Caesar, Bellum Gallicum VI,13
Die Druiden: soziale Stellung, Priviliegien und Strafgewalt · Schwierigkeit: leicht–mittel
Einleitung
Im sechsten Buch des Bellum Gallicum unterbricht Caesar den militärischen Bericht für eine ethnographische Beschreibung Galliens und Germaniens. Kapitel 13 behandelt die Stellung der Druiden: ihre gesellschaftliche Funktion als Priester und Richter, ihr Bildungssystem und ihre eindrucksvolle Strafgewalt – der Ausschluss vom Opferkult als schwerste Sanktion der gallischen Gesellschaft.
Quelle: Caesar, Commentarii de Bello Gallico, liber VI, caput XIII (Auszug). Gemeinfreie Edition (The Latin Library).
Lateinischer Text
Wortschatz-Hilfen
| Wort | Form | Bedeutung |
|---|---|---|
| eius generis | Gen. Sg. m. (partitiv) | von dieser Art |
| intersunt | 3. Pl. Präs. (inter-esse + Dat.) | nehmen teil an, sind dabei bei |
| prōcūrant | 3. Pl. Präs. Akt. | besorgen, veranstalten |
| religiōnēs | Akk. Pl. f. | religiöse Vorschriften, Kultnormen |
| interpretantur | 3. Pl. Präs. Dep. | sie legen aus, deuten |
| disciplīnae causā | Genitiv des Zweckes | zur Ausbildung, des Lernens wegen |
| dēcernunt | 3. Pl. Präs. Akt. | sie entscheiden, bestimmen |
| interdicunt | 3. Pl. Präs. (interdicere + Dat. + Abl.) | schließen aus, verbieten |
Grammatische Hinweise
- quī aliquō sunt numerō atque honōre (Z. 1): Relativsatz mit esse + Ablativ der Eigenschaft – „die irgendein Ansehen und eine gewisse Würde besitzen".
- disciplīnae causā (Z. 4): Genitiv des Zweckes – typische Konstruktion bei causā nach dem regierenden Genitiv.
- sī quod … facinus (Z. 6–7): Indefinites Relativpronomen quod in Konditionalsatz – „wenn irgendein Verbrechen …".
- eōrum dēcrētō nōn stetit (Z. 9): stāre + Dat. / Abl. – „sich an ihren Beschluss halten" = idiomatische Wendung.
- sacrificiīs interdicunt (Z. 9–10): interdicere alicui aliqua re – „jemanden von etwas ausschließen" (Dativ der Person, Ablativ der Sache).
Übersetzungen
Wörtliche Übersetzung
„In Gallien gibt es von jener Art von Menschen, die irgendein Ansehen und eine gewisse Würde besitzen, zwei Gruppen: die eine ist die der Druiden, die andere die der Ritter. Jene nehmen an den religiösen Angelegenheiten teil, besorgen die öffentlichen und privaten Opfer, legen die religiösen Vorschriften aus; zu ihnen strömt eine große Anzahl junger Männer zur Ausbildung zusammen, und diese stehen bei ihnen in großem Ansehen. Denn sie entscheiden fast in allen öffentlichen und privaten Streitfällen, und wenn irgendein Verbrechen begangen wurde, wenn ein Mord geschah, wenn es einen Streit um eine Erbschaft oder um Grenzen gibt, entscheiden dieselben, sie setzen Belohnungen und Strafen fest; wenn ein Einzelner oder ein Volk sich ihrem Beschluss nicht gefügt hat, schließen sie ihn von den Opfern aus. Dies ist bei ihnen die schwerste Strafe."
Idiomatische Übersetzung
„In Gallien gibt es zwei einflussreiche Gesellschaftsgruppen: die Druiden und den Adelsstand. Die Druiden sind für das religiöse Leben zuständig: Sie veranstalten Opfer, legen religiöse Vorschriften aus und üben Rechtsprechung aus. Daher strömen zahlreiche junge Männer zu ihrer Ausbildung hin, und sie genießen großes Ansehen. Fast alle öffentlichen und privaten Rechtsstreitigkeiten – Verbrechen, Mord, Erbschaft, Grenzkonflikte – werden von ihnen entschieden, Belohnungen und Strafen von ihnen festgesetzt. Wer sich ihrem Urteil widersetzt, wird vom Opferkult ausgeschlossen – die schwerste Strafe, die es in der gallischen Gesellschaft gibt."
Interpretation
Caesar beschreibt die Druiden mit dem Blick des römischen Juristen und Ethnographen: Was ihn interessiert, ist ihre gesellschaftliche Machtfunktion – Rechtsprechung, Bildung, religiöse Autorität. Der Ausschluss vom Opferkult (sacrificiīs interdicunt) erinnert an die römische aquae et ignis interdictio (Verbannung). Caesar versteht gallische Institutionen durch das Raster römischer Kategorien und macht sie damit für sein römisches Lesepublikum fassbar. Die Wertung ist mehrdeutig: Einerseits werden die Druiden als mächtig und respektiert dargestellt; andererseits zeigt ihre Macht, dass Gallien eine eigene Ordnung hat, die Caesar militärisch überwinden muss.
Übungsfragen
- Welche drei Aufgaben der Druiden nennt Caesar in Z. 2–4?
- Bestimme die Konstruktion disciplīnae causā (Z. 4) und übersetze sie.
- Was ist die Konsequenz, wenn jemand dem Urteil der Druiden nicht folgt (Z. 9–10)?
- Warum ist stetit in Z. 9 ein Perfekt statt Präsens? Welche Bedeutung hat die Tempuswahl?
- Welche Parallelen zur römischen Rechtspraxis erkennst du in diesem Abschnitt?