schöpfer der Zeit, der selbst außerhalb der Zeit steht.
Quelle: Originaltext: Bibliotheca Augustana.
Lateinischer Text
Confessiones XI, 28–30 (Auswahl) Quomodo minuitur aut consumitur futurum, quod nondum est, aut quomodo crescit praeteritum, quod iam non est, nisi quia in animo, qui illud agit, tria sunt: nam et expectat et attendit et meminit, ut id, quod expectat, per id, quod attendit, transeat in id, quod meminerit. Quis igitur negat futura nondum esse? Sed tamen iam est in animo expectatio futurorum. Et quis negat praeterita iam non esse? Sed tamen est adhuc in animo memoria praeteritorum. Et quis negat praesens tempus carere spatio, quia in puncto praeterit? Sed tamen perdurat <animi> attentio .... ... at ego in tempora dissilui, quorum ordinem nescio, et tumultuosis varietatibus dilaniantur cogitationes meae, intima viscera animae meae, donec in te confluam purgatus et liquidus igne amoris tui. Et stabo atque solidabor in te, in forma mea, veritate tua, nec patiar quaestiones hominum, qui poenali morbo plus sitiunt quam capiunt, et dicunt: Quid faciebat deus, antequam faceret caelum et terram? aut Quid ei venit in mentem, ut aliquid faceret, cum antea numquam aliquid fecerit? – Da illis, domine, bene cogitare, quid dicant, et invenire, quia non dicitur numquam, ubi non est tempus. ... Videant itaque nullum tempus esse posse sine creatura et desinant istam vanitatem loqui.
Wortschatz-Hilfen
| Lateinisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| minuō, -ere | vermindern, kleiner werden lassen | |
| cōnsūmō, -ere | verbrauchen, verzehren | |
| expectō, -āre | erwarten, entgegensehen | |
| attendō, -ere | aufmerken, sich zuwenden | attentiō = Aufmerksamkeit (Gegenwart) |
| meminī | sich erinnern (Perfekt als Präsens) | Defektivum: nur Perf./Pqpf.; Bedeutung: erinnern |
| memoria praeteritōrum | Erinnerung an Vergangenes | = Vergangenheit als Seelenzustand |
| expectātiō futūrōrum | Erwartung des Zukünftigen | = Zukunft als Seelenzustand |
| in punctō praeterit | im Nu vergeht sie | punctum = Punkt (zeitlos kurz) |
| perdurō, -āre | andauern, fortbestehen | |
| dissiliō, -īre | auseinandergerissen werden, zerspringen | in tempora dissiliī = ich bin in die Zeiten zerstreut worden |
| tumultuōsus, -a, -um | unruhig, aufgewühlt, stürmisch | |
| dilaniant | sie zerreißen, zerfleischen | |
| viscera, -um n. pl. | Eingeweide; innerstes Wesen | intima viscera animae = das Innerste der Seele |
| confluō, -ere | zusammenfließen, einmünden | in tē confluam = in dir aufgehen, vereinigt werden |
| purgātus et liquidus | gereinigt und geläutert | zwei Adjektive als Prädikate des Gerundivs |
| poenālis morbus | Krankheit zur Strafe; sündige Neugier | |
| vānitās, -ātis f. | Nichtigkeit, Eitelkeit, Unsinn |
Grammatische Hinweise
- Rhetorische Fragen mit quōmodo: Die beiden Eröffnungsfragen (quōmodo minuitur … quōmodo crescit) formulieren das philosophische Paradox: Wie kann etwas werden, das noch nicht ist, bzw. wachsen, was bereits nicht mehr ist?
- Verneinung nisi quia: „außer weil" – kausale Einschränkung, die die Lösung einleitet: Es gibt einen Ort, wo die drei Zeiten existieren – im Geist.
- Defektivum meminī: Nur im Perfekt gebräuchlich, aber mit präsentischer Bedeutung: meminit = „er erinnert sich (jetzt)".
- Rhetorische Dreifachfragen: Quis negat … ? – Sed tamen … – dreifach parallel: Einräumung einer objektiven Tatsache, dann Einschränkung durch den subjektiven Geist.
- donec + Konjunktiv: donec in tē confluam – Konjunktiv Präsens (prospektiv): „bis ich in dir aufgegangen sein werde" – Zukünftiges als Ziel.
- Gebet-Imperativ: da illis … cogitāre … invenīre – Imperativ dā + Infinitiv: „gib ihnen, dass sie richtig denken und finden".
