Catullus – Carmen 32
Erotisches Einladungsgedicht an Ipsitilla· Schwierigkeit: leicht
Einleitung
Gaius Valerius Catullus (ca. 84–54 v. Chr.) aus Verona gilt als bedeutendster römischer Lyriker seiner Zeit. Seine 116 Carmina umfassen Liebesgedichte an „Lesbia" (Clodia), Freundschaftsgedichte, bittere Schmähgedichte (iambi) und gelegentlich direkt erotische Verse. Carmen 32 gehört zu den letzteren: Es ist ein kurzes Einladungsgedicht in choliambischen Versen (Hinkjamben), gerichtet an eine gewisse Ipsitilla. Der Ton ist obszön-direkt, gleichzeitig aber ironisch übertrieben: Der Dichter schreibt, er liege gesättigt auf dem Rücken und „durchbohre" bereits sein Gewand. Das Gedicht parodiert die Gattung des Einladungsbriefes.
Quelle: Originaltext: Perseus Digital Library.
Lateinischer Text
1 Amabo, mea dulcis Ipsitilla, 2 meae deliciae, mei lepores, 3 iube ad te veniam meridiari. 4 et si iusseris, illud adiuvet nos, 5 ne quis liminis obseret tabellam, 6 neu tibi libeat foras abire, 7 sed domi maneas paresque nobis 8 novem continuas fututiones. 9 verum, si quid ages, statim iubendum est: 10 nam pransus iaceo et satur, supinus 11 pertundo tunicamque palliumque.
Wortschatz-Hilfen
| Lateinisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| amābō | bitte (ich werde lieben) | Futur als höfliche Bitte: „ich wäre dir sehr verbunden" |
| Ipsitilla | Ipsitilla (Kosenamen) | wohl erfunden, vgl. griech. ipsistē = die Allerliebste |
| deliciae, -ārum f. pl. | Freude, Liebling, Schatz | |
| lepōs, -ōris m. | Anmut, Reiz, Scharm | poetisches Wort |
| merīdiārī | Mittagsruhe halten | euphemistisch für ein Treffen am Mittag |
| līmen, -inis n. | Schwelle, Tür | |
| obserō, -āre | verriegeln, zuschließen | tabellam obserāre = den Türflügel verschließen |
| tabella, -ae f. | Täfelchen; Türflügel | |
| libeat | es gefalle (ihr) | Konjunktiv von libet in Negativwunsch (neu) |
| pārō, -āre | bereiten, vorbereiten | parāre nōbīs = uns bereiten/verschaffen |
| continuum, -ī n. | ununterbrochen, in Folge | |
| vērum | aber, doch, jedoch | adversative Partikel |
| pransus, -a, -um | nach dem Essen; gesättigt | von prandeo (zu Mittag essen) |
| satur, -ura, -urum | satt, gesättigt | |
| supīnus, -a, -um | auf dem Rücken liegend | |
| pertundō, -ere | durchstechen, durchbohren | hier obszön-komisch |
| pallium, -ī n. | Mantel, Umhang |
Grammatische Hinweise
- Versmaß – Choliambus (Hinkjambus): Das Metrum hat eine auffällige Schwerfälligkeit im letzten Fuß (Spondeus statt Jambus), was dem Gedicht einen ironisch-holpernden Klang gibt.
- amābō als Bittepartikel: Das Futur von amāre wird im Umgangslatein als höfliche Bitte verwendet: „bitte" / „sei so nett" (V. 1).
- Finalsatz: V. 3 iube … veniam – iubēre + Konjunktiv (Objektsatz, Befehlsinhalt).
- Negationsreihe ne … neu: V. 5–6 – zwei negative Finalsätze koordiniert: „damit niemand … noch dass dir beliebt …"
- Konjunktiv Präsens als Aufforderung: V. 7–8 manēs parēsque – Konjunktiv Präsens drückt den Wunsch / die Aufforderung aus.
- Partizip Perfekt passiv als Adjektiv: V. 10 pransus, satur, supīnus – drei prädikative Attribute, die das Bild des träge daliegenden Dichters zeichnen.
Übersetzung
Wörtlich
Bitte, meine süße Ipsitilla, meine Freude, mein Entzücken, befiehl, dass ich zu dir komme, um Mittagsruhe zu halten. Und wenn du es befiehlst, möge jenes Folgende uns helfen: dass niemand den Türflügel der Schwelle verriegelt, und dass dir nicht beliebt, das Haus zu verlassen, sondern dass du daheim bleibst und uns neun ununterbrochene Male bereitest. Aber wenn du irgend etwas vorhast, musst du es sofort befehlen: denn ich liege gesättigt und satt da, esse zu Mittag, auf dem Rücken liegend, und durchbohre bereits meine Tunika und meinen Mantel.
Idiomatisch
Bitte, bitte, meine süße Ipsitilla, du mein Glück und mein Entzücken – lass mich kommen und bei dir die Mittagsstunden verbringen! Und wenn du das erlaubst, dann tu mir noch den Gefallen: Lass niemanden die Tür verriegeln, geh selber nicht aus dem Haus, sondern bleib daheim und bereite mir neun Runden in Folge. Aber wenn du etwas planst, dann sag es sofort – denn ich liege hier schon gut gesättigt auf dem Rücken und durchbohre langsam Tunika und Mantel.
Übungsfragen
- Welche Gattung parodiert Catullus mit diesem Gedicht, und welche Elemente des parodierten Genres finden sich im Text?
- Erläutern Sie die Funktion des Futurs amābō (V. 1). Warum verwendet Catullus diese Form statt eines direkten Imperativs?
- Welche negativen Finalsätze (V. 5–6) formuliert der Dichter, und welche Wünsche drücken sie aus?
- Beschreiben Sie das Selbstbild des Sprechers, das durch V. 10–11 entworfen wird. Welche komische Wirkung erzielt Catullus damit?
- Vergleichen Sie Catullus carmen 32 und Ovid Amores I,5: Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Umgang mit Erotik lassen sich feststellen?