Poliziano & Bembo – Humanisten-Epigramme
Lateinische Grabinschriften auf Giotto und Raphael· Schwierigkeit: leicht
Einleitung
Die Renaissance-Humanisten sahen in der lateinischen Sprache das Medium höchster kultureller Ausdruckskraft. Grabinschriften und Epigramme auf Künstler wurden zu einem eigenen Genre: Sie verbanden antike Dichtungsformen (Distichon, Epigramm) mit dem Stolz auf die wiedergewonnene Kunst.
- Angelo Poliziano (1454–1494), Schüler des Ficino und Hausgelehrter der Medici, verfasste ein Epigramm auf Giotto di Bondone (ca. 1267–1337), den Begründer der neuzeitlichen Malerei. Das Epigramm steht auf Giottos Grabstein im Dom von Florenz.
- Pietro Bembo (1470–1547), venezianischer Humanist und Kardinal, schrieb das berühmte Epitaph für Raffaello Sanzio (Raphael, 1483–1520), das noch heute auf seiner Grabplatte im Pantheon in Rom zu lesen ist.
Quelle: Originaltexte: Inschriften in situ.
Lateinische Texte
Poliziano – Epitaph für Giotto (Florenz, Dom)
Ille ego sum, per quem pictura extincta revixit, cui quam recta manus tam fuit et facilis. Naturae deerat, nostrae quod defuit arti, plus licuit nulli pingere nec melius. Miraris turrem egregiam, sacro aere sonantem? Haec quoque de modulo crevit ad astra meo. Denique, sum Ioctus. Quid opus fuit illa referre? Hoc nomen longi carminis instar erat.
Bembo – Epitaphium in Raphaelem Sanctium Urbinatem (Rom, Pantheon)
Ille hic est Raphael, timuit quo sospite vinci rerum magna parens et moriente mori.
Wortschatz-Hilfen
| Lateinisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| per quem | durch den, durch dessen Zutun | Relativsatz mit Kausalfunktion |
| pictūra extīncta revixit | die erloschene Malerei lebte wieder auf | Kernaussage: Giotto hat die (antike) Malerei neu belebt |
| recta … et facilis | sicher und gewandt | Attribute zur Hand (manus) = kunstfertige Hand |
| nātūrae dēerat, nostrae quod dēfuit arti | der Natur fehlte, was unserer Kunst abging | paradoxe Aussage: Kunst übertrifft Natur |
| nūllī licuit … nec melius | niemand durfte/konnte besser malen | |
| mīrāris | bewunderst du? (2. Sg. Präs.) | Anrede an den Leser der Inschrift |
| turris egrēgia | der prächtige Turm | = Campanile, den Giotto begann zu bauen |
| sacer aēs | heiliges Erz = Glocken | |
| modulus, -ī m. | Maßstab; Entwurf, Skizze | dē modulō meō = nach meinem Entwurf |
| Ioctus | Giotto (latinisiert) | mittellateinische Namensform |
| instar (indekl.) | soviel wie; an Stelle von; gleichbedeutend mit | longi carminis instar erat = sein Name war so viel wie ein langes Gedicht |
| sospite | Ablativ von sospes = am Leben; gesund | Ablativus absolutus |
| rerum magna parens | die große Mutter der Dinge = die Natur | Paraphrase für Nātūra |
| timuit vinci / timuit mori | sie fürchtete besiegt zu werden / sie fürchtete zu sterben | Inf. als Objekt zu timuit |
| moriente | während er stirbt / sterbend | Ablativus absolutus |
Grammatische Hinweise
- Elegisches Distichon: Beide Epigramme sind in Hexameter + Pentameter verfasst – der klassischen Form des Epigramms seit Catull und Ovid.
- Ille ego-Formel: Ille ego sum – die berühmte Incipit-Formel, die auf Vergils Aeneis-Proömium anspielt. In der humanistischen Dichtung ist das eine bewusste Evokation antiker Autorität.
- Rhetorische Frage mit mīrāris: Vers 5 richtet sich direkt an den Passanten der Inschrift – ein typisches Element der Grabepigramm-Tradition.
- Ablativus absolutus im Bembo-Epigramm: quō sospite und moriente – zwei asyndetisch gereihte Ablative absoluti: „solange er lebte" und „als er starb".
- Prädikatives Particip: pictūra extīncta revixit – das Partizip extīncta ist prädikatives Attribut zu pictūra: „die Malerei, erloschen, lebte wieder auf".
- Chiasmus im Bembo-Epigramm: timuit vinci … timuit mori mit sospite … moriente – die Natur fürchtet Raphael lebend zu unterliegen und sterbend selbst zu sterben: klassischer Chiasmus.
Übersetzung
Poliziano – Giotto (wörtlich)
Jener bin ich, durch den die erloschene Malerei wieder auflebte, dessen Hand ebenso sicher wie gewandt war. Der Natur fehlte, was unserer Kunst abging; niemand durfte besser oder mehr malen. Du bewunderst den prächtigen Turm, der mit heiligem Erz erklingt? Auch dieser wuchs nach meinem Entwurf zu den Sternen empor. Kurz gesagt: Ich bin Giotto. Was brauchte man das erst zu erwähnen? Dieser Name war so viel wie ein langes Gedicht.
Bembo – Raphael (wörtlich)
Hier liegt Raphael – während er lebte, fürchtete die große Mutter der Dinge besiegt zu werden; als er starb, fürchtete sie selbst zu sterben.
Bembo – Raphael (idiomatisch)
Hier ruht Raphael. Solange er lebte, fürchtete die Natur selbst, von ihm übertroffen zu werden. Als er starb, fürchtete sie, mit ihm zu sterben.
Übungsfragen
- Welchen Anspruch erhebt Poliziano für Giotto mit der Formulierung pictūra extīncta revixit? Was sagt das über das Kunstverständnis der Renaissance?
- Analysieren Sie den Schlusssatz des Giotto-Epigramms: Hoc nōmen longi carminis instar erat. Welche Aussage trifft Poliziano über Ruhm und Namen?
- Erklären Sie den Ablativus absolutus im Bembo-Epigramm: timuit, quō sospite, vinci … moriente mori. Welche grammatische Funktion hat er hier?
- Das Bembo-Epigramm ist eines der kürzesten und wirkungsvollsten Epitaphe der Renaissance. Warum ist es so wirkungsvoll? Analysieren Sie Inhalt, Form und Stil.
- Welche antiken Vorbilder stecken hinter diesen humanistischen Epigrammen? Vergleichen Sie mit einem antiken Grabgedicht (z. B. Catullus 101).