Amerigo Vespucci – Mundus Novus (1503)

Bericht über die Entdeckung der Neuen Welt – Brasilienreise· Schwierigkeit: mittel–schwer

Einleitung

Amerigo Vespucci (1451–1512), florentinischer Kaufmann und Seefahrer im Dienste Portugals, unternahm zwischen 1499 und 1504 mehrere Reisen nach Südamerika. Sein Brief Mundus Novus (1503) – gerichtet an Lorenzo di Pier Francesco de' Medici – war ein europaweiter Bestseller und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Der Text gibt der „Neuen Welt" ihren Namen: Vespucci ist der erste, der explizit formuliert, dass die entdeckten Kontinente keine Teile Asiens sind, sondern eine völlig neue, unbekannte Landmasse.

Der Brief beschreibt die Menschen, Sitten und Bräuche der Einheimischen aus einer europäischen, kolonialen Perspektive. Der Text ist ein wichtiges Dokument der Entdeckungszeit und des frühneuzeitlichen Weltbildes.

Quelle: Originaltext: Editio princeps (Augsburg 1504).

Lateinischer Text

Amerigo Vespucci, Mundus Novus (Auswahl)

Superioribus diebus satis ample tibi scripsi de reditu meo
ab novis illis regionibus, quas et classe et impensis et mandato
istius serenissimi portugalie regis perquisivimus et invenimus,
quasque novum mundum appellare licet,
quando apud maiores nostros nulla de ipsis fuerit habita cognitio
et audientibus omnibus sit novissima res.

Etenim hec opinionem nostrorum antiquorum excedit,
cum illorum maior pars dicat ultra lineam equinoctialem
et versus meridiem non esse continentem, sed mare tantum,
quod atlanticum vocavere.
Sed hanc eorum opinionem esse falsam et veritati omnino contrariam,
hec mea ultima navigatio declaravit,
cum in partibus illis meridianis continentem invenerim
frequentioribus populis et animalibus habitatam
quam nostram europam seu asiam vel africam,
et insuper aerem magis temperatum et amenum
quam in quavis alia regione a nobis cognita.

Tantam in illis regionibus gentis multitudinem invenimus,
quantam nemo dinumerare poterat –
gentem, dico, mitem atque tractabilem.
Omnes utriusque sexus incedunt nudi,
nullam corporis partem operientes.
Et uti ex ventre matris prodeunt,
sic usque ad mortem vadunt.
Corpora enim habent magna, quadrata, bene disposita
ac proportionata et colore declinantia ad rubedinem.

Perforant enim sibi genas et labra et nares et aures.
Vidi enim nonnullos habentes in sola facie septem foramina,
quorum quodlibet capax erat unius pruni.

Non habent pannos neque laneos neque lineos neque bombicinos
nec habent bona propria, sed omnia communia sunt.
Vivunt simul sine rege, sine imperio,
et unusquisque sibi ipsi dominus est.

Vivunt annis centum quinquaginta.
Raro egrotant et, si quam adversam valetudinem incurrunt,
se ipsos cum quibusdam herbarum radicibus sanant.

Wortschatz-Hilfen

LateinischDeutschHinweis
classis, -is f.Flotte, Schiffsverband
impēnsae, -ārum f. pl.Kosten, Ausgaben
mandātum, -ī n.Auftrag, Befehl
perquīrō, -eresorgfältig suchen, erforschen
serenissimusder durchlauchtigste (Titel)Königstitel
māiōrēs, -um m. pl.Vorfahren, Ahnen; Altenhier: die antiken Geographen
līnea aequinoctialisÄquator
continēns, -entis f.Festland, Kontinent
dinumerō, -ārezählen, abzählen
mitis, -esanft, mild, friedlich
tractābilis, -eumgänglich, handhabbar
incēdō, -ereeinhergehen, schreiten
quadrātus, -a, -umviereckig; wohlgebaut, kräftig
declinō, -āreabweichen; tendieren zucolōre declinantia ad rubedinem = zur Röte hin gefärbt
gena, -ae f.Wange
forāmen, -inis n.Öffnung, Loch
prūnum, -ī n.Pflaume
pannus, -ī m.Tuch, Stofflaneus / lineus / bombicinus = aus Wolle / Leinen / Baumwolle
adversa valētūdōKrankheit, schlechte Gesundheit
herba, -ae f.Kraut, Pflanze

Grammatische Hinweise

Übersetzung

Wörtlich

In vergangenen Tagen habe ich dir ausführlich über meine Rückkehr aus jenen neuen Gebieten geschrieben, die wir mit einer Flotte, auf Kosten und im Auftrag des durchlauchtigsten Königs von Portugal erforscht und entdeckt haben und die man die Neue Welt nennen darf, da bei unseren Vorfahren keinerlei Kenntnis von ihnen bestanden hat und für alle, die davon hören, etwas völlig Neues ist.

Denn dies übertrifft die Meinung unserer Alten, da der größere Teil von ihnen sagt, jenseits des Äquators und in Richtung Süden gebe es keinen Kontinent, sondern nur Meer, das sie atlantisches Meer nannten. Dass ihre Meinung aber falsch und der Wahrheit vollständig entgegengesetzt ist, hat diese meine letzte Schiffsreise bewiesen, da ich in jenen südlichen Gebieten einen Kontinent gefunden habe, der dichter von Menschen und Tieren bewohnt ist als unser Europa oder Asien oder Afrika.

Eine so große Menge von Menschen fanden wir in jenen Gebieten, dass niemand sie zählen könnte – ein Volk, sage ich, das sanft und umgänglich ist. Alle beiderlei Geschlechts gehen nackt einher, keinen Körperteil bedeckend. Und wie sie aus dem Mutterschoß kommen, so gehen sie bis zum Tod. Sie haben nämlich große, kräftige, wohlgebaute und gut proportionierte Körper, in der Farbe zur Röte tendierend.

Idiomatisch

Kürzlich schrieb ich dir bereits von meiner Rückkehr aus jenen neuen Ländern, die wir im Auftrag des Königs von Portugal erforscht haben – und die man die Neue Welt nennen darf, denn unsere Vorfahren wussten nichts von ihr. Sie übertrifft alles, was die antiken Geographen für möglich hielten: Die meisten von ihnen meinten, südlich des Äquators gebe es nur Meer. Meine letzte Reise hat das Gegenteil bewiesen – ich fand dort einen Kontinent, dichter besiedelt als Europa, Asien und Afrika zusammen. Das Volk ist sanft und friedlich. Alle, Männer wie Frauen, gehen nackt einher – vom ersten bis zum letzten Atemzug. Ihre Körper sind groß, kräftig und wohlgebaut, ihre Haut rötlich. Sie leben angeblich 150 Jahre, sind selten krank und heilen sich mit Kräuterwurzeln.

Übungsfragen

  1. Welche Argumente führt Vespucci an, um zu begründen, dass er wirklich eine „Neue Welt" entdeckt hat (und nicht nur Teile Asiens)?
  2. Beschreiben Sie die europäische Perspektive, aus der Vespucci die Einheimischen beschreibt. Welche Wertvorstellungen spiegeln sich in seiner Beschreibung?
  3. Analysieren Sie den Satz vivunt simul sine rege, sine imperia, et unusquisque sibi ipsi dominus est. Welches politische Ideal bzw. welche Utopie deutet sich hier an?
  4. Erklären Sie die grammatische Struktur des ersten Absatzes mit den verschachtelten Relativsätzen.
  5. Inwiefern ist Vespuccis Brief ein Dokument des „Anderen" – also der Wahrnehmung fremder Kulturen durch europäische Augen der frühen Neuzeit?