Poliziano & Bembo – Humanisten-Epigramme

Lateinische Grabinschriften auf Giotto und Raphael· Schwierigkeit: leicht

Einleitung

Die Renaissance-Humanisten sahen in der lateinischen Sprache das Medium höchster kultureller Ausdruckskraft. Grabinschriften und Epigramme auf Künstler wurden zu einem eigenen Genre: Sie verbanden antike Dichtungsformen (Distichon, Epigramm) mit dem Stolz auf die wiedergewonnene Kunst.

Quelle: Originaltexte: Inschriften in situ.

Lateinische Texte

Poliziano – Epitaph für Giotto (Florenz, Dom)

Ille ego sum, per quem pictura extincta revixit,
  cui quam recta manus tam fuit et facilis.
Naturae deerat, nostrae quod defuit arti,
  plus licuit nulli pingere nec melius.
Miraris turrem egregiam, sacro aere sonantem?
  Haec quoque de modulo crevit ad astra meo.
Denique, sum Ioctus. Quid opus fuit illa referre?
  Hoc nomen longi carminis instar erat.

Bembo – Epitaphium in Raphaelem Sanctium Urbinatem (Rom, Pantheon)

Ille hic est Raphael, timuit quo sospite vinci
  rerum magna parens et moriente mori.

Wortschatz-Hilfen

LateinischDeutschHinweis
per quemdurch den, durch dessen ZutunRelativsatz mit Kausalfunktion
pictūra extīncta revixitdie erloschene Malerei lebte wieder aufKernaussage: Giotto hat die (antike) Malerei neu belebt
recta … et facilissicher und gewandtAttribute zur Hand (manus) = kunstfertige Hand
nātūrae dēerat, nostrae quod dēfuit artider Natur fehlte, was unserer Kunst abgingparadoxe Aussage: Kunst übertrifft Natur
nūllī licuit … nec meliusniemand durfte/konnte besser malen
mīrārisbewunderst du? (2. Sg. Präs.)Anrede an den Leser der Inschrift
turris egrēgiader prächtige Turm= Campanile, den Giotto begann zu bauen
sacer aēsheiliges Erz = Glocken
modulus, -ī m.Maßstab; Entwurf, Skizzedē modulō meō = nach meinem Entwurf
IoctusGiotto (latinisiert)mittellateinische Namensform
instar (indekl.)soviel wie; an Stelle von; gleichbedeutend mitlongi carminis instar erat = sein Name war so viel wie ein langes Gedicht
sospiteAblativ von sospes = am Leben; gesundAblativus absolutus
rerum magna parensdie große Mutter der Dinge = die NaturParaphrase für Nātūra
timuit vinci / timuit morisie fürchtete besiegt zu werden / sie fürchtete zu sterbenInf. als Objekt zu timuit
morientewährend er stirbt / sterbendAblativus absolutus

Grammatische Hinweise

Übersetzung

Poliziano – Giotto (wörtlich)

Jener bin ich, durch den die erloschene Malerei wieder auflebte, dessen Hand ebenso sicher wie gewandt war. Der Natur fehlte, was unserer Kunst abging; niemand durfte besser oder mehr malen. Du bewunderst den prächtigen Turm, der mit heiligem Erz erklingt? Auch dieser wuchs nach meinem Entwurf zu den Sternen empor. Kurz gesagt: Ich bin Giotto. Was brauchte man das erst zu erwähnen? Dieser Name war so viel wie ein langes Gedicht.

Bembo – Raphael (wörtlich)

Hier liegt Raphael – während er lebte, fürchtete die große Mutter der Dinge besiegt zu werden; als er starb, fürchtete sie selbst zu sterben.

Bembo – Raphael (idiomatisch)

Hier ruht Raphael. Solange er lebte, fürchtete die Natur selbst, von ihm übertroffen zu werden. Als er starb, fürchtete sie, mit ihm zu sterben.

Übungsfragen

  1. Welchen Anspruch erhebt Poliziano für Giotto mit der Formulierung pictūra extīncta revixit? Was sagt das über das Kunstverständnis der Renaissance?
  2. Analysieren Sie den Schlusssatz des Giotto-Epigramms: Hoc nōmen longi carminis instar erat. Welche Aussage trifft Poliziano über Ruhm und Namen?
  3. Erklären Sie den Ablativus absolutus im Bembo-Epigramm: timuit, quō sospite, vinci … moriente mori. Welche grammatische Funktion hat er hier?
  4. Das Bembo-Epigramm ist eines der kürzesten und wirkungsvollsten Epitaphe der Renaissance. Warum ist es so wirkungsvoll? Analysieren Sie Inhalt, Form und Stil.
  5. Welche antiken Vorbilder stecken hinter diesen humanistischen Epigrammen? Vergleichen Sie mit einem antiken Grabgedicht (z. B. Catullus 101).