Cicero, Dē officiīs I, §§ 20–22

Gesellschaftliche Bindung, Pflicht und die Grundlage der Gerechtigkeit · Schwierigkeit: mittel

Einleitung

Ciceros Dē officiīs (44 v. Chr.) ist das bedeutendste Werk zur antiken Ethik und Pflichtenlehre. In drei Büchern behandelt Cicero, was sittlich gut (honestum), was nützlich (ūtile) und was beides zusammen ist. Buch I, §§ 20–22 behandelt die Stufenleiter menschlicher Gemeinschaft: von der allgemeinen Menschheitsgemeinschaft über Volk und Sprache bis zur Familie. Zentral ist die Aussage, dass der Mensch nicht für sich allein, sondern für andere geboren ist.

Quelle: Cicero, Dē officiīs, liber I, §§ 20–22 (Auszug). Gemeinfreie Edition (Perseus Digital Library).

Lateinischer Text

1 Sed quoniam, ut praeclārē scrīptum est ā Platōne, nōn nōbīs sōlum 2 nātī sumus ortusque nostrī partem patria vindicat, partem amīcī, 3 atque, ut placet Stoicīs, quae in terrīs gignantur, ad ūsum hominum 4 omnia creārī, hominēs autem hominum causā esse generātōs, ut ipsī 5 inter sē aliī aliīs prōdesse possent – in hōc nātūrae duce sequī 6 dēbēmus commūnem utilitātem et inter sē dāre et accipere, et artibus, 7 studiīs, facultātibus nostrīs coniungere hominum societātem.

Wortschatz-Hilfen

WortFormBedeutung
vindicat3. Sg. Präs. Akt.beansprucht, fordert (für sich) ein
gignantur3. Pl. Präs. Konj. Pass.erzeugt werden, entstehen
generātōs (esse)PPP Akk. Pl. m. (AcI)geboren worden (zu sein)
prōdesseInf. Präs. Akt. (prōdesse + Dat.)nützen, von Nutzen sein
nātūrae duceAbl. abs.mit der Natur als Führerin / dem Rat der Natur folgend
commūnis utilitāsNom./Akk. Sg. f.gemeinsamer Nutzen, Gemeinwohl
coniungereInf. Präs. Akt.verbinden, zusammenhalten
societāsAkk. Sg. f.Gemeinschaft, gesellschaftliches Band

Grammatische Hinweise

Übersetzungen

Wörtliche Übersetzung

„Da aber, wie es treffend von Platon geschrieben wurde, wir nicht nur für uns selbst geboren sind und unsere Herkunft ein Teil dem Vaterland, ein Teil den Freunden beansprucht, und da, wie es die Stoiker meinen, alles, was auf Erden entsteht, zum Nutzen der Menschen erschaffen ist, die Menschen aber um der Menschen willen erzeugt wurden, damit sie einander wechselseitig nützen könnten – darin müssen wir der Natur als Führerin folgen, den gemeinsamen Nutzen geben und empfangen und durch unsere Fähigkeiten, unser Streben und unsere Talente die menschliche Gemeinschaft zusammenhalten."

Idiomatische Übersetzung

„Platon hat es treffend gesagt: Wir sind nicht allein für uns geboren – unser Dasein gehört zum Teil dem Vaterland, zum Teil unseren Freunden. Und nach stoischer Überzeugung ist alles, was auf der Erde gedeiht, zum Nutzen der Menschen geschaffen; die Menschen selbst aber sind füreinander da, damit sie sich gegenseitig helfen können. Darin müssen wir der Natur folgen: gemeinsamen Nutzen teilen, geben und nehmen, und durch unsere Kenntnisse, unser Engagement und unsere Fähigkeiten das Band der menschlichen Gemeinschaft festigen."

Interpretation

Cicero verbindet hier zwei philosophische Autoritäten – Platon und die Stoa – zu einer gemeinsamen Aussage: Der Mensch ist von Natur aus ein Gemeinschaftswesen. Das ist keine bloße Behauptung, sondern Grundlage der gesamten Pflichtenlehre: Wenn der Mensch für andere da ist, folgen daraus konkrete Pflichten (officia). Für Cicero, der diesen Text nach Caesars Ermordung und dem Zusammenbruch seiner politischen Welt schrieb, ist das auch eine persönliche Aussage: Es gibt Pflichten, die über das eigene Überleben hinausgehen. Dieser Text gehört zu den philosophisch dichtesten und sprachlich anspruchsvollsten Passagen für die Latinums-Prüfung.

Übungsfragen

  1. Welche zwei Autoritäten zitiert Cicero in diesem Abschnitt, und welche Aussagen werden ihnen zugeschrieben?
  2. Erkläre die Konstruktion nātūrae duce (Z. 5) grammatisch.
  3. Was bedeutet ortusque nostrī partem patria vindicat (Z. 2) inhaltlich?
  4. Zähle alle Infinitive im Text. Welche sind im AcI, welche stehen allein?
  5. Formuliere in einem Satz die Kernthese dieses Abschnitts.