Cicero, Laelius dē amīcitiā §§ 20 und 27

Definition der Freundschaft und ihre Bedingungen · Schwierigkeit: mittel

Einleitung

Ciceros Dialog Laelius dē amīcitiā (44 v. Chr.) ist das bedeutendste antike Werk über Freundschaft. Im fingierten Gespräch lässt Cicero den älteren C. Laelius Sapiens über die Natur wahrer Freundschaft nachdenken, nachdem sein Freund Scipio Africanus gestorben ist. § 20 enthält die berühmte Definition der Freundschaft, § 27 stellt ihre Bedingungen dar. Der Text verbindet philosophische Fachsprache mit elegantem Periodenbau und ist für das Latinum besonders geeignet.

Quelle: Cicero, Laelius dē amīcitiā, §§ 20 und 27 (Auszug, leicht gekürzt). Gemeinfreie Edition (Perseus Digital Library).

Lateinischer Text

1 Est enim amīcitia nihil aliud nisi omnium dīvīnārum hūmānārumque 2 rērum cum benevolentiā et cāritāte cōnsēnsiō; quā quidem haud sciō an, 3 exceptā sapientiā, nil melius hominī sit ā dīs immortālibus datum. 4 Dīvitiās aliī praepōnunt, bonam aliī valētūdinem, aliī potentiam, aliī 5 honōrēs, multī etiam voluptātēs. Belluārum hoc quidem extrēmum, illa 6 autem superiōra cadūca et incerta, posita nōn tam in cōnsiliīs nostrīs 7 quam in fortūnae temeritāte. Quī autem in virtūte summum bonum pōnunt, 8 praeclārē illī quidem, sed haec ipsa virtūs amīcitiam et gignit et 9 continet nec sine virtūte amīcitia esse ūllō modō potest.

Wortschatz-Hilfen

WortFormBedeutung
cōnsēnsiōNom. Sg. f.Übereinstimmung, Einklang
benevolentiaNom./Abl. Sg. f.Wohlwollen, guter Wille
cāritāsNom./Abl. Sg. f.Zuneigung, Wertschätzung
haud sciō anFormel„ich weiß nicht, ob nicht …" = „es dürfte wohl so sein"
praepōnunt3. Pl. Präs. Akt.stellen vor, bevorzugen
belluārumGen. Pl. f. (bellua)der wilden Tiere (gen. qualitatis)
cadūcusAdj.vergänglich, hinfällig
temeritāsNom./Abl. Sg. f.Unberechenbarkeit, Willkür, Blindheit
gignit3. Sg. Präs. Akt. (gignere)erzeugt, bringt hervor

Grammatische Hinweise

Übersetzungen

Wörtliche Übersetzung

„Freundschaft nämlich ist nichts anderes als Übereinstimmung in allen göttlichen und menschlichen Dingen mit Wohlwollen und Zuneigung; von ihr weiß ich nicht, ob dem Menschen außer der Weisheit von den unsterblichen Göttern etwas Besseres gegeben worden sei. Reichtümer stellen die einen vor, andere gute Gesundheit, andere Macht, andere Ehrungen, viele sogar die Lust. Das Letzte ist das der wilden Tiere, jene anderen Dinge aber sind vergänglich und unsicher, beruhen nicht so sehr auf unseren Überlegungen als auf der Unberechenbarkeit des Glücks. Die aber, die das höchste Gut in der Tugend sehen, machen es trefflich; eben diese Tugend aber bringt die Freundschaft hervor und erhält sie, und ohne Tugend kann Freundschaft auf keine Weise bestehen."

Idiomatische Übersetzung

„Freundschaft ist nichts anderes als vollständige Übereinstimmung in allen Dingen, göttlich wie menschlich, verbunden mit Wohlwollen und herzlicher Zuneigung. Von ihr möchte ich behaupten, dass dem Menschen von den unsterblichen Göttern kaum etwas Besseres geschenkt worden ist als eben sie – die Weisheit vielleicht ausgenommen. Reichtum, Gesundheit, Macht, Ansehen, sogar sinnliche Lust – jeder zieht etwas anderes vor. Das Letzte ist das, was Tiere tun; die anderen Güter aber sind vergänglich und unsicher und hängen weniger von unserer Klugheit als von den Launen des Glücks ab. Wer das höchste Gut in der Tugend sieht, hat recht – aber eben die Tugend ist es, die Freundschaft erst erzeugt und erhält; ohne Tugend kann es Freundschaft gar nicht geben."

Interpretation

Cicero entwirft eine hierarchische Gütertabelle: Sinnliche Güter (Lust) stehen ganz unten, vergängliche Güter (Reichtum, Gesundheit, Macht) in der Mitte, Tugend und Freundschaft ganz oben. Dabei ist bemerkenswert, dass Freundschaft nicht einfach neben der Tugend steht, sondern aus ihr hervorgeht: Nur wer tugendreich ist, kann echte Freundschaft schließen. Cicero folgt hier stoisch-platonischen Gedanken, gibt ihnen aber eine persönliche, warmherzige Note. Der Dialog entstand kurz nach Caesars Ermordung (44 v. Chr.) – in einer Zeit politischer Unsicherheit, in der Cicero über das schrieb, was ihm selbst wichtig gewesen wäre: aufrichtige Freundschaft.

Übungsfragen

  1. Gib die Cicero-Definition der Freundschaft in eigenen Worten wieder.
  2. Erkläre die Formel haud sciō an. Warum ist sie trotz haud eine Behauptung?
  3. Was bedeutet Belluārum hoc quidem extrēmum (Z. 5)? Ergänze das fehlende Verb.
  4. Analysiere die Konstruktion posita nōn tam … quam (Z. 6–7) grammatisch.
  5. Welche Güter werden in Z. 4–5 aufgezählt? Ordne sie Ciceros Wertehierarchie zu.