Livius, Ab Urbe Conditā II,10

Horatius Cocles verteidigt die Tiberbrücke · Schwierigkeit: mittel

Einleitung

Nach der Vertreibung der Könige (509 v. Chr.) versuchte Lars Porsenna, König der Etrusker, Rom militärisch zu unterwerfen und die Tarquinier wieder einzusetzen. Sein Heer marschierte auf die Stadt zu und drohte, die Tiberbrücke zu überqueren. In diesem Moment stellte sich Horatius Cocles – der Name bedeutet „der Einäugige" – als eine Art Heckenschützen-Deckkraft allen Feinden entgegen. Die Episode gehört zu den bekanntesten Heldentaten der frühen Republik und zeigt Livius' Kunst der spannenden, dramatischen Erzählung.

Quelle: Livius, Ab Urbe Conditā, liber II, caput X (Auszug). Gemeinfreie Edition (The Latin Library).

Lateinischer Text

1 Tum Horātius Cocles – id enim mūnīmentum illō diē fortūna urbis 2 Rōmānae habuit – forte ad eam statiōnem positus, postquam captōs 3 tumulos armātōsque vīdit, trepidamque turbam relictīs munīmentīs 4 fugere, retinēns singulōs, obtestātusque virōrum fidem: nequīquam 5 relictō praesidiō fugere; sī pontem ā tergō interrūperint, iam plus 6 hostium in Palātiō Capitōliōque quam in Iāniclō fore. 7 Itaque monēre, praecipere ut pontem ferrō, ignī, quācumque vī possint 8 interrumpant: sē impetum hostium, quantum corpore ūnō resistī potuerit, 9 excepisse. Tum in caput pontis prōcessit.

Wortschatz-Hilfen

WortFormBedeutung
mūnīmentumNom. Sg. n.Schutz, Bollwerk, Verteidigung
statiōAkk. Sg. f.Posten, Wachstellung
trepidusAdj.aufgeregt, zitternd, in Panik
retinēnsPPA Nom. Sg. m. (retinēre)aufhaltend, zurückhaltend
obtestātusPPP/PPA Nom. Sg. m. (Deponens)beschwörend, inständig bittend
nequīquamAdv.vergeblich, umsonst
interrūperint3. Pl. Perf. Konj. (interrumpere)unterbrochen haben werden (Bedingung)
interrumpant3. Pl. Präs. Konj. (interrumpere)sollen unterbrechen / zerhauen

Grammatische Hinweise

Übersetzungen

Wörtliche Übersetzung

„Da war Horatius Cocles – denn diesen Schutz hatte das Schicksal der Stadt Rom an jenem Tag – zufällig an diesen Posten gestellt; als er die eingenommenen Höhen und bewaffneten Feinde sah und die erschrockene Menge, die die Befestigungen im Stich gelassen hatte, fliehen sah, hielt er die einzelnen zurück und beschwor sie bei ihrer Mannhaftigkeit: vergeblich hätten sie den Schutzposten verlassen und flohen; wenn sie die Brücke von hinten zerstört hätten, werde es bald mehr Feinde auf dem Palatin und auf dem Kapitol als auf dem Janiculum geben. Er riet ihnen und befahl, die Brücke mit Eisen, Feuer, mit welcher Gewalt auch immer sie konnten, zu unterbrechen: er werde den Angriff der Feinde aufgenommen haben, soweit einem einzigen Körper Widerstand zu leisten möglich gewesen sein würde. Dann schritt er zum Brückenkopf vor."

Idiomatische Übersetzung

„Horatius Cocles war es – das Schicksal der Stadt Rom hatte an diesem Tag in ihm seinen Schutzwall –, der zufällig diesen Posten innehatte. Als er die besetzten Höhen und die bewaffneten Feinde sah und bemerkte, wie die erschreckte Menge die Befestigung im Stich ließ und floh, hielt er die Davonlaufenden einzeln zurück und beschwor sie bei ihrer Soldatenehre: Die Brücke aufzugeben und zu fliehen sei vergeblich; sobald die Brücke im Rücken zerstört sei, würden mehr Feinde auf dem Palatin und dem Kapitol stehen als auf dem Janiculum. Er rief ihnen zu, sie sollten die Brücke mit Eisen, Feuer, mit aller Kraft niederreißen – den Ansturm der Feinde werde er, soweit ein einzelner Körper standzuhalten vermöge, auf sich nehmen. Dann schritt er zum Brückenkopf vor."

Interpretation

Die Episode des Horatius Cocles ist eine der archetypischen Heldenerzählungen Roms: Ein Einzelner hält die Feinde auf, damit die anderen Zeit gewinnen. Livius gestaltet die Szene mit lebendigen Details – die fliehende Menge, die Beschwörung, der Befehl – und gibt Horatius eine letzte, fast theatralische Geste: Tum in caput pontis prōcessit. Die Kürze dieses Abschlusssatzes ist absichtsvoll: Nach allen Argumenten und Befehlen folgt die Tat, und sie braucht keine weiteren Worte. Das Motiv des Einzelnen, der die Gemeinschaft rettet, war für das römische Selbstbild zentral.

Übungsfragen

  1. Erkläre die Funktion des historischen Infinitivs in Z. 4–9. Warum verwendet Livius diese Form?
  2. Was ist der Inhalt der Rede des Horatius Cocles? Fasse ihn in zwei Sätzen zusammen.
  3. Bestimme die Konstruktion sī pontem ā tergō interrūperint … fore (Z. 5–6).
  4. Welche Wirkung hat der letzte Satz Tum in caput pontis prōcessit (Z. 9)?
  5. Welche Werte vermittelt diese Erzählung über den römischen Charakter (virtūs Rōmāna)?