Römische Alltagskultur

Apicius: Kochrezept · Graffiti aus Pompeji· Schwierigkeit: leicht

Einleitung

Neben den hochliterarischen Texten gibt uns das Lateinische auch unmittelbare Einblicke in den Alltag der römischen Welt: durch Kochrezepte, Aufschriften auf Tongefäßen und – besonders eindrücklich – durch Graffiti, die die Menschen der Antike an Hauswände kritzelten. Diese Texte sind sprachlich einfach, inhaltlich aber aufschlussreich für das Leben einfacher Römerinnen und Römer.

Quelle: Originaltexte: Apicius De re coquinaria; Corpus Inscriptionum Latinarum (CIL IV).

Lateinische Texte

Aus dem Kochbuch des Apicius: Porcellum coriandratum (Spanferkel mit Koriander)

Assas porcellum diligenter. Facies mortarium sic, in quo teres piper, anethum,
origanum, coriandrum viride. Admisces mel, vinum, liquamen, oleum, acetum,
defritum. Haec omnia calefacta perfundes et aspargis uvam passam, nucleos
pineos et cepam concisam et sic inferes.

Graffiti aus Pompeji

Eutychis Graeca assibus II, moribus bellis.
(Graffito am Haus der Vettii, Pompeji)

Minximus in lecto. Fateor, peccavimus, hospes.
Si dices: „quare?" – Nulla matella fuit.
(Graffito an der Hinterwand eines Hauses, Region 8, Pompeji)

Si quis non vidit Venerem, quam pinxit Apelles,
pupa mea aspiciat: talis et illa nitet.
(Graffito eines Hauses in Region 6, Pompeji)

Wortschatz-Hilfen

LateinischDeutschHinweis
assō, -ārerösten, bratenImperativ: assas
mortārium, -ī n.Mörser
terō, -ere, trīvīreiben, mahlen, zerstoßen
piper, -eris n.Pfeffer
anēthum, -ī n.Dill
origanum, -ī n.Oregano
coriandrum, -ī n.Koriander
admisceō, -ērebeimischen, hinzugeben
liquāmen, -inis n.Fischsauce (garum)römische Würzsauce aus fermentierten Fischen
defritum, -ī n.eingedickter Traubenmostsüßliche Reduktionssauce
perfundō, -ereübergießen, begießen
asparō, -ārebestreuen, besprenkelnNebenform von aspergō
uva passaRosineuva = Traube, passus = getrocknet
nucl(e)us pīneusPinienkern
cēpa, -ae f.Zwiebel
īnferō, -ferrehereintragen; auftischen
EutychisEutychis (griech. Name: die Glückliche)
as, assis m.As (kleine Münze)assibus II = zu zwei As (Abl. pretii)
mōrēs bellīnette Manierenbellus = hübsch, nett
mingō, -ere, mīnxīurinierenumgangssprachlich
fateor, -ērīgestehen, bekennen
matella, -ae f.Nachttopf
Apellesberühmter griechischer Maler (4. Jh. v. Chr.)malte u. a. eine berühmte Venus/Aphrodite
pupa, -ae f.Puppe; hier: mein Schatz / meine Geliebte
niteō, -ēreglänzen, strahlen

Grammatische Hinweise

Übersetzung

Apicius – Porcellum coriandratum (wörtlich)

Brate das Spanferkel sorgfältig. Du bereitest einen Mörser, in dem du Pfeffer, Dill, Oregano und frischen Koriander zerstößt. Du mischst Honig, Wein, Fischsauce, Öl, Essig und eingedickten Most dazu. Dies alles übergießt du erwärmt (über das Fleisch) und bestreus es mit Rosinen, Pinienkernen und gehackten Zwiebeln und trägst es so auf.

Graffiti (idiomatisch)

Eutychis aus Griechenland: zwei As, und das bei netten Manieren.

Wir haben ins Bett gepinkelt – ich gestehe es, Fremder, wir haben gesündigt. Wenn du fragst, warum: Es war kein Nachttopf da.

Wer die Venus nicht gesehen hat, die Apelles gemalt hat, der schaue mein Schätzchen an: so strahlt auch sie.

Übungsfragen

  1. Welche Gewürze und Zutaten werden im Apicius-Rezept verwendet? Welche davon sind heute noch in der Küche gebräuchlich, welche eher fremd?
  2. Erklären Sie, warum das Apicius-Rezept das Futur statt des Imperativs verwendet. Welcher Stileffekt entsteht dadurch?
  3. Was erfahren wir aus dem ersten Graffito über das Alltagsleben in Pompeji? Was bedeutet assibus II?
  4. Analysieren Sie die sprachliche und literarische Qualität des dritten Graffitos. Welchen mythologisch-kulturellen Bezug stellt der Verfasser her?
  5. Inwiefern unterscheidet sich der Sprachstil dieser Alltagstexte von dem der klassischen Autoren wie Cicero oder Ovid?