Sallust, Bellum Catilinae 5

Die effictio – das literarische Charakterbild des Catilina · Schwierigkeit: schwer

Einleitung

Gaius Sallustius Crispus verfasste seine Coniurātiō Catilīnae als monographische Darstellung der Verschwörung des Lucius Sergius Catilina (63 v. Chr.). Kapitel 5 enthält die berühmte effictio – die literarische Charakterzeichnung – des Catilina. Sallust ist für seine gedrängte, archaisierte Prosa bekannt (brevitas Sallustiana): kurze Sätze, abrupte Übergänge, archaische Formen (fuēre statt fuērunt, capiundae statt capiendae). Das macht diesen Text für die Latinums-Prüfung besonders anspruchsvoll.

Quelle: Sallust, Bellum Catilinae (= Coniurātiō Catilīnae), caput V. Gemeinfreie Edition (The Latin Library).

Lateinischer Text

1 L. Catilīna, nōbilī genere nātus, fuit magnā vī et animī et corporis, 2 sed ingeniō malō prāvōque. Huic ab adulescentiā bella intestīna, caedēs, 3 rapīnae, discordia cīvīlis grāta fuēre; ibīque iuventūtem suam exercuit. 4 Corpus patiēns inediae, algōris, vigiliae suprā quam cuiquam crēdibile 5 est. Animus audāx, subdolus, varius, cuius reī libet simulātor ac 6 dissimulātor; aliēnī appetēns, suī profūsus; ārdēns in cupiditātibus; 7 satis ēloquentiae, sapientiae parum. Vastus animus immoderāta, 8 incrēdibilia, nimis alta semper cupiēbat. Hunc post dominatiōnem L. 9 Sullae lubīdō maxima invāserat reī pūblicae capiundae; neque id quibus 10 modīs adsequerētur, dum sibi rēgnum parāret, quicquam pēnsī habēbat.

Wortschatz-Hilfen

WortFormBedeutung
nōbilī genere nātusAbl. Qualitatis + PPPaus adligem Geschlecht geboren
intestīnusAdj.innerlich, im Inneren; bella intestīna = Bürgerkriege
fuēre3. Pl. Perf. (esse), archaisiertwaren (= klassisch fuērunt)
inediaGen. Sg. f.Hunger, Nahrungsentzug
algōrGen. Sg. m.Kälte, Frost
subdolusAdj.hinterlistig, arglistig
aliēnī appetēnsGen. + Part.begierig auf fremdes Gut (Gen. obj.)
capiundaeGerundiv Gen. Sg. f., archaischzu ergreifenden (= klass. capiendae)
quicquam pēnsī habēbatIdiomhielt irgendetwas für wert = „machte sich Gedanken"

Grammatische Hinweise

Übersetzungen

Wörtliche Übersetzung

„Lucius Catilina, aus adligem Geschlecht geboren, besaß großer Kraft sowohl des Geistes als auch des Körpers, aber ein schlechtes und verdorbenes Naturell. Ihm waren von Jugend auf Bürgerkriege, Mord, Raub und innerer Zwist willkommen; dort übte er seine Jugend aus. Sein Körper (war) ausdauernd gegen Hunger, Kälte und Schlaflosigkeit, über das hinaus, was irgendjemandem glaublich ist. Sein Geist (war) kühn, hinterlistig, wandelbar, zu allem Heucheln und Verbergen fähig; begierig auf fremdes Gut, verschwenderisch mit eigenem; brennend in seinen Begierden; Redegewandtheit genug, an Weisheit zu wenig. Sein maßloser Geist strebte stets nach Übermäßigem, Unglaublichem, allzu Hohem. Nach der Alleinherrschaft des Sulla hatte ihn eine sehr starke Begierde gepackt, den Staat zu ergreifen; und darüber, mit welchen Mitteln er dieses Ziel erreichen sollte, so lange er sich die Herrschaft verschaffte, machte er sich überhaupt keine Gedanken."

Idiomatische Übersetzung

„Lucius Catilina entstammte adligem Geschlecht und vereinte große Kraft des Geistes wie des Körpers in sich – aber mit einem verdorbenen und niederträchtigen Charakter. Bürgerkrieg, Mord, Raub und innerer Aufruhr waren ihm von Jugend an willkommen; in dieser Schule bildete er sich heran. Seinen Körper härtete er gegen Hunger, Kälte und Schlafentzug in einem Maß, das kaum für möglich gehalten werden konnte. Sein Geist war kühn, hinterlistig und unbeständig – fähig, alles zu simulieren und zu verbergen; gierig auf fremdes Gut, mit eigenem verschwenderisch; entflammt von Leidenschaften; Zunge hatte er genug, an Urteilsvermögen fehlte es ihm. Sein maßloser Ehrgeiz verlangte stets nach dem Unmäßigen, Unglaublichen, Überhöhten. Nach der Diktatur des Sulla war in ihm die mächtige Begierde aufgeflackert, den Staat in seine Gewalt zu bringen – und über die Mittel dachte er gar nicht nach, solange er nur die Alleinherrschaft erlangte."

Interpretation

Sallusts Charakterbild des Catilina ist eine meisterhafte effictio: eine systematische Beschreibung des Äußeren und Inneren einer Person. Sallust arbeitet mit Antithesen (aliēnī appetēns, suī profūsus; satis ēloquentiae, sapientiae parum), Ellipsen und archaischen Formen. Das Porträt ist bewusst ambivalent: Catilina ist zerstörerisch, aber auch großartig – ein Monster mit Energie und Begabung. Diese Ambivalenz macht ihn literarisch faszinierend und historisch plausibel. Sallust selbst hatte in der späten Republik ähnlich turbulente Erfahrungen gemacht; sein Porträt ist daher auch eine Reflexion über Korruption und Verfall der republikanischen Werte.

Übungsfragen

  1. Warum ist fuēre (Z. 3) eine archaische Form? Wie lautet die klassische Entsprechung?
  2. Erkläre die Ellipse in Corpus patiēns … Animus audāx (Z. 4–6). Welches Verb ist ausgelassen?
  3. Bestimme aliēnī und suī in Z. 6 grammatisch. Was ist ihr Bezug?
  4. Was bedeutet die idiomatische Wendung quicquam pēnsī habēbat (Z. 9–10)?
  5. Welche zwei Eigenschaften des Catilina erscheinen dir als die verhängnisvollsten? Begründe deine Antwort mit dem Text.