Fernberger von Eggenberg – Reisetagebuch (1588–1593)
Indienreise eines österreichischen Adligen – Beobachtungen zu Yogis und Tempeln· Schwierigkeit: mittel
Einleitung
Georg Christoph Fernberger von Eggenberg (1557–1620) war ein steirischer Adliger, der 1588–1593 als einer der ersten Österreicher eine Reise nach Indien unternahm. Seine Aufzeichnungen – auf Latein und Deutsch – sind ein einzigartiges frühneuzeitliches Zeugnis europäischer Indien-Wahrnehmung. Fernberger beschreibt Orte, Menschen und Religionen mit einer Mischung aus Staunen, Distanz und gelegentlichem Missverständnis.
Der vorliegende Abschnitt beschreibt seinen Besuch in Barkur (Barzelor) an der Malabarküste: ein großes Tempelheiligtum mit Tempelprostituierten und eine Gruppe von Yogis, deren Erscheinung und Praktiken ihn faszinierten. Fernberger vergleicht die Yogis mit den Pythagoräern – ein typisch humanistischer Deutungsversuch.
Quelle: Originaltext: Österreichische Nationalbibliothek Wien.
Lateinischer Text
Fernberger von Eggenberg, Reisetagebuch (Auswahl) Venimus in Barzelor, castrum Lusitanum, cui ad quattuor mille passus adiacet civitas magna paganorum, in qua fanum est maximum. Certis diebus convenit in hoc fano magnus numerus mulierum publicarum, quae omne lucrum, quod libidinosa venere faciunt, huic deo offerunt; atque ex hoc aluntur et omnibus ex hoc atrio victus praebetur. Vidi etiam sedentes in hoc atrio multos Yoges, qui sancti eorum sunt et proprium regem habent. Hi observant praecepta Pythagorae. Quibus certis horis silentium impositum est. Hi scribunt in arenam vel sparsas cineres. Prorsus autem nudi sunt toto corpore et discalceati ita, ut revera monstra naturae eminus appareant; praesertim cum illis horis, quibus silentium habent, tam immoti sedent, ut ne oculum movere videas. Ungues habent digitorum longissimos, barbas largas capillosque promissos, densos ac villosos. Toto corpore sunt incinerati, ut non homines vivi sed statuae magis appareant. Eorum quidam sunt, qui per integrum diem stantes solem ab ortu usque ad occasum fixis oculis intuentur.
Wortschatz-Hilfen
| Lateinisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| Lusitānus, -a, -um | portugiesisch | castrum Lusitānum = portugiesische Festung |
| adiacet | liegt benachbart, grenzt an | cuī adiacet = woran grenzt |
| mille passus | eine Meile (= ca. 1480 m) | ad quattuor mille passus = etwa vier Meilen entfernt |
| pāgānus, -ī m. | Heide, Nichtchrist | frühneuzeitlicher Begriff für Andersgläubige |
| fānum, -ī n. | Heiligtum, Tempel | |
| meretrix / mulier pūblica | Prostituierte | mulier pūblica = öffentliche Frau |
| lucrum, -ī n. | Gewinn, Verdienst | |
| libidinis | der Begierde, der Lust | libidīnōsa venēre = durch sinnliche Lust |
| alō, -ere | ernähren, unterhalten | ex hoc aluntur = davon werden sie unterhalten |
| ātrium, -ī n. | Vorhalle, Vorhof (hier: Tempelvorhof) | |
| victus, -ūs m. | Lebensunterhalt, Verpflegung | |
| Yoges | Yogis (Plural) | latinisierte Form des Sanskrit-Wortes |
| Pythagoras, -ae m. | Pythagoras (griech. Philosoph, 6. Jh. v. Chr.) | bekannt für Askese, Vegetarismus, Schweige-Praxis |
| praeceptum, -ī n. | Vorschrift, Gebot, Lehre | |
| silentium, -ī n. | Stille, Schweigen | silentium imponere = Schweigen auferlegen |
| arēna, -ae f. | Sand, Sandkampfbahn | |
| discalceātus, -a, -um | barfüßig | |
| monstrum nātūrae | Wunder / Ausnahmeerscheinung der Natur | hier: erschreckend fremdartig |
| ēminus | von weitem, aus der Ferne | |
| unguis, -is m. | Nagel (Finger-/Zehnagel) | |
| incinerātus, -a, -um | mit Asche bedeckt, aschegrau | Yogis rieben sich den Körper mit Asche ein |
| ab ortu usque ad occāsum | vom Aufgang bis zum Untergang (= von Sonnenaufgang bis -untergang) | |
| fixīs oculis intuentur | mit starrem Blick anschauen | fixus = unbewegt, starr |
Grammatische Hinweise
- Relativsatz zur Erläuterung: quae omne lucrum … huic deo offerunt – Relativsatz erläutert die mulierēs pūblicae.
