Römische Alltagskultur
Apicius: Kochrezept · Graffiti aus Pompeji· Schwierigkeit: leicht
Einleitung
Neben den hochliterarischen Texten gibt uns das Lateinische auch unmittelbare Einblicke in den Alltag der römischen Welt: durch Kochrezepte, Aufschriften auf Tongefäßen und – besonders eindrücklich – durch Graffiti, die die Menschen der Antike an Hauswände kritzelten. Diese Texte sind sprachlich einfach, inhaltlich aber aufschlussreich für das Leben einfacher Römerinnen und Römer.
- Apicius ist der Name eines Kochbuchs, das unter dem Namen De re coquinaria überliefert ist und wahrscheinlich im 4./5. Jh. n. Chr. seine heutige Form erhielt. Es enthält Hunderte von Rezepten aus der römischen Küche.
- Pompeji wurde 79 n. Chr. durch den Vesuv-Ausbruch verschüttet. Tausende von Graffiti an den Hauswänden sind erhalten – Liebesbotschaften, Beleidigungen, Wahlempfehlungen, Witze.
Quelle: Originaltexte: Apicius De re coquinaria; Corpus Inscriptionum Latinarum (CIL IV).
Lateinische Texte
Aus dem Kochbuch des Apicius: Porcellum coriandratum (Spanferkel mit Koriander)
Assas porcellum diligenter. Facies mortarium sic, in quo teres piper, anethum, origanum, coriandrum viride. Admisces mel, vinum, liquamen, oleum, acetum, defritum. Haec omnia calefacta perfundes et aspargis uvam passam, nucleos pineos et cepam concisam et sic inferes.
Graffiti aus Pompeji
Eutychis Graeca assibus II, moribus bellis. (Graffito am Haus der Vettii, Pompeji) Minximus in lecto. Fateor, peccavimus, hospes. Si dices: „quare?" – Nulla matella fuit. (Graffito an der Hinterwand eines Hauses, Region 8, Pompeji) Si quis non vidit Venerem, quam pinxit Apelles, pupa mea aspiciat: talis et illa nitet. (Graffito eines Hauses in Region 6, Pompeji)
Wortschatz-Hilfen
| Lateinisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| assō, -āre | rösten, braten | Imperativ: assas |
| mortārium, -ī n. | Mörser | |
| terō, -ere, trīvī | reiben, mahlen, zerstoßen | |
| piper, -eris n. | Pfeffer | |
| anēthum, -ī n. | Dill | |
| origanum, -ī n. | Oregano | |
| coriandrum, -ī n. | Koriander | |
| admisceō, -ēre | beimischen, hinzugeben | |
| liquāmen, -inis n. | Fischsauce (garum) | römische Würzsauce aus fermentierten Fischen |
| defritum, -ī n. | eingedickter Traubenmost | süßliche Reduktionssauce |
| perfundō, -ere | übergießen, begießen | |
| asparō, -āre | bestreuen, besprenkeln | Nebenform von aspergō |
| uva passa | Rosine | uva = Traube, passus = getrocknet |
| nucl(e)us pīneus | Pinienkern | |
| cēpa, -ae f. | Zwiebel | |
| īnferō, -ferre | hereintragen; auftischen | |
| Eutychis | Eutychis (griech. Name: die Glückliche) | |
| as, assis m. | As (kleine Münze) | assibus II = zu zwei As (Abl. pretii) |
| mōrēs bellī | nette Manieren | bellus = hübsch, nett |
| mingō, -ere, mīnxī | urinieren | umgangssprachlich |
| fateor, -ērī | gestehen, bekennen | |
| matella, -ae f. | Nachttopf | |
| Apelles | berühmter griechischer Maler (4. Jh. v. Chr.) | malte u. a. eine berühmte Venus/Aphrodite |
| pupa, -ae f. | Puppe; hier: mein Schatz / meine Geliebte | |
| niteō, -ēre | glänzen, strahlen |
Grammatische Hinweise
- Imperative im Rezept: assas, facies, admisces, perfundes, aspargis, inferes – das Rezept verwendet das Futur als imperativische Form: „du wirst braten" = „brate!"
- Relativsatz: in quo terēs (V. 1) – Relativsatz mit Futur, der die Verwendung des Mörsers beschreibt.
- Ablativus pretii: assibus II – „zu zwei As" – der Ablativ drückt den Preis aus.
- Direkte Rede / Frage: Im zweiten Graffito si dices: „quāre?" – eine fiktive direkte Rede, die den Leser einbezieht.
- Konditionalsatz: si quis non vīdit … aspiciat – Konditionalis mit Imperativ im Hauptsatz (Mischform).
- Komparativsatz: tālis et illa nitet – „so strahlt auch jene" – Vergleich zwischen der Geliebten und der berühmten Venus des Apelles.
Übersetzung
Apicius – Porcellum coriandratum (wörtlich)
Brate das Spanferkel sorgfältig. Du bereitest einen Mörser, in dem du Pfeffer, Dill, Oregano und frischen Koriander zerstößt. Du mischst Honig, Wein, Fischsauce, Öl, Essig und eingedickten Most dazu. Dies alles übergießt du erwärmt (über das Fleisch) und bestreus es mit Rosinen, Pinienkernen und gehackten Zwiebeln und trägst es so auf.
Graffiti (idiomatisch)
Eutychis aus Griechenland: zwei As, und das bei netten Manieren.
Wir haben ins Bett gepinkelt – ich gestehe es, Fremder, wir haben gesündigt. Wenn du fragst, warum: Es war kein Nachttopf da.
Wer die Venus nicht gesehen hat, die Apelles gemalt hat, der schaue mein Schätzchen an: so strahlt auch sie.
Übungsfragen
- Welche Gewürze und Zutaten werden im Apicius-Rezept verwendet? Welche davon sind heute noch in der Küche gebräuchlich, welche eher fremd?
- Erklären Sie, warum das Apicius-Rezept das Futur statt des Imperativs verwendet. Welcher Stileffekt entsteht dadurch?
- Was erfahren wir aus dem ersten Graffito über das Alltagsleben in Pompeji? Was bedeutet assibus II?
- Analysieren Sie die sprachliche und literarische Qualität des dritten Graffitos. Welchen mythologisch-kulturellen Bezug stellt der Verfasser her?
- Inwiefern unterscheidet sich der Sprachstil dieser Alltagstexte von dem der klassischen Autoren wie Cicero oder Ovid?