Newton – Principia Mathematica (1687)
Physik und Theologie: Über die Ursache der Gravitation· Schwierigkeit: schwer
Einleitung
Isaac Newton (1643–1727) gilt als einer der bedeutendsten Naturwissenschaftler der Geschichte. Sein Hauptwerk Philosophiae Naturalis Principia Mathematica (Mathematische Grundlagen der Naturphilosophie, 1687) enthält das Gravitationsgesetz und die drei Newton'schen Axiome. Es ist das letzte bedeutende naturwissenschaftliche Werk, das auf Latein verfasst wurde.
Der vorliegende Schlussabsatz (aus dem „Generale Scholium" der 2. Auflage, 1713) ist philosophisch und theologisch bemerkenswert: Newton stellt fest, dass er zwar die Erscheinungen der Gravitation beschrieben, ihre Ursache aber nicht gefunden hat. Er lehnt Spekulationen (hypotheses non fingo) ab und deutet auf einen „subtilen Geist" (spiritus subtilissimus), der alle Materie durchdringt – manche sehen darin einen Vorläufer des Feldbegriffs. Zugleich bleibt Newton offen für eine theologische Deutung der Naturgesetze.
Quelle: Originaltext: Editio secunda (Cambridge 1713).
Lateinischer Text
Isaac Newton, Principia Mathematica (Generale Scholium, Auswahl) Hactenus phaenomena caelorum per vim gravitatis exposui, sed causam gravitatis nondum inveni. Sed satis est, quod gravitas revera existat, et agat secundum leges a nobis expositas, et ad corporum caelestium et maris nostri motus omnes sufficiat. Rationem vero harum gravitatis proprietatum ex phaenomenis nondum potui deducere. Et hypotheses non fingo; nam hypotheses seu metaphysicae in philosophia experimentali locum non habent. Adicere nunc possem nonnulla de spiritu quodam subtilissimo corpora crassa pervadente, et in iisdem latente, cuius vi et actionibus particulae corporum ad minimas distantias se mutuo attrahunt. Quo spiritu et lux emittitur, reflectitur, refringitur, inflectitur, et corpora calefacit. Et hoc spiritu sensatio omnis excitatur, et membra animalium ad voluntatem moventur, vibrationibus scilicet huius spiritus per nevrorum capillamenta ab externis sensuum organis ad cerebrum et a cerebro in musculos propagatis. Sed haec paucis exponi non possunt. Neque adest sufficiens copia experimentorum, quibus leges actionum huius spiritus accurate determinari et monstrari debent.
Wortschatz-Hilfen
| Lateinisch | Deutsch | Hinweis |
|---|---|---|
| hactenus | bisher, bis zu diesem Punkt | |
| phaenomenon, -ī n. | Erscheinung, Phänomen | griech. Lehnwort |
| gravitās, -ātis f. | Schwere, Schwerkraft | |
| expōnō, -ere | darlegen, erklären, auseinandersetzen | |
| revērā | tatsächlich, in Wirklichkeit, wirklich | |
| sufficiat | genügt, ausreicht | Konjunktiv in quod-Satz |
| ratiō, -ōnis f. | Vernunft; Begründung; Erklärung | |
| fingō, -ere | formen; erdichten; erfinden | hypothesēs nōn fingō = ich erdichte keine Hypothesen (berühmter Satz Newtons) |
| philosophia experimentālis | Experimentalphilosophie = Naturwissenschaft | Newtons Begriff für empirische Wissenschaft |
| addō / adiciō, -ere | hinzufügen | |
| subtīlissimus, -a, -um | feinstofflichst, allerfeinster | Superlativ von subtīlis |
| pervadō, -ere | durchdringen, durchziehen | |
| crassus, -a, -um | dick, grob; materiell-schwer | corpora crassa = grobe (feste) Körper |
| particula, -ae f. | kleines Teilchen, Partikel | |
| attrahō, -ere | anziehen, heranziehen | |
| emittō / reflectō / refringō / inflectō | aussenden / zurückwerfen / brechen / beugen | Lichtoptik: Emission, Reflexion, Refraktion, Beugung |
| calefaciō, -ere | erwärmen, erhitzen | |
| sensātiō, -ōnis f. | Wahrnehmung, Empfindung | |
| vibrātiō, -ōnis f. | Vibration, Schwingung | Newtons Begriff für Nervensignale |
| nervōrum capillāmenta | die feinen Nervenfasern | |
| propagātus, -a, -um | weitergeleitet, fortgeleitet | |
| determīnō, -āre | bestimmen, festlegen | |
| monstro, -āre | zeigen, beweisen, nachweisen |
Grammatische Hinweise
- Quod-Satz als Objekt (satis est quod): satis est, quod gravitās revērā existat – mittellateinische Konstruktion: satis est + quod-Satz (statt klassischem AcI): „Es genügt, dass die Schwerkraft wirklich existiert."
