Ficino – De Amore IV,1
Platons Symposion über die Macht des Eros – Renaissance-Philosophie· Schwierigkeit: mittel
Einleitung
Marsilio Ficino (1433–1499) war der bedeutendste Vertreter des Florentiner Neuplatonismus und Begründer der Platonischen Akademie in Florenz. Im Auftrag von Cosimo de' Medici übersetzte er sämtliche Werke Platons ins Lateinische – ein epochales Ereignis für die Renaissance-Philosophie.
Sein Werk De Amōre (1484) ist ein Kommentar zum Symposion Platons, in dem er Platons Lehre von Eros für ein renaissance-humanistisches Publikum aufbereitet. Der vorliegende Abschnitt (IV,1) basiert auf Platons Mythos aus dem Symposion (189c–193e), vorgetragen von Aristophanes: die Erzählung von den ursprünglich kugelförmigen, doppelten Menschen, die Zeus halbierte – und von der Liebe als dem Streben nach der verlorenen Einheit.
Quelle: Originaltext: Bibliotheca Augustana.
Lateinischer Text
Ficino, De Amore 4, 1 (nach Platons Symposion 190ff) Est Amor prae ceteris diis tutor hominum atque medicus. Oportet autem primum, qualis hominum quondam natura fuerit, animadvertere. Neque enim qualis nunc est olim erat, sed longe diversa. Principio tria hominum erant genera, non solum quae nunc duo, mas et femina, verum etiam tertium quoddam aderat ex utrisque compositum. Praeterea integra erat cuiusque hominis species atque rotunda. Masculinum genus sole genitum erat, femininum terra, luna promiscuum. Unde elato erant animo robustoque corpore. Quare cum diis pugnare tentabant. ... Ideo Iuppiter singulos in longum secuit, duosque fecit ex uno. ... Postquam natura hominum ita divisa fuit, quisque sui dimidium cupiebat. Igitur concurrebant iactisque circum brachiis se invicem complectabantur, redigi in priorem habitum affectantes. Propterea fame et torpore defecissent, nisi deus congressui modum imposuisset. Hinc mutuus hominibus innatus est amor, priscae naturae conciliator, volens unum ex duobus efficere hominumque naturae mederi. ... Quaerit autem sui quisque dimidium. Quotiens itaque dimidium suum alicui (cuiuscumque sexus avidus sit) occurrit, vehementissime concitatur, ardenti inhaeret amore neque momentum quidem patitur ab illo seiungi. Totius itaque reficiendi cupido nixusque amoris nomen accepit. Qui nos praesenti in tempore summopere iuvat, dum in sui dimidium olim amissum quemque conducit et in posterum spem summam inicit nobis deum pie colentibus in veterem figuram restituendo medendoque se nos beatissimos effecturum.
Wortschatz-Hilfen
| Lateinisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| tutor, -ōris m. | Beschützer, Hüter, Vormund | |
| animadvertō, -ere | beachten, bemerken; untersuchen | |
| prīncipiō | zu Beginn, anfangs | |
| mas, maris m. | das Männliche, Mann | |
| prōmiscuus, -a, -um | gemischt, aus beiden bestehend | das dritte Geschlecht: Androgyn |
| ēlātus, -a, -um | erhoben; hochmütig, überheblich | |
| secō, -āre, secuī | schneiden, durchschneiden | in longum secuit = der Länge nach durchschnitt |
| dīmidium, -ī n. | Hälfte | suī dīmidium = die eigene Hälfte |
| concurrō, -ere | zusammenlaufen, aufeinandertreffen | |
| complector, -ī | umschlingen, umarmen | |
| redigi in priorem habitum | in den früheren Zustand zurückgeführt zu werden | Inf. Pass. von redigō |
| affectō, -āre | streben nach, verlangen nach | |
| torpor, -ōris m. | Erstarrung, Taubheit; Untätigkeit | |
| congressus, -ūs m. | Zusammenkunft; (körperliche) Begegnung | |
| modus, -ī m. | Maß, Art, Weise | modum imponere = eine Regelung einführen |
| prīscus, -a, -um | alt, ursprünglich, uralt | |
| conciliātor, -ōris m. | Vermittler, Hersteller | |
| concitō, -āre | aufwiegeln; heftig erregen | |
| inhaeReō, -ēre | anhaften, festhalten an | |
| seiungo, -ere | trennen, scheiden | |
| nīxus, -ūs m. | Anstrengung, Streben, Drängen | |
| in veterem figuram restituere | in die ursprüngliche Gestalt wiederherstellen |
Grammatische Hinweise
- Oportet + AcI: oportet animadvertere – unpersönliches Verb + Infinitiv ohne Subjektakkusativ (wenn Subjekt = „man"/„wir").
- Ablativus absolutus: postquam nātūra hominum ita dīvīsa fuit – eigentlich kein echtes Abl. abs., sondern ein Temporalsatz; aber Ficino schreibt im Stil neuplatonischer Prosa mit häufigen Nebensatzkonstruktionen.
