Institor – Malleus Maleficarum (1487)
Das Wesen der Dämonen – Hexenhammer Teil II· Schwierigkeit: mittel–schwer
Einleitung
Der Malleus Maleficarum (Hexenhammer, 1487) des Dominikanermönchs Heinrich Institor (Kramer, ca. 1430–1505) ist das berüchtigtste Hexerei-Handbuch des Spätmittelalters. Das Werk lieferte die theologisch-juristische Grundlage für Hexenprozesse in ganz Europa und erschien bis ins 17. Jahrhundert in zahlreichen Auflagen. Es gliedert sich in drei Teile: (I) Dämonologie und Hexerei, (II) Erscheinungsformen der Hexerei, (III) Prozessrecht.
Der vorliegende Abschnitt aus Teil II, Kapitel 4, befasst sich mit der Frage, wie Dämonen körperliche Erscheinungen annehmen können. Die Argumentation verbindet scholastische Philosophie (Aristoteles, Thomas von Aquin) mit der Vorstellung von Inkubus-Dämonen. Der Text ist ein Dokument des spätmittelalterlichen Weltbildes und der scholastischen Methode.
Quelle: Originaltext: Exemplar der Erstausgabe (Straßburg 1487).
Lateinischer Text
Malleus Maleficarum II, 4 – Das Wesen der Dämonen (fol. 53r) Dicendum, quod <daemon> aereum corpus assumit et quod aliquo modo est terrestre, inquantum habet terrae proprietatem per condensationem; quod sic declaratur: Nam quia aer (fol. 53v) in se non est figurabilis nisi per figurationem corporis alterius, in quo includitur, ideo oportet, quod aer ille sit aliquo modo inspissatus et ad proprietatem terrae accedens. Et hanc condensationem facere possunt daemones et animae separatae per vapores grossos ex terra elevatos et eos congregando et figurando. In quibus manent tamquam motores vitam illi corpori formaliter influentes. Sunt autem in suis assumptis et figuratis corporibus sicut nauta in navi, quam movit. ... (fol. 54r) Daemones carent pulmone et lingua, quam tamen artificiatam ostendere possunt sicut et dentes et labia. Unde non vere et proprie loqui possunt. Sed quia intelligunt et intellectum mentis exprimere volunt, id non per voces, sed per sonos, qui habent quandam similitudinem vocum, faciunt: aerem non respiratum et attractum, ut in hominibus, sed inclusum in corpore assumpto percutiunt. Nullo modo videt angelus malus per oculos corporis assumpti nec aliquid corporale ei deservit. Unde oculi eorum sunt depicti. Libenter autem sub his similitudinibus hominibus se offerunt, ut eis eorum proprietates, quas naturaliter habent (scilicet videre, audire et loqui), spiritualiter manifestent. Ideo in assumptis corporibus sicut similitudines membrorum habent, ita et similitudines operationum. Sichtbarer und unsichtbarer Inkubus (fol. 55v) Ad illud, an maleficae visibiliter vel invisibiliter huiusmodi spurcitias agant, dicendum, quantum experientia nos edocuit, quod licet semper visibiliter ex parte maleficae daemon incubus operetur … Tamen, quoad circumstantes, saepius ipsae maleficae supinae iacentes in agris seu silvis visae sunt et denudatae supra umbilicum et cruribus se agitantes (fol. 56r) daemonibus incubis invisibiliter, quoad circumstantes, cooperantibus. In fine actus vapor nigerrimus in longitudine hominis sursum a malefica in aerem elevabatur: sed hoc rarissime. ... Sed et hoc contigisse certum est, quod mariti interdum viderunt incubos daemones, quos tum non daemones sed viros putabant, cum eorum uxoribus talia peragere. Sed cum arma arriperent et transfodere volebant, subito daemon disparuit se invisibile faciendo.
Wortschatz-Hilfen
| Lateinisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| daemon, -onis m. | Dämon | griech. Lehnwort; im christl. Sinne böser Geist |
| aereus, -a, -um | aus Luft bestehend, luftig | |
| assumō, -ere | annehmen, auf sich nehmen | corpus assumere = einen Körper annehmen |
| condēnsātiō, -ōnis f. | Verdichtung, Verdickung | |
| figūrābilis, -e | formbar, gestaltbar | |
| inspissō, -āre | verdicken, eindicken | |
| vapor, -ōris m. | Dampf, Ausdunstung | |
| congregō, -āre | zusammenführen, ansammeln | |
| mōtor, -ōris m. | Beweger, Antreiber | Anspielung auf aristotelische Kosmologie |
| nauta in nāvī | Seemann im Schiff | scholastisches Bild: Seele/Dämon = Steuermann des Körpers |
| pulmō, -ōnis m. | Lunge | |
| artificiātus, -a, -um | künstlich hergestellt, nachgeahmt | |
| percutiō, -ere | schlagen; in Schwingung versetzen | aerem percutere = Luft in Schwingung versetzen = sprechen |
| dēpictus, -a, -um | gemalt, aufgemalt; nur äußerlich vorhanden | |
| malefica, -ae f. | Hexe | von malum facere = Böses tun |
| incubus, -ī m. | Inkubus (aufliegender Dämon) | angeblich schlafende Frauen heimsuchender Dämon |
| spurcitia, -ae f. | Schmutz, Unzucht, Unsauberkeit | |
| supīnus, -a, -um | auf dem Rücken liegend | |
| agitō, -āre | bewegen, schütteln; sich bewegen | |
| transfodio, -ere | durchstechen, durchbohren | |
| dispareo, -ēre | verschwinden |
Grammatische Hinweise
- Scholastischer Stil – dicendum quod: Die scholastische Disputation verwendet dicendum est, quod … als formelhaften Einleitungssatz für Thesen. Das ist eine typische mittellateinische Konstruktion, die vom klassischen dīcendum est + AcI abweicht.
