Klausur 3 – Cicero, De amicitia

Schwierigkeitsgrad: mittel · Erlaubte Hilfsmittel: nur Stowasser (gedruckt) · Bearbeitungszeit: 2 Stunden

Kontext

Ciceros Dialog Laelius de amicitia (44 v. Chr.) ist das bedeutendste antike Werk über Freundschaft. Im fingierten Gespräch lässt Cicero den älteren Laelius über die Natur wahrer Freundschaft nachdenken. Der Auszug aus § 20 und § 27 definiert Freundschaft und stellt ihre Bedingungen dar. Der Text ist für das Latinum besonders geeignet, weil er philosophische Fachsprache mit elegantem Periodenbau verbindet.

Quelle: Cicero, Laelius de amicitia, §§ 20 und 27 (Auszug, leicht gekürzt). Gemeinfreie Edition.

Aufgabe

Übersetze den folgenden Text vollständig und möglichst idiomatisch ins Deutsche. Bearbeitungszeit: 2 Stunden. Erlaubte Hilfsmittel: nur der gedruckte Stowasser.

Est enim amicitia nihil aliud nisi omnium divinarum humanarumque rerum cum benevolentia et caritate consensio; qua quidem haud scio an, excepta sapientia, nil melius homini sit a dis immortalibus datum. Divitias alii praeponunt, bonam alii valetudinem, alii potentiam, alii honores, multi etiam voluptates. Belluarum hoc quidem extremum, illa autem superiora caduca et incerta, posita non tam in consiliis nostris quam in fortunae temeritate. Qui autem in virtute summum bonum ponunt, praeclare illi quidem, sed haec ipsa virtus amicitiam et gignit et continet nec sine virtute amicitia esse ullo modo potest. Virtutem autem ipsam volumus intellegi ut eam quam coluerunt M. Porcius Cato et C. Laelius – quorum in vita facilius quod laudandum est imitari possumus quam eloqui.

Wichtig: Die Musterübersetzung erst nach Fertigstellung der eigenen Übersetzung aufklappen.

Musterübersetzung

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Freundschaft nämlich ist nichts anderes als Übereinstimmung in allen göttlichen und menschlichen Dingen mit Wohlwollen und Zuneigung; von dieser weiß ich nicht, ob dem Menschen von den unsterblichen Göttern außer der Weisheit etwas Besseres gegeben worden ist. Reichtümer ziehen die einen vor, andere gute Gesundheit, andere Macht, andere Ehrungen, viele sogar die Lust. Das Letzte entspricht dem Wesen der Tiere, jene anderen Dinge aber sind vergänglich und unsicher, beruhen weniger auf unseren Überlegungen als auf der Unberechenbarkeit des Glücks. Diejenigen aber, die das höchste Gut in der Tugend sehen, haben recht; eben diese Tugend aber bringt die Freundschaft hervor und erhält sie, und ohne Tugend kann Freundschaft auf keine Weise bestehen. Die Tugend selbst aber wollen wir so verstehen, wie sie Marcus Porcius Cato und Gaius Laelius gelebt haben – in deren Leben wir das Lobenswerte leichter nachahmen als in Worte fassen können.

Anmerkungen:

  • nihil aliud nisi: „nichts anderes als" – feste Wendung
  • haud scio an: Formel für eine höfliche Behauptung – „ich weiß nicht, ob nicht …" = „es dürfte wohl so sein"
  • excepta sapientia: Ablativus absolutus mit Passivpartizip ohne Subjektwechsel (Ausnahme möglich bei Pronomina/Substantiven ohne Bezug zum HS)
  • Belluarum hoc quidem extremum: Ellipse von est – „Dies ist das Letzte der Tiere" = „Das entspricht tierischem Verhalten"
  • posita non tam … quam: non tam … quam – „nicht so sehr … als"