- Gerundivum in finalem Ablativ: quibus leges actionum … determinārī et monstrārī dēbent – Relativsatz mit Gerundivum: „durch welche die Gesetze … bestimmt und bewiesen werden müssen".
- Partizip Präsens als prädikatives Attribut: de spīritū … corpora crassa pervadente et in īsdem latente – zwei koordinierte Partizipien Präsens als Attribute zu spīritū.
- Ablativus instrumentalis: cuius vī et actiōnibus particulae … sē mūtuō attrahunt – „durch dessen Kraft und Wirkungen ziehen die Teilchen … sich gegenseitig an".
- Ablativus absolutus: vībrātiōnibus … huius spīritūs … propagātīs – Abl. abs. als Mittelangabe: „da/weil die Schwingungen … weitergeleitet werden".
Übersetzung
Wörtlich
Bis zu diesem Punkt habe ich die Erscheinungen des Himmels durch die Kraft der Schwerkraft erklärt, aber die Ursache der Schwerkraft habe ich noch nicht gefunden. Es genügt aber, dass die Schwerkraft wirklich existiert und nach den von uns dargelegten Gesetzen wirkt und für alle Bewegungen der Himmelskörper und unserer Meere ausreicht.
Die Erklärung dieser Eigenschaften der Schwerkraft aber konnte ich noch nicht aus den Erscheinungen ableiten. Und ich erdichte keine Hypothesen; denn Hypothesen, seien sie metaphysischer Art oder anderer Art, haben in der Experimentalphilosophie keinen Platz.
Ich könnte nun einiges hinzufügen über einen gewissen allerfeinsten Geist, der die groben Körper durchdringt und in ihnen verborgen ist, durch dessen Kraft und Wirkungen die Teilchen der Körper in kleinsten Abständen sich gegenseitig anziehen. Durch diesen Geist wird das Licht ausgesandt, zurückgeworfen, gebrochen, gebeugt und wärmt die Körper. Und durch diesen Geist wird alle Wahrnehmung erregt und die Glieder der Tiere werden nach dem Willen bewegt, durch Schwingungen nämlich dieses Geistes, die durch die feinen Nervenfasern von den äußeren Sinnesorganen zum Gehirn und vom Gehirn in die Muskeln weitergeleitet werden. Aber dies kann in Kürze nicht dargelegt werden. Und es ist nicht eine ausreichende Menge von Experimenten vorhanden, durch die die Gesetze der Wirkungen dieses Geistes genau bestimmt und bewiesen werden müssen.
Idiomatisch
Bislang habe ich die Himmelserscheinungen durch die Schwerkraft erklärt – doch die Ursache der Schwerkraft habe ich nicht gefunden. Es reicht, dass die Schwerkraft wirklich existiert und nach den beschriebenen Gesetzen wirkt. Eine Erklärung für ihre Eigenschaften konnte ich aus den Erscheinungen noch nicht ableiten. Und ich erfinde keine Hypothesen – weder metaphysische noch irgendwelche anderen. Sie haben in der experimentellen Naturwissenschaft keinen Platz. Ich könnte noch etwas hinzufügen über einen allerfeinsten Geist, der alle groben Körper durchdringt: durch ihn ziehen Teilchen einander an, wird Licht gebrochen und geworfen, entstehen Wärme und Wahrnehmung, bewegen sich die Glieder nach dem Willen des Lebewesens. Aber das lässt sich kurz nicht darlegen. Und es fehlen noch die Experimente, die seine Gesetze beweisen könnten.
Übungsfragen
- Was meint Newton mit dem berühmten Satz hypothesēs nōn fingō? Welches wissenschaftliche Programm steckt dahinter?
- Beschreiben Sie den spīritus subtilissimus: Was ist das nach Newton, und warum nennt er ihn nur andeutungsweise?
- Welche Erscheinungen erklärt Newton mit diesem spīritus (Licht, Wärme, Nerven)? Was haben diese Phänomene gemeinsam?
- Analysieren Sie den Konditionalsatz satis est, quod gravitās revērā existat: Warum reicht Newton das? Was sagt das über das Verhältnis von Beschreibung und Erklärung in der Wissenschaft?
- Newtons Werk ist das letzte große naturwissenschaftliche Werk in lateinischer Sprache. Was sagt das über die Rolle des Lateins als Wissenschaftssprache in der frühen Neuzeit?