Livius, Ab Urbe Conditā I,6–7

Gründung Roms: der Augurien-Streit und der Tod des Remus · Schwierigkeit: mittel

Einleitung

Livius schildert in den Anfangskapiteln seines Werkes die mythische Vorgeschichte Roms. Nachdem Romulus und Remus beschlossen haben, eine neue Stadt zu gründen, entsteht Streit: Wo soll die Stadt liegen? Auf dem Palatin (Romulus) oder dem Aventin (Remus)? Der Götterspruch soll entscheiden – doch der Streit über seine Auslegung endet tödlich. Livius überliefert mehrere Versionen der Geschichte und kommentiert offen, welche die verbreitetere ist.

Quelle: Livius, Ab Urbe Conditā, liber I, capita 6–7 (Auszug). Gemeinfreie Edition (The Latin Library).

Lateinischer Text

1 Remus prīmum, ut quibusdam placet, sex vulturēs vīdit; iam nuntiātō 2 auguriō cum duplex numerus Rōmulō sē ostendisset, utrumque rēgem 3 suī quīque comitēs consalūtāverant: illī numerō, hī priōre tempore 4 ius pōrtendī rēgnī arrogābant. Inde altercātiōne ortā certāminisque 5 īrā ad caedem vertebantur; ibi in turbā Remus occīditur. Vulgātior 6 fāma est lūdibriō frātris Remum novōs trānsilīsse mūrōs; inde ab 7 Rōmulō interfectum, adiciente vōcem īrātō: "Sīc deinde, quīcumque 8 alius trānsiliet moenia mea." Ita sōlus potītus rērum Rōmulus; 9 condita urbs conditōris nōmine appellāta.

Wortschatz-Hilfen

WortFormBedeutung
augur, auguriumNom./Abl. Sg. n.Vogelschau, Götterzeichen
consalūtāverant3. Pl. Plsq. Akt.hatten begrüßt / als (König) ausgerufen
arrogābant3. Pl. Impf. Akt.beanspruchten für sich, maßten sich an
altercātiōNom. Sg. f.Streit, Zank, Wortgefecht
lūdibriō frātrisDat. (des Zweckes) + Gen.zum Spott des Bruders, um den Bruder zu verspotten
trānsilīsseInf. Perf. Akt. (trānsilīre)übergesprungen zu sein, überstiegen zu haben
potītus (est) rērumPPP + Gen. (potīrī + Gen.)hat die Alleinherrschaft erlangt

Grammatische Hinweise

Übersetzungen

Wörtliche Übersetzung

„Remus erblickte zuerst, wie einigen (Quellen) gefällt, sechs Geier; als nun das Vogelzeichen gemeldet worden war und sich Romulus die doppelte Zahl gezeigt hatte, hatten die jeweiligen Gefährten jeden von beiden als König begrüßt: jene beanspruchten das Königsrecht durch die Zahl, diese durch den früheren Zeitpunkt. Daraus entstand ein Streit, und aus dem Streit entwickelte sich ein Kampf, der zum Mord führte; dabei wurde Remus im Getümmel getötet. Die verbreitetere Überlieferung ist, dass Remus zum Spott seines Bruders über die neuen Mauern gesprungen sei; darauf sei er von Romulus getötet worden, der wütend die Worte hinzufügte: „So soll es künftig einem jeden ergehen, der meine Mauern überspringt." So erlangte Romulus allein die Herrschaft; die gegründete Stadt wurde nach dem Namen ihres Gründers benannt."

Idiomatische Übersetzung

„Remus erblickte zuerst sechs Geier – so berichten einige Quellen. Als dann die Meldung des Vogelzeichens eingetroffen war und Romulus die doppelte Zahl zu sehen bekam, hatten die Anhänger jedes der beiden ihren Herrn bereits als König ausgerufen: Die einen stützten ihren Anspruch auf die Zahl, die anderen auf den früheren Zeitpunkt. Der Streit darüber eskalierte zum Handgemenge und schließlich zum Mord; Remus fiel im Tumult. Die weiter verbreitete Überlieferung lautet: Remus sprang dem Bruder zum Hohn über die neuen Mauern – und wurde daraufhin von Romulus erschlagen, der wütend rief: „So soll es von nun an jedem ergehen, der meine Mauern überspringt!" Damit war Romulus Alleinherrscher; die gegründete Stadt erhielt den Namen ihres Gründers."

Interpretation

Livius behandelt die Gründungserzählung mit auffälliger Zurückhaltung: Er gibt explizit an, dass es verschiedene Versionen gibt (ut quibusdam placet, vulgātior fāma est). Das ist historisch-kritisches Denken im antiken Sinne. Gleichzeitig bewahrt er die emotionale Wirkung der Erzählung: Der abrupte Tod des Remus und der kalt-lakonische Ausruf des Romulus machen deutlich, dass die Stadtgründung mit einem Brudermord beginnt – ein dunkler Ursprung, der Rom für immer begleiten wird. Romulus' Ausspruch (Sīc deinde…) ist das erste Gesetz Roms: die Unantastbarkeit der Stadtmauern.

Übungsfragen

  1. Warum gibt Livius zwei Versionen der Geschichte (Z. 1 und Z. 5–6)? Was sagt das über seine Methode aus?
  2. Erkläre die Konstruktion vulgātior fāma est … trānsilīsse (Z. 5–6) grammatisch.
  3. Was bedeutet illī numerō, hī priōre tempore (Z. 3–4)? Was beansprucht jede Gruppe?
  4. Welche rhetorische Funktion hat der direkte Ausruf des Romulus (Z. 7–8) im Gegensatz zur umgebenden indirekten Erzählung?
  5. Welche Bedeutung hat der letzte Satz (condita urbs conditōris nōmine appellāta) für den Gesamttext?