- Partizip Präsens als Attribut: volēns ūnum ex duōbus efficere – Partizip als prädikatives Attribut zu amor.
- Relativer Anschluss: quī nōs praesenti in tempore summopere iuvat – Relativsatz setzt das Thema amor fort.
- Gerundivum in finaler Funktion: in veterem figūram restituendō medendōque – Gerundien im Ablativ als Mittel-/Zweckangabe: „durch die Wiederherstellung und Heilung".
- AcI nach inicit spem: spem inicit nōbīs … sē nōs bēātissimōs effectūrum – spe + AcI: die Hoffnung, dass … (Futurum AcI mit esse).
Übersetzung
Wörtlich
Die Liebe ist vor allen anderen Göttern der Beschützer und Arzt der Menschen. Man muss aber zunächst beachten, welche Art die Natur der Menschen einst hatte. Denn sie war nicht so, wie sie jetzt ist, sondern weit verschieden. Am Anfang gab es drei Geschlechter der Menschen, nicht nur die zwei, die es jetzt gibt, Mann und Frau, sondern auch ein drittes war vorhanden, aus beiden zusammengesetzt. Dazu war die Gestalt jedes Menschen ganz und kugelförmig. Das männliche Geschlecht war von der Sonne gezeugt, das weibliche von der Erde, das gemischte vom Mond. Daher waren sie hochgemut und kräftig am Körper. Deswegen versuchten sie, gegen die Götter zu kämpfen. … Deshalb schnitt Jupiter jeden der Länge nach durch und machte aus einem zwei. …
Nachdem die Natur der Menschen so geteilt worden war, begehrte jeder seine Hälfte. Also liefen sie aufeinander zu und umschlangen sich gegenseitig mit umgeworfenen Armen und strebten danach, in den früheren Zustand zurückgeführt zu werden. Daher wären sie vor Hunger und Erschöpfung umgekommen, wenn Gott den Zusammenkünften nicht ein Maß gesetzt hätte.
Daher wurde den Menschen die gegenseitige Liebe angeboren, die Versöhnerin der ursprünglichen Natur, die aus zweien eines machen und die Natur der Menschen heilen will. … Jeder sucht seine Hälfte. Sooft also seine Hälfte einem begegnet (mag er nach welchem Geschlecht auch immer begehren), wird er sehr heftig erregt, haftet in glühender Liebe an ihr und duldet nicht, auch nur für einen Augenblick von ihr getrennt zu sein. Die Begierde nach dem Ganzen und das Streben hat also den Namen „Liebe" erhalten. Diese hilft uns in der gegenwärtigen Zeit sehr, da sie jeden zu seiner einst verlorenen Hälfte führt, und bringt uns, die wir Gott fromm verehren, für die Zukunft die höchste Hoffnung ein, dass er uns durch Wiederherstellung der ursprünglichen Gestalt und Heilung höchst glücklich machen wird.
Idiomatisch
Die Liebe ist der höchste Beschützer und Arzt der Menschen. Um das zu verstehen, muss man wissen, wie die menschliche Natur einst war – sie war ganz anders als heute. Ursprünglich gab es drei Geschlechter: Mann, Frau und ein Drittes aus beiden gemischt. Jeder Mensch hatte eine kugelförmige, vollständige Gestalt. Sie waren kräftig und hochmütig und wagten es, gegen die Götter zu kämpfen. Deshalb spaltete Jupiter jeden der Länge nach – aus einem wurde zwei. Seitdem sucht jeder seine verlorene Hälfte. Sie rennen aufeinander zu, umarmen sich, wollen eins werden wie früher. Ohne eine göttliche Regelung wären sie vor Hunger und Erschöpfung gestorben. So wurde die gegenseitige Liebe in die Menschen gepflanzt – Heilmittel der ursprünglichen Natur, das aus zweien wieder eines machen will. Jeder sucht seine Hälfte – und wenn er sie findet, lässt er sie nie wieder los. Das ist die Liebe: das Verlangen nach Ganzheit. Und die Hoffnung, dass Gott uns eines Tages in unsere ursprüngliche Vollkommenheit wiederherstellen wird.
Übungsfragen
- Erklären Sie den Mythos der drei ursprünglichen Menschengeschlechter. Wozu dient dieser Mythos in der philosophischen Argumentation?
- Was bedeutet für Ficino / Platon „Liebe" (amor) in diesem Zusammenhang? Handelt es sich um eine kosmologische, psychologische oder theologische Kategorie?
- Analysieren Sie die Funktion Jupiters im Mythos: Warum ist die Spaltung notwendig, und welche positive Folge hat sie letztlich?
- Welche Bedeutung hat der Schlusssatz mit der Hoffnung auf Wiederherstellung (in veterem figūram restituendō)? Welche religiöse Dimension erhält die Liebe dadurch?
- Vergleichen Sie Ficinos Liebesbegriff mit dem des Ovid (Amores I,5): Welche fundamental unterschiedlichen Konzepte von Eros stehen einander gegenüber?