- Inquantum: Mittellateinisches Wort für „insofern als, soweit" – nicht klassisch.
- Quod-Satz statt AcI: Im Mittellatein ersetzt quod + Indikativ häufig den klassischen AcI: dicendum quod daemon aereum corpus assumit statt daemonem aereum corpus assumere.
- Partizip als Mittel des Relativsatzes: assumptis et figūrātīs corporibus – Ablativ Plural eines Partizips Perfekt Passiv, häufig anstelle eines Relativsatzes.
- Indirekte Frage: ad illud, an maleficae … agant – an + Konjunktiv in indirekter Frage.
- Ablativus absolutus: arma arripientibus (impliziert) – der Text verwendet absolute Konstruktionen, die die Handlung begleiten.
Übersetzung
Wörtlich
Es ist zu sagen, dass ein Dämon einen Luftkörper annimmt und dass er in gewisser Weise erdartig ist, insofern er durch Verdichtung die Eigenschaft der Erde hat; was so erklärt wird: Da nämlich die Luft an sich nicht formbar ist außer durch die Formgebung eines anderen Körpers, in dem sie eingeschlossen ist, muss jene Luft in gewisser Weise verdichtet worden sein und sich der Eigenschaft der Erde nähern. Und diese Verdichtung können Dämonen und abgetrennte Seelen durch grobe Ausdünstungen, die von der Erde aufsteigen, und durch deren Zusammenführen und Formen bewirken. In diesen verbleiben sie wie Beweger und geben jenem Körper das Leben formal ein. In ihren angenommenen und geformten Körpern verhalten sie sich aber wie ein Seemann im Schiff, das er lenkt.
Dämonen besitzen keine Lunge und keine Zunge, können aber eine künstliche vorweisen, ebenso wie Zähne und Lippen. Daher können sie nicht wirklich und eigentlich sprechen. Da sie aber verstehen und den Gedanken des Geistes ausdrücken wollen, tun sie das nicht durch Stimmen, sondern durch Töne, die eine gewisse Ähnlichkeit mit Stimmen haben: Sie erschüttern die Luft – nicht durch Einatmen und Ausatmen wie beim Menschen, sondern die im angenommenen Körper eingeschlossene.
Idiomatisch
Dämonen nehmen einen Luftkörper an, der durch Verdichtung eine gewisse Erdnatur bekommt – denn Luft allein kann keine Form annehmen, wenn sie nicht eingeschlossen ist. Dämonen verdichten grobe Erdausdünstungen und formen sie zu Körpern, in denen sie dann wie ein Steuermann im Schiff verbleiben. Diese Körper haben zwar Augen, Mund und Gliedmaßen – aber nur scheinbar: Die Augen sind nur gemalt, die Zunge nur künstlich. Sprechen können sie trotzdem, indem sie die eingeschlossene Luft in Schwingung versetzen. Zur Frage der Inkubus-Dämonen: Es hat sich als Tatsache erwiesen, dass Ehemänner manchmal Inkubus-Dämonen bei ihren Frauen sahen – die sie zunächst für Menschen hielten. Als sie aber zu den Waffen greifen wollten, war der Dämon plötzlich verschwunden.
Übungsfragen
- Welche philosophischen Konzepte (Aristoteles, scholastische Philosophie) stecken hinter der Erklärung des Dämonenkörpers aus verdichteter Luft?
- Analysieren Sie das Bild des Seemanns im Schiff (nauta in nāvī). Welche philosophische Tradition verwendet dieses Bild?
- Welche Sprachmerkmale zeigen, dass dieser Text mittellateinisch ist? Nennen Sie mindestens drei Abweichungen vom klassischen Latein.
- Inwiefern kombiniert der Hexenhammer theologische, naturphilosophische und juridische Argumente? Was sagt das über das Weltbild des Spätmittelalters?
- Diskutieren Sie den historischen Kontext: Welche gesellschaftlichen Ängste und Machtstrukturen spiegeln sich im Malleus Maleficarum wider?