Sallust, Bellum Catilinae 5
Die effictio – das literarische Charakterbild des Catilina · Schwierigkeit: schwer
Einleitung
Gaius Sallustius Crispus verfasste seine Coniurātiō Catilīnae als monographische Darstellung der Verschwörung des Lucius Sergius Catilina (63 v. Chr.). Kapitel 5 enthält die berühmte effictio – die literarische Charakterzeichnung – des Catilina. Sallust ist für seine gedrängte, archaisierte Prosa bekannt (brevitas Sallustiana): kurze Sätze, abrupte Übergänge, archaische Formen (fuēre statt fuērunt, capiundae statt capiendae). Das macht diesen Text für die Latinums-Prüfung besonders anspruchsvoll.
Quelle: Sallust, Bellum Catilinae (= Coniurātiō Catilīnae), caput V. Gemeinfreie Edition (The Latin Library).
Lateinischer Text
Wortschatz-Hilfen
| Wort | Form | Bedeutung |
|---|---|---|
| nōbilī genere nātus | Abl. Qualitatis + PPP | aus adligem Geschlecht geboren |
| intestīnus | Adj. | innerlich, im Inneren; bella intestīna = Bürgerkriege |
| fuēre | 3. Pl. Perf. (esse), archaisiert | waren (= klassisch fuērunt) |
| inedia | Gen. Sg. f. | Hunger, Nahrungsentzug |
| algōr | Gen. Sg. m. | Kälte, Frost |
| subdolus | Adj. | hinterlistig, arglistig |
| aliēnī appetēns | Gen. + Part. | begierig auf fremdes Gut (Gen. obj.) |
| capiundae | Gerundiv Gen. Sg. f., archaisch | zu ergreifenden (= klass. capiendae) |
| quicquam pēnsī habēbat | Idiom | hielt irgendetwas für wert = „machte sich Gedanken" |
Grammatische Hinweise
- fuit magnā vī … animī et corporis (Z. 1): Ablātīvus qualitātis – Beschreibung durch Eigenschaftsablativ: „besaß große Kraft sowohl des Geistes als auch des Körpers".
- grāta fuēre (Z. 3): Archaische Perfektform – fuēre für klassisches fuērunt; typisch sallustianisch, nach Vorbild von Cato.
- Corpus patiēns … Animus audāx (Z. 4–6): Asyndetische Nominalsätze ohne Verbum (est/erat ausgelassen) – Ellipse; charakteristisches Mittel des sallustianischen Stils für komprimierte Charakteristik.
- aliēnī appetēns, suī profūsus (Z. 6): Genitīvus obiectīvus bei Adjektiven – „begierig nach fremdem Gut, verschwenderisch mit eigenem".
- reī pūblicae capiundae (Z. 9): Gerundivum im Genitiv (archaische Form capiundae statt capiendae) – „den Staat in die Hand zu nehmen" (Absicht).
- quicquam pēnsī habēbat (Z. 9–10): Idiomatische Wendung – alicuius reī pēnsum habēre = „etwas für wert halten, sich etwas abwägen" → negiert: „er machte sich keine Gedanken darüber".
Übersetzungen
Wörtliche Übersetzung
„Lucius Catilina, aus adligem Geschlecht geboren, besaß großer Kraft sowohl des Geistes als auch des Körpers, aber ein schlechtes und verdorbenes Naturell. Ihm waren von Jugend auf Bürgerkriege, Mord, Raub und innerer Zwist willkommen; dort übte er seine Jugend aus. Sein Körper (war) ausdauernd gegen Hunger, Kälte und Schlaflosigkeit, über das hinaus, was irgendjemandem glaublich ist. Sein Geist (war) kühn, hinterlistig, wandelbar, zu allem Heucheln und Verbergen fähig; begierig auf fremdes Gut, verschwenderisch mit eigenem; brennend in seinen Begierden; Redegewandtheit genug, an Weisheit zu wenig. Sein maßloser Geist strebte stets nach Übermäßigem, Unglaublichem, allzu Hohem. Nach der Alleinherrschaft des Sulla hatte ihn eine sehr starke Begierde gepackt, den Staat zu ergreifen; und darüber, mit welchen Mitteln er dieses Ziel erreichen sollte, so lange er sich die Herrschaft verschaffte, machte er sich überhaupt keine Gedanken."
Idiomatische Übersetzung
„Lucius Catilina entstammte adligem Geschlecht und vereinte große Kraft des Geistes wie des Körpers in sich – aber mit einem verdorbenen und niederträchtigen Charakter. Bürgerkrieg, Mord, Raub und innerer Aufruhr waren ihm von Jugend an willkommen; in dieser Schule bildete er sich heran. Seinen Körper härtete er gegen Hunger, Kälte und Schlafentzug in einem Maß, das kaum für möglich gehalten werden konnte. Sein Geist war kühn, hinterlistig und unbeständig – fähig, alles zu simulieren und zu verbergen; gierig auf fremdes Gut, mit eigenem verschwenderisch; entflammt von Leidenschaften; Zunge hatte er genug, an Urteilsvermögen fehlte es ihm. Sein maßloser Ehrgeiz verlangte stets nach dem Unmäßigen, Unglaublichen, Überhöhten. Nach der Diktatur des Sulla war in ihm die mächtige Begierde aufgeflackert, den Staat in seine Gewalt zu bringen – und über die Mittel dachte er gar nicht nach, solange er nur die Alleinherrschaft erlangte."
Interpretation
Sallusts Charakterbild des Catilina ist eine meisterhafte effictio: eine systematische Beschreibung des Äußeren und Inneren einer Person. Sallust arbeitet mit Antithesen (aliēnī appetēns, suī profūsus; satis ēloquentiae, sapientiae parum), Ellipsen und archaischen Formen. Das Porträt ist bewusst ambivalent: Catilina ist zerstörerisch, aber auch großartig – ein Monster mit Energie und Begabung. Diese Ambivalenz macht ihn literarisch faszinierend und historisch plausibel. Sallust selbst hatte in der späten Republik ähnlich turbulente Erfahrungen gemacht; sein Porträt ist daher auch eine Reflexion über Korruption und Verfall der republikanischen Werte.
Übungsfragen
- Warum ist fuēre (Z. 3) eine archaische Form? Wie lautet die klassische Entsprechung?
- Erkläre die Ellipse in Corpus patiēns … Animus audāx (Z. 4–6). Welches Verb ist ausgelassen?
- Bestimme aliēnī und suī in Z. 6 grammatisch. Was ist ihr Bezug?
- Was bedeutet die idiomatische Wendung quicquam pēnsī habēbat (Z. 9–10)?
- Welche zwei Eigenschaften des Catilina erscheinen dir als die verhängnisvollsten? Begründe deine Antwort mit dem Text.