Klausur 4 – Plinius d. J., Epistulae VI,16

Schwierigkeitsgrad: mittel–schwer · Erlaubte Hilfsmittel: nur Stowasser (gedruckt) · Bearbeitungszeit: 2 Stunden

Kontext

Gaius Caecilius Secundus Plinius (ca. 61–113 n. Chr.), bekannt als Plinius der Jüngere, berichtet in diesem Brief an den Historiker Tacitus vom Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 n. Chr. und dem Tod seines Onkels, des Naturforschers Plinius d. Ä. Der Brief ist eines der wichtigsten Augenzeugenberichte der Antike und verbindet narrative Lebhaftigkeit mit komplex verschachtelten Perioden.

Quelle: Plinius Minor, Epistulae VI,16 (Auszug). Gemeinfreie Edition.

Aufgabe

Übersetze den folgenden Text vollständig und möglichst idiomatisch ins Deutsche. Bearbeitungszeit: 2 Stunden. Erlaubte Hilfsmittel: nur der gedruckte Stowasser.

Erat Miseni classemque imperio praesens regebat. Nonum kal. Septembres hora fere septima mater mea indicat ei apparere nubem inusitata et magnitudine et specie. Usus ille sole, mox frigida, gustaverat iacens studebatque; poscit soleas, ascendit locum ex quo maxime miraculum illud conspici poterat. Nubes – incertum procul intuentibus ex qua monte, Vesuvium fuisse postea cognitum est – oriebatur, cuius similitudinem et formam non alia magis arbor quam pinus expresserit. Nam longissimo velut trunco elata in altum quibusdam ramis diffundebatur, credo quia recenti spiritu evecta, dein senescente eo destituta aut etiam pondere suo victa in latitudinem vanescebat, candida interdum, interdum sordida et maculosa prout terram cineremve sustulerat.

Wichtig: Die Musterübersetzung erst nach Fertigstellung der eigenen Übersetzung aufklappen.

Musterübersetzung

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Er war in Misenum und befehligte die Flotte mit persönlicher Anwesenheit. Am neunten Tag vor den Kalenden des September, etwa um die siebte Stunde, zeigt meine Mutter ihm an, dass eine Wolke von ungewöhnlicher Größe und Gestalt erscheine. Er hatte sich nach einem Sonnenbad, dann einem Kaltbad, im Liegen gestärkt und studierte; er verlangt seine Sandalen, besteigt einen Ort, von dem aus jenes Wunderzeichen am besten gesehen werden konnte. Eine Wolke – unklar war es denen, die von weitem blickten, von welchem Berg sie aufstieg; dass es der Vesuv war, wurde später bekannt – stieg auf, deren Ähnlichkeit und Form kein anderer Baum mehr als eine Pinie zum Ausdruck brächte. Denn wie an einem sehr langen Stamm in die Höhe gehoben, breitete sie sich in gewissen Ästen aus, wie ich glaube, weil sie von frischem Hauch emporgetrieben, dann, als dieser nachließ, verlassen oder sogar von ihrem eigenen Gewicht bezwungen, sich in die Breite auflöste, bald weiß, bald schmutzig und fleckig, je nachdem sie Erde oder Asche aufgewirbelt hatte.

Anmerkungen zu Plinius-Besonderheiten:

  • Nonum kal. Septembres: Datumsangabe nach römischem Kalender – „9 Tage vor den Kalenden des September" = 24. August (79 n. Chr.)
  • Usus ille sole, mox frigida: Ablativus absolutus mit PPP; frigida steht für frigida aqua (Ellipse)
  • non alia magis arbor quam pinus expresserit: Potentialis im Konjunktiv Perfekt – „kein anderer Baum könnte … besser ausdrücken"
  • incertum procul intuentibus ex qua monte: indirekter Fragesatz eingebettet in Parenthese – typisch für die verschachtelten Perioden des Plinius
  • credo quia: Plinius verwendet credo quia für die subjektive Vermutung, klassisch wäre credo quod oder AcI
  • prout … sustulerat: prout + Plusquamperfekt – „je nachdem sie … aufgewirbelt hatte"