Copernicus – Petitiones (De revolutionibus)

Drei kosmologische Grundsätze: Sonne als Weltmittelpunkt· Schwierigkeit: leicht

Einleitung

Nikolaus Kopernikus (1473–1543), polnisch-preußischer Domherr und Astronom, revolutionierte das Weltbild mit seiner These des heliozentrischen Systems. Sein Hauptwerk De revolutionibus orbium coelestium (Über die Umläufe der Himmelssphären), erschienen 1543 im Jahr seines Todes, markiert den Beginn der wissenschaftlichen Revolution.

Das Werk beginnt mit einer Reihe von Petitiones (Grundannahmen, Forderungen) – kurze Sätze, die die wesentlichen Thesen des helizentrischen Systems axiomatisch formulieren. Die drei hier vorliegenden Petitiones bilden den Kern des kopernikanischen Systems: Die Sonne steht im Mittelpunkt, die Erde kreist um die Sonne, der Mond kreist um die Erde.

Quelle: Originaltext: Editio princeps (Nürnberg 1543).

Lateinischer Text

Nicolaus Copernicus, De hypothesibus motuum caelestium

PRIMA PETITIO
Omnium orbium caelestium sive sphaerarum unum centrum
non esse.

SECUNDA PETITIO
Centrum terrae non esse centrum mundi,
sed tantum gravitatis et orbis Lunaris.

TERTIA PETITIO
Omnes orbes ambire Solem,
tanquam in medio omnium existentem,
ideoque circa Solem esse centrum mundi.

Wortschatz-Hilfen

LateinischDeutschHinweis
orbis, -is m.Kreis; Bahn; Himmelssphäreorbis caelestis = Himmelskreis, Planetenbahn
sphaera, -ae f.Kugel; Himmelsphäre
centrum, -ī n.Mittelpunkt, Zentrum
gravitās, -ātis f.Schwere, Schwerkraft; Schwerpunkthier: Erdmittelpunkt als Schwerpunkt
orbis LūnārisMondbahn, Mondsphäre
ambiō, -īreumgeben; umkreisen, umlaufen
tanquamgleichsam, wie wenn; da erhier kausal-prädikativ: „da er gleichsam in der Mitte steht"
existēns, -entisseiend, befindlichPartizip Präsens von existō
ideoqueund deshalb, daher
circā + Akk.um … herum, rings um
petītiō, -ōnis f.Forderung, Grundannahme; Axiommathematisch-logischer Fachbegriff
dē hypothesibusüber die Grundannahmengriech. hypothesis = Voraussetzung, These

Grammatische Hinweise

Übersetzung

Wörtlich

Erste Forderung: Dass es kein einziges Zentrum für alle Himmelskreise oder -sphären gibt.

Zweite Forderung: Dass das Zentrum der Erde nicht das Zentrum der Welt ist, sondern nur [das Zentrum] der Schwere und der Mondbahn.

Dritte Forderung: Dass alle Bahnen die Sonne umkreisen, da sie gleichsam in der Mitte von allem steht, und dass daher das Zentrum der Welt bei der Sonne ist.

Idiomatisch

1. Axiom: Es gibt kein einziges gemeinsames Zentrum aller Himmelskreise. 2. Axiom: Der Erdmittelpunkt ist nicht das Zentrum des Universums – er ist nur Schwerpunkt der Erde und Mittelpunkt der Mondbahn. 3. Axiom: Alle Planetenbahnen laufen um die Sonne, die gleichsam in der Mitte von allem steht. Deshalb ist das Zentrum des Universums die Sonne.

Übungsfragen

  1. Welche alte (geozentrische) Weltanschauung widerlegen diese drei Petitiones? Wie hat man vor Kopernikus das Weltall vorgestellt?
  2. Erklären Sie den Begriff petītiō in seiner wissenschaftshistorischen Bedeutung. Welche Beweisform setzt Copernicus damit ein?
  3. Was bedeutet die zweite Petitio: Der Erdmittelpunkt ist nur Zentrum der Schwerkraft und der Mondbahn? Was impliziert das für die Erde?
  4. Welche AcI-Konstruktionen finden sich in den Petitiones? Wie funktioniert der AcI als absoluter Satz?
  5. Welche historischen Folgen hatte das kopernikanische System für das Verhältnis von Wissenschaft und Kirche?