- Quibus als Dativus commodi: quibus certis hōris silentium impositum est – „denen zu bestimmten Stunden Schweigen auferlegt ist".
- Konsekutivsatz mit ita ut: ita … ut revera monstra nātūrae ēminus appāreant – Folgesatz: „so, dass sie wirklich wie Wunder der Natur aus der Ferne erscheinen".
- Konsekutivsatz tam … ut ne: tam immōtī sedent, ut ne oculum movēre viderās – so unbeweglich sitzen sie, dass man sieht, dass sie nicht einmal das Auge bewegen.
- Partizip Präsens als Modaladverb: stantēs … intuentur – „sie schauen stehend" (Partizip drückt gleichzeitige Handlung aus).
- Vergleich mit ut … magis appāreant: ut non hominēs vīvī sed statuae magis appāreant – negativer Vergleich: sie erscheinen eher wie Statuen als wie lebende Menschen.
Übersetzung
Wörtlich
Wir kamen nach Barzelor, einer portugiesischen Festung, der etwa vier Meilen entfernt eine große Stadt der Heiden benachbart ist, in der sich ein sehr großes Heiligtum befindet. An bestimmten Tagen versammelt sich in diesem Tempel eine große Zahl von öffentlichen Frauen, die alle Verdienste, die sie durch sinnliche Liebe verdienen, diesem Gott opfern; und davon werden sie ernährt und allen aus diesem Vorhof wird der Lebensunterhalt gewährt.
Ich sah auch in diesem Vorhof viele Yogis sitzen, die ihre Heiligen sind und einen eigenen König haben. Diese beobachten die Lehren des Pythagoras. Ihnen ist zu bestimmten Stunden Schweigen auferlegt. Sie schreiben in den Sand oder in gestreute Asche. Sie sind aber vollständig nackt am ganzen Körper und barfüßig, so dass sie wirklich wie Wunder der Natur aus der Ferne erscheinen; besonders wenn sie zu den Stunden, in denen sie Schweigen halten, so unbeweglich sitzen, dass du siehst, dass sie nicht einmal das Auge bewegen. Sie haben sehr lange Fingernägel, breite Bärte und lange, dichte und zottige Haare. Am ganzen Körper sind sie mit Asche bedeckt, so dass sie nicht als lebende Menschen, sondern eher als Statuen erscheinen. Einige von ihnen gibt es, die den ganzen Tag stehend die Sonne von Aufgang bis Untergang mit starrem Blick anschauen.
Idiomatisch
Wir erreichten Barzelor, eine portugiesische Festung. Etwa vier Meilen davon entfernt liegt eine große Einheimischenstadt mit einem mächtigen Tempel. An bestimmten Tagen versammeln sich dort zahlreiche Tempelprostituierte, die ihren gesamten Verdienst dem Gott weihen – davon werden sie und alle im Tempelbereich ernährt. Im Tempelvorhof sah ich auch viele Yogis sitzen, die als Heilige verehrt werden und einen eigenen Fürsten haben. Sie befolgen die Lehren des Pythagoras: Zu bestimmten Stunden ist ihnen Schweigen auferlegt, und sie schreiben in Sand oder Asche. Ihr Körper ist vollständig nackt und mit Asche bedeckt – aus der Ferne wirken sie wie lebende Statuen, nicht wie Menschen. Besonders in ihren Schweigestunden sitzen sie so unbeweglich, dass man nicht einmal sieht, ob sie die Augen bewegen. Einige stehen den ganzen Tag und starren unverwandt der Sonne entgegen, von Aufgang bis Untergang.
Übungsfragen
- Welchen Vergleich zieht Fernberger für die Yogis, und was sagt das über den humanistischen Deutungsrahmen, mit dem er fremde Kulturen betrachtet?
- Analysieren Sie die Beschreibung der Yogis: Welche Aspekte betont Fernberger, und welche Wertung steckt in seiner Sprache?
- Erklären Sie die Konsekutivsätze im Text (ita ut … appāreant; tam immōtī … ut ne … viderās). Was drückt Fernberger damit über sein Staunen aus?
- Inwiefern ist Fernbergers Beschreibung ein Beispiel für das frühneuzeitliche Konzept des „Wunderbaren" (mirabilia) und der Beobachtung des Fremden?
- Vergleichen Sie Fernbergers Blick auf Indien mit Vespuccis Blick auf Amerika. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Wahrnehmungsweise finden sich?