Galilei – Sidereus Nuncius (1610)

Der Mond und die Galaxien: Teleskopbeobachtungen· Schwierigkeit: mittel

Einleitung

Galileo Galilei (1564–1642), Mathematiker und Physiker in Padua und Florenz, war einer der Begründer der modernen experimentellen Naturwissenschaft. Im Herbst 1609 richtete er ein selbstgebautes Teleskop auf den Himmel und machte Beobachtungen, die das aristotelisch-ptolemäische Weltbild erschütterten: Der Mond war nicht glatt und vollkommen, die Milchstraße bestand aus unzähligen Einzelsternen, und um Jupiter kreisten vier Monde.

Den Bericht darüber veröffentlichte er 1610 in Venedig unter dem Titel Sidereus Nuncius (Der Sternenbote). Der vorliegende Text enthält zwei Kernaussagen: (1) Die Mondoberfläche ist rau und gebirgs-ähnlich; (2) die Milchstraße besteht aus unzähligen Sternen. Beides widersprach der aristotelischen Lehre, nach der die Himmelskörper vollkommene, glatte Kugeln sein mussten.

Quelle: Originaltext: Editio princeps (Venedig 1610).

Lateinischer Text

Galileo Galilei, Sidereus Nuncius (1610)

Der Mond

Ex iteratis inspectionibus in eam deducti sumus sententiam,
ut certo intelligamus, Lunae superficiem
non perpolitam et aequabilem esse,
ut magna philosophorum cohors de ipsa deque reliquis
corporibus caelestibus opinata est,
sed, contra, inaequalem, asperam,
cavitatibus tumoribusque confertam,
non secus ac ipsiusmet Telluris facies,
quae montium iugis valliumque profunditatibus
hinc inde distinguitur.

Die Galaxien

Est enim Galaxia nihil aliud, quam innumerarum
Stellarum coacervatim consitarum congeries:
in quamcumque enim regionem illius Perspicillum dirigas,
statim Stellarum ingens frequentia sese in conspectum profert,
quarum complures satis magnae ac valde conspicuae videntur;
sed exiguarum multitudo prorsus inexplorabilis est.

Wortschatz-Hilfen

LateinischDeutschHinweis
iterātus, -a, -umwiederholtex iterātīs inspectōnibus = durch wiederholte Beobachtungen
inspectio, -ōnis f.Betrachtung, Beobachtung
sententia, -ae f.Meinung, Überzeugung; Ergebnisin eam sententiam deductī sumus = wir gelangten zu der Überzeugung
perpolītus, -a, -umsehr glatt, hochpoliert
aequābilis, -egleichmäßig, eben, glatt
cohors, -rtis f.Kohorte; Schar, Gruppemagna philosophōrum cohors = die große Schar der Philosophen
opīnor, -ārīmeinen, glaubenopīnāta est = hat geglaubt/gemeint
contrāim Gegenteil; dagegenadversative Partikel
inaequālis, -eungleich, uneben, rau
asper, -era, -erumrau, schroff
cavitās, -ātis f.Höhlung, Vertiefung
tumor, -ōris m.Schwellung; Erhöhung, Hügel
confertus, -a, -umdicht besetzt/gefülltcavitatibus tumoribus confertam = voll von Tälern und Bergen
non secus acnicht anders als, genauso wie
Tellūs, -ūris f.die Erde (poetisch)
iugum, -ī n.Joch; Gebirgskamm, Gipfelreihe
hinc indehier und dort, überall
Galaxia, -ae f.Milchstraßegriech. galaktikos kyklos
coacervatimhaufenweise, angehäuft
conserō / consitusgesät, dicht gesätcōnsitārum = dicht angeordneter (Sterne)
congeriēs, -ēī f.Ansammlung, Masse, Haufen
perspicillum, -ī n.Teleskop (Galileis eigener Begriff)von perspiciō = durchsehen
frequentia, -ae f.Menge, Fülle; Gedränge
exiguus, -a, -umklein, winzig, gering
inexplōrābilis, -eunerforschbar, unermesslich

Grammatische Hinweise

Übersetzung

Wörtlich

Der Mond: Durch wiederholte Beobachtungen gelangten wir zu der Überzeugung, dass wir sicher verstehen, dass die Oberfläche des Mondes nicht glatt und gleichmäßig ist, wie die große Schar der Philosophen von ihr und den übrigen Himmelskörpern geglaubt hat, sondern im Gegenteil uneben, rau, voll von Höhlungen und Erhöhungen – nicht anders als die Fläche der Erde selbst, die durch Gebirgskämme und Taliefen hier und dort gegliedert ist.

Die Galaxien: Die Milchstraße ist nämlich nichts anderes als eine Ansammlung unzähliger, dicht gesäter Sterne: In welchen Bereich von ihr auch immer man das Teleskop richtet, sofort bietet sich eine gewaltige Fülle von Sternen dem Blick dar, von denen mehrere recht groß und sehr auffällig erscheinen; die Menge der kleinen aber ist schlechterdings unermesslich.

Idiomatisch

Nach wiederholten Beobachtungen kamen wir zu folgender Überzeugung: Die Mondoberfläche ist nicht glatt und gleichmäßig, wie die Philosophen seit jeher geglaubt haben – sie ist im Gegenteil uneben, rau, übersät von Tälern und Bergen, ganz wie die Erdoberfläche mit ihren Gebirgsketten und Tiefen. Die Milchstraße schließlich ist nichts anderes als eine Ansammlung unzähliger, dicht gedrängter Sterne: Wohin man das Teleskop auch richtet, bietet sich sofort eine gewaltige Sternenfülle – etliche sind groß und deutlich sichtbar, die Zahl der kleinen aber ist schlechthin unermesslich.

Übungsfragen

  1. Welches philosophische Dogma widerlegt Galilei mit seiner Mondbeschreibung? Erklären Sie die aristotelische Lehre von der Vollkommenheit der Himmelskreise.
  2. Welche Bedeutung hat der Vergleich des Mondes mit der Erde (non secus ac Telluris facies) für das damalige Weltbild?
  3. Analysieren Sie die rhetorische Struktur des ersten Abschnitts: Wie baut Galilei seine Argumentation mit Antithese und Vergleich auf?
  4. Was ist ein perspicillum? Warum ist Galileis Bezeichnung für das Teleskop bezeichnend für seinen Ansatz?
  5. Welche wissenschaftliche Methode wendet Galilei an (ex iterātīs inspectōnibus)? Inwiefern ist das eine neue, empirische Methode gegenüber der scholastischen Philosophie?