- videant als iussiver Konjunktiv: videant … nullum tempus esse posse – „Sie sollen einsehen, dass …" – AcI abhängig vom iussiven Konjunktiv.
Übersetzung
Wörtlich
Wie nimmt die Zukunft ab oder wird verbraucht, die doch noch nicht ist, oder wie wächst die Vergangenheit, die ja schon nicht mehr ist – außer weil im Geist, der jenes vollzieht, drei Dinge sind: er erwartet nämlich und er achtet auf und er erinnert sich, damit das, was er erwartet, durch das, worauf er achtet, in das übergehe, woran er sich erinnert?
Wer also leugnet, dass Zukünftiges noch nicht ist? Aber dennoch ist jetzt im Geist die Erwartung des Zukünftigen. Und wer leugnet, dass Vergangenes bereits nicht mehr ist? Aber dennoch ist noch im Geist die Erinnerung an Vergangenes. Und wer leugnet, dass die gegenwärtige Zeit keinen Raum hat, weil sie im Nu vergeht? Aber dennoch dauert die Aufmerksamkeit des Geistes fort …
… Ich aber bin in Zeiten auseinandergerissen worden, deren Ordnung ich nicht kenne, und durch stürmische Wechsel werden meine Gedanken zerrissen, das innerste Wesen meiner Seele, bis ich in dir zusammenfließe, gereinigt und geläutert durch das Feuer deiner Liebe. Und ich werde in dir stehen und in dir Bestand haben, in meiner Gestalt, deiner Wahrheit, und ich werde die Fragen der Menschen nicht ertragen, die aus einer Krankheit zur Strafe mehr dürsten als sie aufnehmen können, und sagen: Was tat Gott, bevor er Himmel und Erde schuf? Oder: Was kam ihm in den Sinn, dass er etwas tun wollte, da er doch vorher niemals etwas getan hatte? – Gib ihnen, Herr, richtig zu bedenken, was sie sagen, und zu finden, dass niemals nicht gesagt wird, wo keine Zeit ist … Sie sollen also einsehen, dass keine Zeit ohne ein Geschöpf sein kann, und aufhören, diesen Unsinn zu reden.
Idiomatisch
Wie kann die Zukunft abnehmen, die noch gar nicht existiert? Wie kann die Vergangenheit wachsen, die schon nicht mehr ist? – Nur weil im Geist drei Dinge zugleich sind: Er erwartet, er beachtet, er erinnert sich. Was er erwartet, wandert durch das, worauf er gerade achtet, in das über, woran er sich erinnert.
Wer bestreitet, dass die Zukunft noch nicht ist? Und doch: die Erwartung des Zukünftigen ist jetzt schon im Geist. Wer bestreitet, dass die Vergangenheit nicht mehr ist? Und doch: die Erinnerung an Vergangenes lebt im Geist fort. Wer bestreitet, dass die Gegenwart keinen Raum hat, weil sie im selben Moment schon vergangen ist? Und doch: die Aufmerksamkeit des Geistes dauert an …
Ich aber bin in die Zeiten zerfallen und kenne ihre Ordnung nicht mehr. Meine Gedanken, das Innerste meiner Seele, werden zerrissen – bis ich in dir zusammenfließe, gereinigt durch das Feuer deiner Liebe. Dann werde ich in dir Bestand haben, in meiner wahren Gestalt. Ich will mir nicht mehr die Fragen jener gefallen lassen, die aus sündhafter Neugier mehr fragen, als sie je begreifen können: „Was tat Gott, bevor er Himmel und Erde schuf?" – Herr, gib ihnen die Einsicht, dass das Wort „vorher" nur dort gilt, wo es Zeit gibt. Und so mögen sie einsehen: Ohne Geschöpf gibt es keine Zeit – und mit ihrem unsinnigen Gerede aufhören.
Übungsfragen
- Erklären Sie Augustinus' Drei-Zeiten-Schema: Welche seelischen Zustände entsprechen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft?
- Warum ist die Gegenwart nach Augustinus ausdehnungslos? Welches philosophische Problem löst er damit?
- Analysieren Sie die Metapher in tempora dissiluī. Wie beschreibt Augustinus seine eigene Zerrissenheit, und worauf hofft er?
- Warum ist die Frage „Was tat Gott vor der Schöpfung?" für Augustinus unsinnig? Erläutern Sie sein Argument mit dem Begriff der Zeit.
- Vergleichen Sie den Zeitbegriff des Augustinus mit modernen (oder antiken) Vorstellungen von Zeit als objektiver Größe. Wo ist der Unterschied?